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Vatikan-Diplomatie über Bande

Zwei abgestimmte Moskau-Reisen? Wenn ein hoher Vertreter der US-Administration und der Chefdiplomat des Heiligen Stuhls zeitgleich in die russische Hauptstadt reisen, darf über die Hintergründe spekuliert werden. 
Bruno Kahl, ukraineerfahrener deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl, hat in Papst Leo einen aufmerksamen Zuhörer.
Foto: Imago/Catholic-Press Photo | Bruno Kahl, ukraineerfahrener deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl, hat in Papst Leo einen aufmerksamen Zuhörer.

Zwei brisante und scheinbar unabhängige Moskau-Besuche zur gleichen Zeit überraschten letzte Woche die Welt. Der amerikanische CIA-Geheimdienstchef John Ratcliffe reiste ebenso in die russische Hauptstadt wie Erzbischof Paul Richard Gallagher, der vatikanische „Außenminister“. Im Auftrag des Papstes traf Gallagher Außenminister Lawrow und rief zum Frieden im Ukraine-Krieg auf – in offizieller Vermittlungsmission. Das Besuchsprogramm war komplex – und mit längerem Vorlauf geplant.

Der Heilige Stuhl betonte hernach in erster Linie die kirchliche Seite der Visite: Austausch mit Metropolit Antonij, Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, dazu Begegnungen mit russischen Bischöfen und der katholischen Gemeinde mit dem Abschlussgottesdienst in der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis. Halb kirchlich, halb politisch: die Gespräche mit Vertretern von in Moskau akkreditierten Missionen, dem Wirkungsbereich von Nuntius Giovanni d’Aniello.

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International weit mehr beachtet wurde das Treffen mit Außenminister Sergej Lawrow. Der Spitzendiplomat beließ es in der abschließenden Pressekonferenz bei Floskeln diplomatischer Freundlichkeit. Das Verhältnis zwischen Russland und dem Heiligen Stuhl sei weiterhin geprägt von Vertrauen, Freundschaft und Pragmatismus. Er dankte dem Vatikan für dessen aus russischer Sicht „ausgewogene Position zur Lage in und um die Ukraine“. Gallagher beließ es nicht bei derlei Nettigkeiten: „Lasst uns klar sein: Dieser Krieg muss enden!“ Daneben betonte er, der Konflikt könne „nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden“, es sei „unerlässlich, die Voraussetzungen für einen ernsthaften politischen und diplomatischen Prozess zu schaffen“, jeder weitere Kriegstag schaffe „neue Opfer … und erschwere eine künftige Versöhnung …“. Zusätzlich forderte er die Einhaltung des humanitären Völkerrechts.

Während also der Vatikan die Moskauer Bühne für einen eindringlichen Friedensappell nutzte, blieb es um den Besuch des CIA-Chefs auffallend still. Überhaupt hätte niemand von dem Besuch erfahren, wenn nicht über Flightradar24 ungewöhnliche Flugbewegungen aufgefallen wären. John Ratcliffe traf sich in Moskau mit den beiden Spitzen der russischen Geheimdienste: Alexander Bortnikow, Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, und Sergej Naryschkin, Chef des russischen Auslandsnachrichtendienstes. Mit Naryschkin hatte er kurz vorher ein erstes Telefonat geführt, das erste direkte Gespräch der Spionagechefs seit über zwei Jahren.

Ein Kunststück „Made in Germany“?

Das Rätsel um die Koinzidenz der Moskau-Reisen von Vatikan und CIA bleibt – oder besteht doch eine Verbindung, sogar eine deutsche? Eine Recherche dieser Zeitung gibt zumindest Anlass zu entsprechenden Mutmaßungen.

Der Texaner Ratcliffe ist praktizierender Katholik, die akademische Karriere begann an der renommierten Notre Dame University. Um seinen Glauben macht der CIA-Chef kein Aufheben, das verbindet ihn mit dem praktizierenden Katholiken Bruno Kahl, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes. Die Amtszeiten der beiden überschnitten sich 2025 für ein halbes Jahr. Danach wurde Kahl deutscher Botschafter im Vatikan. Der verwitwete Vater zweier Töchter war bis dahin immer einer der deutlichsten Mahner in Bezug auf eine russische Bedrohung. Als am 24. Februar 2022 der russische Großangriff auf Kiew begann, saß er in der ukrainischen Hauptstadt fest, wo er sich zu Beratungen aufhielt. Während die Botschafterin Anka Feldhusen auf Befehl aus Berlin ihren Posten räumte, blieb Kahl mutig bei der diplomatischen Nachhut – in freier Entscheidung: „Wir haben dann die Botschaft zugeschlossen, unsere Sachen gepackt oder vernichtet und die Bundesflagge eingerollt.“ Die Fahrt danach zur polnischen Grenze wurde zum Abenteuer, Hunderttausende waren auf der Flucht. Zu Russland braucht Kahl keine Belehrungen.

Aus Kreml-Sicht käme er als Mittler für unbelastete, zukunftsweisende Annäherungen kaum in Betracht. Sein Nachfolger Martin Jäger dagegen telefonierte drei Monate nach seinem Amtsantritt im letzten Dezember mit – Sergej Naryschkin, dem bereits genannten Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes. Das wurde als „seltener, direkter Kontakt zwischen deutschen und russischen Stellen“ eingeordnet, sogar TASS griff die Meldung auf. Eine Vorbereitung von Ratcliffes Gespräch?

Bruno Kahl, Ratcliffe, Jäger, Naryschkin: Der deutsche Vatikan-Botschafter könnte bei der Vorbereitung des Moskau-Besuchs über Bande gespielt haben – und blieb selbst unsichtbar. Dazu passt, dass er anders als seine vatikanischen Botschaftsvorgänger Annette Schavan, Michael Koch und Bernhard Kotsch bisher kein einziges Interview gegeben hat, nicht einmal den Vatikan-Medien. Kahls Worte zu Russland waren Silber, sein derzeitiges Schweigen ist vielleicht Gold.

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