Philippe, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Gedanken, als Sie hier im Juni ankamen?
Oh, ja. Schon beim Anflug auf Salzburg konnte ich das Kloster sehen. Am Flughafen nahm ich ein Taxi, aber es setzte mich an der Franziskuspforte unten am Kreuzweg ab, denn der Wagen durfte nicht zum Kloster hochfahren. Ich packte meine schwere Tasche auf den Rücken und machte mich zu Fuß auf den Weg nach oben. Ich war von der langen Reise völlig erschöpft und durch den Aufstieg aufgewühlt, denn ich hatte das Gefühl, als würde ich ein Kreuz zu Gott hinauftragen. Was mich ebenfalls bewegte: Mir war bewusst, dass ich mit meinem Aufenthalt im Kloster in den nächsten Wochen etwas tun würde, was ich noch nie zuvor gemacht hatte. Und dass ich dabei auf die Annehmlichkeiten verzichten müsste, die ich normalerweise habe, wenn ich an einer Produktion arbeite.
Wie kamen Sie darauf, in ein Kloster zu gehen, statt sich in einem Hotel einzumieten?
Ich hatte schon lange den Wunsch, irgendwann diese Erfahrung zu machen. Mein Gesangslehrer, der inzwischen verstorben ist, hat sich jedes Jahr für zwei Wochen in eine spirituelle Gemeinschaft in einem Kloster in völliger Stille zurückgezogen. Die Produktion während der Festspielzeit war für mich eine Gelegenheit, mir diese Erfahrung nun zu ermöglichen. Ich wollte mehr über Franziskus erfahren und ganz in die franziskanische Welt eintauchen. Was mich beeindruckt hat, war der Reichtum der Spiritualität. Der Tag ist durch das gemeinsame Gebet der Brüder strukturiert. Ich habe oft daran teilgenommen und empfand es als etwas sehr Kraftvolles. Allein den Kapuzinerberg hinaufzugehen, ist eine Möglichkeit, dem Chaos und dem Lärm der Welt zu entkommen. Es ist zutiefst beruhigend.
Wie hat sich Ihr Glaube durch die Rolle des Franziskus und die Zeit im Kapuzinerkloster verändert?
Durch die vielen, wirklich intensiven theologischen Gespräche und durch die Gewohnheiten und Rituale der Brüder, die ich übernommen habe, ist meine persönliche Beziehung zu Gott intensiver geworden. Ich habe so viel von diesem wertenden Blick losgelassen, den wir Menschen oft in uns tragen. Und dadurch habe ich ein viel tieferes Gefühl von Geduld und Gelassenheit gegenüber der Welt entwickelt – und eine größere Akzeptanz des Leidens, das zu unserer Existenz dazugehört. Und das ermöglicht es mir, Schönheit viel klarer zu sehen. Es gibt eine Textstelle, die ich gestern gelesen habe und die mich erschüttert hat: Wenn man Wissen erlangt und die Welt immer besser versteht, öffnen sich zwei Wege. Der eine ist, dass man verbittert, weil die Welt zunehmend ihre Verzauberung verliert. Und der andere ist, dass man das Wissen über die Welt annimmt und sich bewusst dafür entscheidet, auf der Schönheit zu bestehen. Ich habe in dieser Zeit sehr deutlich erkannt, dass ich meine Entscheidung getroffen habe. Und das ist ein Geschenk.
Wie hat es sich ergeben, dass Sie Franziskus als Bühnenfigur verkörperten?
Die Salzburger Festspiele haben bei mir angefragt, aber ich bat darum, ein paar Monate Zeit zu bekommen, um mir die Rolle anzusehen und herauszufinden, ob sie für mich machbar ist.
Ein paar Monate Bedenkzeit sind schon ziemlich lang, oder?
Ja, aber ich musste darüber nachdenken und das Ganze erst einmal auf mich wirken lassen. Mir war klar, dass diese Oper eine Herausforderung sein würde. Ich ließ mir also Zeit. Dann kam der Punkt, an dem sie wirklich eine Antwort von mir brauchten … Damals war ich gerade zufällig in San Francisco und mit einem Freund unterwegs, der Opernregisseur ist. Gemeinsam haben wir uns die Partitur angesehen. Und als wir in dem Lokal einmal aufschauten, bemerkten wir, dass direkt neben uns eine Statue des heiligen Franziskus stand, der einen Vogel in der Hand hielt. Da dachte ich: „Das ist ein Zeichen. Jetzt muss ich zusagen.“ Und noch etwas war augenfällig: Schauen Sie auf den Namen der Stadt – dieses Erlebnis hatte ich ausgerechnet in San Francisco!
