Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ erzählt vom Zusammenbruch einer Existenz: Der wohlhabende Mann verliert Freunde, Besitz, Macht und schließlich sein Leben. Doch das Stück ist mehr als eine moralische Abrechnung. In seinem Kern trägt es eine vage, aber entscheidende Hoffnung – die Ahnung von Erlösung. Ist das Ende nicht gleichzeitig der wichtigste Anfang? Jedermann verliert sein Leben, und gewinnt es doch. Das Ende des Lebens ist sein eigentlicher Beginn.
Hofmannsthal knüpfte mit seinem 1911 entstandenen Spiel bewusst an die Tradition der mittelalterlichen Moralitäten an. Mahnend, doch unterhaltend, distanziert, doch einladend. Sein Vorbild war das englische Mysterienspiel „Everyman“, das den Weg eines Menschen vor das göttliche Gericht schildert. Diese christliche Tradition kennt den Tod nicht als endgültige Auslöschung, sondern als Übergang. Der Mensch wird zur Rechenschaft gerufen, doch er bleibt offen für Gnade. Bis ganz zum Schluss. Als der reiche Mann erkennt, dass ihm Besitz und Freunde nichts nützen, beginnt seine Umkehr. Reue und Beichte stärken die Guten Werke als verkörperte Bühnenfigur – und geben seiner Seele wieder Gewicht. Dieser Moment ist der eigentliche Wendepunkt des Stücks: die Erkenntnis, dass selbst im letzten Augenblick noch eine Rückkehr möglich ist.
Der Tod erscheint bei Hofmannsthal zwar unerbittlich, aber nicht als Vernichter um der Zerstörung willen. Gewaltenteilung: Er ist Bote und Grenzgänger, nicht Richter. Am Ende wird Jedermanns Seele von Engeln aufgenommen – eine Szene, die an mittelalterliche Darstellungen der „ars moriendi“, der Kunst des christlichen Sterbens, erinnert. Das Drama endet daher nicht im Grab, sondern im Horizont der Erlösung.
Der klassische Jedermann?
Viele große Schauspieler haben diese Anlage des Stücks zwischen Tod und Erlösung ergreifend umgesetzt. Der klassische, weltmännische Jedermann war lange Zeit der von Curd Jürgens. Seine Interpretation in den Siebzigern war die eines souveränen Grandseigneurs, eines Mannes, der sich seiner Macht und seines Reichtums vollkommen bewusst ist. Jürgens, „Des Teufels General“ und ein Mann, den die Frauen liebten, spielte keinen vulgären Emporkömmling, sondern einen aristokratischen Bonvivant.
Gerade diese unantastbare Eleganz machte den Sturz umso dramatischer: Wenn der Tod kam, verlor hier nicht ein Geschäftsmann seine Konten, sondern ein Souverän seinen Geltungsbereich. Jürgens’ Jedermann war damit eine Figur des europäischen Bürgertums in seiner Spätphase – glänzend, kultiviert, aber innerlich hohl. Aber auch er: schlussendlich machtlos vor dem göttlichen Erlösungswerk.
Ganz anders Maximilian Schell, der danach den Jedermann verkörperte. Bei ihm trat an die Stelle des mondänen Weltenmannes der Intellektuelle. Schell spielte die Rolle mit nervöser Energie, fast modernistisch, als existenzielle Krise eines denkenden Menschen. Sein Jedermann war weniger ein Reicher als ein Suchender. Der Moment der Erkenntnis – dass Besitz, Freunde und Macht ihn verlassen – wurde bei Schell zu einem philosophischen Erwachen. Hofmannsthals Mysterienspiel rückte damit näher an das existenzialistische Theater des 20. Jahrhunderts. Seine Erlösung – eine ganz und gar im Irdischen verhaftete Perspektive.
