Exzellenz, welche Bedeutung hat die Volksfrömmigkeit in Ihrem Land?
Für die Gläubigen spielt sie eine große Rolle, die Menschen hängen an den Gebräuchen. Die Volksfrömmigkeit stärkt die geistlichen Abwehrkräfte; sie verbindet die Generationen und hat auch eine gewisse Schutzfunktion gegenüber den Abwerbungsversuchen protestantischer Sekten und politischen Ideologien. Man soll sie nicht auf bestimmte Festtage beschränken, sondern als Hilfestellung für die Bekehrung im Alltag sehen. Besonders verehrt wird in Peru der „Herr der Wunder“, ein von einem farbigen Sklaven gemaltes Christusbild, das die schweren Erdbeben in Lima in den Jahren 1655 und 1687 unbeschädigt überstanden hat. Aber auch die Marienverehrung hat ihren festen Platz bei uns.
Wie gehen die Sekten in der Prälatur Yauyos vor?
Bei uns bestehen nur sehr vereinzelt Sektenniederlassungen. Hier und da gibt es Prediger, manche versammeln ihre Anhänger, darunter viele Migranten und Menschen aus bildungsfernen Schichten, in einer Garage oder ihrem Privathaus. Die Sekten sind eigentlich nicht das Problem. Viel verbreiteter ist der religiöse Indifferentismus und die Weigerung, sich zu binden. Wir erleben einen Generationenbruch: Es gibt noch fromme ältere Kirchgänger, aber die jungen Leute fehlen. Wir merken es an den Taufen: Unter den Kindertaufen sind immer mehr Sieben- und Achtjährige, die erst vor der Erstkommunion getauft werden. Das war früher anders. Viele Menschen gehen ganz im Streben nach beruflichem Erfolg und den sozialen Netzwerken auf. Uns würde es guttun, wie in Deutschland sonntags die Läden zu schließen.

Stichwort Deutschland: In Kirchenkreisen hat der Synodale Weg für Zündstoff gesorgt. Welche Rolle spielt diese Debatte bei Ihnen?
Synodalität war in Peru schon ein Thema, ehe Papst Franziskus den Synodalen Prozess der Weltkirche ankündigte. In der Prälatur Yauyos haben etwa 5000 Gläubige an den Synodalgesprächen teilgenommen. Das wurde mit Begeisterung aufgenommen; gleichwohl sehe ich die Gefahr, sich in ermüdenden Sitzungen im Kreis zu drehen. Irgendwann muss man sich an die Arbeit machen. Die Menschen erhoffen sich bei uns mehr geistliche Aufmerksamkeit: Vor allem die Zahl der Messorte soll größer werden, auch in abgelegenen Gegenden. Die Priester sollen mehr Zeit für die Seelsorge und das Gespräch haben, das Glaubenswissen soll vertieft werden, die Ehepaare brauchen in Krisen mehr Unterstützung. Auch die Caritas vor Ort soll besser helfen können.
Wie wirkt der deutsche Synodale Weg auf Sie?
Ich schätze die Katholiken in Deutschland sehr, aber es gibt Forderungen wie beispielsweise die Frauenordination, die bei uns Befürchtungen wecken. Bei uns ist das überhaupt kein Thema. Auch die Neustrukturierung der Kirche darf im Synodalgespräch nicht ausufern. Manches ist auch erschreckend: etwa die Abstimmungen, die an ein Parlament erinnern. Die Kirche ist zwar hierarchisch verfasst, aber das Kirchenrecht verhindert durch Beratungsgremien eine Bischofsdiktatur. In Deutschland sind diese Gremien gut organisiert, bei uns scheitert das oft schon an den Entfernungen: Priester, die in Bergregionen arbeiten, haben oft viele Gemeinden und nur wenige Helfer in den Pfarreien. Die Pandemie hat Peru in der Weiterentwicklung stark zurückgeworfen, Wir haben uns immer noch nicht von den Folgen erholt.
Wie sieht ein zeitgemäßes Laienapostolat aus Ihrer Sicht aus?
In Peru herrscht große Armut und soziale Ungerechtigkeit. Hier sollen die Laien anpacken. Es geht in der Kirche nicht um die Frage, wer die Glocken läutet. Es ist Klerikalismus, wenn sich die Laien in Kirchen und Kapellen zurückziehen. Laien sollen sich auf das Zeitgeschehen konzentrieren und sich im Beruf, in der Politik, in Bildungseinrichtungen und im Kulturbetrieb heiligen. Lateinamerika hat sehr unter korrupten Politikern gelitten. Darüber sind die Menschen frustriert, manche radikalisieren sich. In der Region Yauyos kann eine Blinddarmentzündung lebensgefährlich sein, weil es keine Möglichkeit gibt, sie zu behandeln. Dafür muss man nach Lima fahren. Da ist viel Sand im öffentlichen Getriebe – und hier sind redliche Laien gefragt, die ihre Arbeit gewissenhaft erledigen.
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