Unter großer Anteilnahme der italienischen Medien ist am Dienstag in Rom Kardinal Camillo Ruini verstorben. Er wurde 95 Jahre alt, prägte über Jahrzehnte die italienische Kirche und wirkte stark in die Politik und das gesellschaftliche Leben des Landes hinein. Bereits 1986 hatte ihn Papst Johannes Paul II. zum Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz ernannt, Ruini war damals Weihbischof des Bistums Reggio Emilia. Entscheidend wurde jedoch das Jahr 1991: Der polnische Papst ernannte ihn zu seinem Kardinalvikar für das Bistum Rom, verlieh ihm die Kardinalswürde und berief ihn an die Spitze der Italienischen Bischofskonferenz, deren Vorsitz er bis 2007 innehaben sollte.
Ruini war damit der führende Mann der Kirche im Stiefelstaat, der den Katholiken Italiens in der Zeit des Untergangs der „Democrazia cristiana“ Orientierung und eine Stimme geben musste. Der Philosoph Rocco Buttiglione, der damals in der Politik aktiv war, charakterisierte Ruini jetzt gegenüber der Tageszeitung „La Repubblica“ mit den Worten: „Er war ein Mann von großem Glauben und großer Bildung mit einem ironischen und desillusionierten Blick auf die Dinge der Welt und noch mehr auf die italienischen. Er hatte den Verstand eines großen Intellektuellen, war aber im Herzen ein Mann des Volkes; er identifizierte sich mit dem italienischen Volk und mit den Menschen seiner Region. Er war sehr hartnäckig in seinen Ansichten.“ Ruini hatte entscheidend Anteil daran, dass ein Teil der italienischen Katholiken bei „Forza Italia“-Gründer Silvio Berlusconi eine neue politische Heimat fand. Zu Berlusconi und dessen Vertrautem Gianni Letta unterhielt Ruini gute Beziehungen.
„Mit katholischem Stolz“
Dem Glaubenspräfekten Kardinal Joseph Ratzinger war Ruini freundschaftlich verbunden und nahm auch am Konklave des Jahres 2005 teil, aus dem Benedikt XVI. hervorging. Nach dem Eintritt Ruinis in den Ruhestand im Jahr 2008 vertraute der deutsche Papst dem Kardinal 2010 die Leitung der Untersuchungskommission zu den Vorgängen im Marienwallfahrtsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina an. Vier Jahre später ging der sogenannte „Ruini-Bericht“ an Papst Franziskus. Der Abschlussbericht unterschied die ersten Erscheinungen Mariens vom 24. Juni bis 3. Juli 1981 von den weiteren Ereignissen und empfahl, diese ersten Visionen der Seherkinder weiter zu untersuchen, weil sie echt gewesen sein könnten. Das Bistum Rom ließ in einer ersten Mitteilung zum Tod des Kardinals verlauten, Ruini sei „scharfsinnig in der Beurteilung der politischen und sozialen Veränderungen des Landes“ gewesen. Er habe es für unerlässlich gehalten, „kulturelle Übergänge mit katholischem Stolz zu begleiten, Hüter eines Werteerbes zu sein, das nicht verborgen, sondern vielmehr bewahrt und verteidigt werden muss, ganz im Sinne seines bischöflichen Mottos ‚Veritas liberabit nos‘ (Die Wahrheit wird uns frei machen).“
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