Was fasziniert Sie besonders an dem Heiligen?
Er hatte eine sehr persönliche, individuelle Beziehung zu Gott, die für ihn von außerordentlicher Bedeutung war. Und dieses tiefe Vertrauen in seine eigene Gotteserfahrung war für ihn stärker als die Tradition der Kirche. Mir sagt das: Die Beziehung zu Gott erneuert sich ständig. Es ist nicht so, dass man einfach ein Häkchen setzt und sagt: „Okay, jetzt ist alles in Ordnung, jetzt bist du auf der sicheren Seite.“ Ich glaube, dass dieser Aspekt des Glaubens oft nicht genug betont wird: Dass es sich um einen fortwährenden Prozess handelt. Genauso gehe ich auch bei jeder Vorstellung nicht mit einem festen Plan auf die Bühne. Ich habe mich entschieden, diese Oper als eine Art spirituelle Praxis zu verstehen. Denn es ist keine Oper im herkömmlichen Sinne. Im Grunde ist das ganze Werk ein Gebet. Es geht nicht um die Handlung oder eine Geschichte. Es geht um eine Begegnung.
Sind Sie katholisch?
Ich bin katholisch getauft, aber in der anglikanischen Kirche aufgewachsen, also in der „Church of England“ – in Kanada. Obwohl sie als reformierte Kirche gilt, ist sie in ihrer Liturgie, ihrer Symbolik und auch in ihrer äußeren Gestaltung näher an der katholischen Tradition, als der Begriff „reformiert“ zunächst vermuten lässt. Ich war dort Chorknabe und auch Messdiener. Aber die katholischen Heiligen spielen in dieser Tradition keine besonders große Rolle. Deshalb wusste ich auch nicht viel über Franziskus. Ich wusste, wer er ist, und dass er der erste Stigmatisierte war – aber mein Wissen war eher oberflächlich. Mit der Übernahme der Rolle habe ich angefangen, mich näher mit Franziskus zu beschäftigen. Ich war ziemlich beeindruckt von der Einzigartigkeit seines Charakters. Denn er war sehr lange ein Außenseiter. Er hat sich von seiner Familie und auch von dem Leben, aus dem er stammte, losgesagt. Er lebte lange Zeit ohne festen Wohnsitz draußen in den Wäldern. Er war gewissermaßen eine Art Narr. Diese Tatsache kommt in Messiaens Oper nicht so stark zum Tragen. Üblicherweise haben wir ein bestimmtes Bild von Franziskus – unter anderem geprägt durch Giottos Fresken. Schon sehr früh wurde er mythologisiert. Daher hat es mich gefreut, dass der Regisseur Romeo Castellucci eine ähnliche Vorstellung hatte wie ich. Auch er sprach sich dafür aus, dass wir die frühen Jahre von Franziskus stärker hervorheben. Die diesjährige Opernproduktion schafft dadurch ein Gleichgewicht zwischen dem Bild, das wir von Franziskus als Archetyp haben, und der Einzigartigkeit seines persönlichen Glaubens und seines frühen Wirkens.
Welche Szene in Messiaens Oper ist Ihnen persönlich die liebste?
Schwierige Frage. Ich mag die Musik insgesamt sehr, aber sie ist besonders gefühlvoll und zärtlich am Ende der Oper, wenn Franziskus sich von den Brüdern verabschiedet und stirbt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon viel gesungen, ich bin stimmlich fast am Ende, mein Körper ist extrem müde. Auf der Bühne weiß ich, dass alles, was mit meiner Stimme passieren könnte, auch sein darf. Es kann so klingen, als würde ich kämpfen oder mich abmühen, es ist ja der Moment, in dem Franziskus stirbt. Aber das Ironische ist: Weil ich mir erlaube, mich anzustrengen und zu kämpfen, ist das Singen extrem leicht. Und in mir kommt das Gefühl auf, dass nicht ich mehr singe, sondern dass ich gesungen werde. Ich liebe diesen Moment.
Die Interviewerin ist freie Journalistin und Buchautorin.
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