Sein Zusammenbruch wirkte monumental
Mit Klaus Maria Brandauer kam eine eruptive, barocke Kraft auf den Domplatz. Sein Jedermann war eine Figur der Extreme. Brandauer spielte den Reichen als charismatischen Machtmenschen, als Titan der Selbstgewissheit. Sein Pathos, seine Stimme, seine körperliche Präsenz machten den Domplatz zur Bühne eines moralischen Welttheaters. Wenn Brandauer tobte, war das weniger psychologische Darstellung als elementare Geste. Sein Zusammenbruch wirkte entsprechend monumental – der Sturz eines Herrschers, dessen Fallhöhe die Umkehr umso eindringlicher erfahrbar werden ließ. Brandauer holte den Himmel nach Salzburg zurück.
Eine neue, nahbar-erfahrbare Dimension lieferte Tobias Moretti in den 2010er-Jahren. Sein Jedermann war weniger Monument als Mensch. Moretti legte die Rolle stärker psychologisch an, mit Brüchen und Momenten der Selbstzweifel. Der Reichtum erschien nicht mehr als souveräne Macht, sondern als Last. Diese Interpretation passte zu einer Zeit, in der wirtschaftlicher Erfolg moralisch ambivalenter betrachtet wird. Morettis Jedermann war kein Dauer-Sieger, der plötzlich verliert, sondern ein heillos Getriebener, der fast zu spät das Heil erkennt, welches ihm wirklich fehlt.
Mit Lars Eidinger betrat schließlich eine radikal moderne Lesart die Bühne. Sein Jedermann war ein exzessiver Gegenwartsmensch, ein rastloser Player zwischen Narzissmus und Selbstverachtung. Eidinger brachte körperliche Unruhe, Ironie und Provokation in die Rolle. Er spielte den Reichen wie einen Menschen aus der Welt der sozialen Medien und stampfenden Beats der Techno-Klubs: permanent in Bewegung, permanent auf sich selbst bezogen. Wenn der Tod erscheint, wirkt das nicht wie göttliches Gericht, sondern wie ein plötzliches Innehalten der Zeit. Ungläubig-staunend blickt Eidinger auf die Ereignisse – und muss doch auf die Handlungshoheit bei den letzten Dingen verzichten.
Eine Projektionsfläche
Ganz im Spiel der Identitäten bewegt sich wiederum Philipp Hochmair, der den Jedermann seit 2018 mit elektrischer Energie spielt. Hochmairs Interpretation ist körperlich, rhythmisch, fast musikalisch, scheut aber vor einer personalen Festlegung zurück. Sogar seine Blasphemie wirkt wie Selbstbetäubung, weil voraussetzungslos. „Welcher Typ bin ich eigentlich?“ Er weiß es nicht. Sein Jedermann ist weniger ein wohlhabender Bürger als ein gehetzter Performer des Lebens, der seine Nächte in der Berghain-Disco verdaddelt. Hochmair spricht Hofmannsthals Verse mit einer Geschwindigkeit und Intensität, die den Text neu hörbar macht, Techno-Dichtung auf Koks. Die Figur erscheint bei ihm als Mensch der beschleunigten Gesellschaft – reich, erfolgreich, erlösungsbedürftig. Aber weiß er auch um diese Erlösungsbedürftigkeit, oder überkommt sie ihn als Verheißung aus einer unbekannten Welt, von der die frühen Jedermänner der Vergangenheit zumindest wussten – oder eine Ahnung hatten.
Der Klassiker dieser Reihe bleibt dennoch Brandauer, dessen Interpretation bis heute als Maßstab gilt. Doch gerade im Vergleich wird deutlich, wie sehr sich die Figur verändert hat. Während Jürgens noch den souveränen Bürger verkörperte, zeigen Hochmair oder Eidinger den ruhelos-rastlosen Menschen der Gegenwart, an dem die sinnstiftenden Angebote der Erlösung eigentlich vorbeigehen müssten. Und doch kommen sie selbst da zum Tragen. Niemand ist ganz verloren.
Hofmannsthals „Jedermann“ ist keine feste Figur, sondern eine Projektionsfläche. Jede Generation erkennt in ihm ihr eigenes Bild vom Menschen – seinen Stolz, seine Verblendung und seine späte, (hoffentlich) nie ganz zu späte Einsicht. Der Tod, er bleibt derselbe, der Mensch, der ihm begegnet, verändert sich. Und mit ihm der Jedermann.
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