Zum 80-jährigen Bestehen Nordrhein-Westfalens haben die Kirchen die gesellschaftliche Vielfalt des Landes betont und mehr Anstrengung bei der Integration gefordert. Wie kein anderes Bundesland habe NRW „Menschen verschiedener Herkunft, Sprachen, Religionen und Kulturen integriert. Wir sind nicht fertig damit“, lobte die evangelische Präses von Westfalen, Adelheid Ruck-Schröder, am Sonntag bei einem ökumenischen Gottesdienst vor dem Dom in Münster.
„Gott will keine Einheitsstruktur, stattdessen erschafft er die Vielzahl der Sprachen“, so Ruck-Schröder weiter. „Er schützt die Menschen vor sich selbst, indem er sie plural verfasst. Menschen sollen auf der ganzen Erde zerstreut die Schöpfung gestalten. Redet miteinander – so verschieden ihr auch seid. Das ist die Message.“
Pluralität und gottgewollte Vielfalt seien die biblische Grußbotschaft zum NRW-Geburtstag, so Ruck-Schröder. Gott wolle, dass die Menschen sich verständigen müssen. Dies sei „ein großartiger Auftrag an das Land NRW von wahrhaft biblischem Ausmaß“. Anlass des Gottesdienstes war der Nordrhein-Westfalen-Tag zum Geburtstag des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes. Er stand unter dem Motto „Demokratie lebt. Vielfalt verbindet“.
Neue Formen von Armut und Reichtum
Auch Münsters katholischer Bischof Heiner Wilmer, der zugleich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, legte die alttestamentliche Geschichte vom Turmbau zu Babel in der gemeinsamen Predigt im Sinne eines Lobes der Vielfalt aus: „Am Ende der Geschichte von Babel stehen drei Bilder: Eine Stadt bleibt unvollendet. Die Sprachen werden vielfältig, die Menschen zerstreut. Darin liegt ein Auftrag. Die Welt bleibt eine Baustelle. Auch nach 80 Jahren ist Nordrhein-Westfalen nicht fertig. Gott sei Dank! Wir dürfen und wir müssen weiter bauen. In einer Sprachenvielfalt, die unser Bundesland prägt.“
Gleichzeitig verwirre der Turmbau zu Babel; er werfe alle Ordnung durcheinander. „Nicht nur, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Nein, Arm und Reich werden durch den Turmbau von Babel neu definiert.“ Arm sei etwa, „wer das Land schlechter redet, als es ist, wer vor Angst vergeht und die Freiheit eintauscht gegen Sicherheit. Arm ist, wer in der identitären Debatte meint, exakt sagen zu können, wer wir sind und wer die anderen sind, und dann munter ins Blaue wählt.“
Reich sei dagegen beispielsweise, „wer erkennt, dass der Wohlstand unseres Landes wesentlich auch den ausländischen Bergarbeitern im Ruhrgebiet zu verdanken ist“ oder wer „dankbar ist für den syrischen Chefarzt, für die muslimische Krankenschwester und für den katholischen Kongolesen, der auf der Intensivstation arbeitet. Reich ist, wer sieht, wie Mitglieder seiner Familie im Krankenhaus oder im Altenheim von Menschen mit Migrationshintergrund getragen werden, vom Sprechen bis zum Handhalten, vom Wundenpflegen bis zur Operation, vom Bett in den Stuhl, vom Stuhl bis zum Stuhlgang. Reich ist jemand, in dem die leise Ahnung aufsteigt, dass er eines Tages selbst auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird, die ihn dann tragen werden.“
„Empathie ist das Gütesiegel Europas“
Der Turmbau zu Babel lehre, dass nicht alle dieselbe Sprache, dieselben Überzeugungen oder dieselbe Herkunft bräuchten. Man brauche vielmehr „die Bereitschaft, uns aufeinander zuzubewegen“. Empathie, so Wilmer, sei keine Schwäche, sondern „das Gütesiegel Europas“: „Wo wir einander vertrauen und gemeinsam Zukunft bauen, wo wir solidarisch sind und mit Empathie handeln, bauen wir nicht allein. Wir bauen mit Gott.“
In Nordrhein-Westfalen leben knapp 18 Millionen Menschen, davon hat fast jeder Dritte einen Migrationshintergrund. Knapp ein Drittel der Einwohner ist katholisch, ein Fünftel evangelisch. Annähernd die Hälfte gehört einer anderen Glaubensgemeinschaft oder gar keiner mehr an. (DT/jra/KNA)
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