Während des Dreißigjährigen Krieges kämpfte der schwedische König Gustav II. Adolf auf der Seite der evangelischen Parteien. Heute unterstützt das nach Gustav Adolf benannte Hilfswerk evangelische Diasporagemeinden in mehr als 40 Ländern.
Pfarrer Haaks, wofür gibt es das Gustav-Adolf-Werk?
Das Gustav-Adolf-Werk sieht sich per Definition als Diaspora-Werk der evangelischen Kirche in Deutschland. Wir unterstützen lutherische, reformierte und unierte Kirchen in 40 Ländern dieser Welt. Insgesamt sind das rund 50 Kirchen, denn in manchen Ländern haben wir mehrere Partnerkirchen.
Wir sind in Europa tätig, in Kuba, in Südamerika, im Nahen Osten oder in Zentralasien. Wir unterstützen unsere Partnerkirchen, die in ihren Ländern stets in der Minderheit sind, dabei, sich als evangelische Christen in der Gesellschaft einzubringen, für ihren Glauben einzustehen und ökumenisch zu handeln.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Werk?
Im Kontext der Veränderungen in der Kirchenlandschaft ist eine der wichtigsten Herausforderungen die Frage, wie wir unser Werk zukunftsfähig aufstellen. Kirchliche Mittel gehen zurück, Kirchengemeinden werden zusammengelegt, damit gehen auch Kollekten zurück. Unser Werk lebt aber schwerpunktmäßig von den Kollekten und den Einnahmen, die in den Landeskirchen generiert werden. Und von den Spendenaufrufen, die wir starten, wenn unsere evangelischen Partnerkirchen von einer Naturkatastrophe oder einem Krieg, wie in der Ukraine oder in Syrien, betroffen sind.
Wie unterscheidet sich denn das Gustav-Adolf-Werk von „Brot für die Welt“?
Wir sind dezidiert für evangelische Kirchen da und versuchen, die Kirchen zu stärken. Wir sind keine humanitäre Entwicklungsorganisation, wie es Brot für die Welt ist, das mit vielen Partnern zusammenarbeitet, die nicht unbedingt immer kirchliche Partner sein müssen. Wir sind dezidiert für die kirchlichen Partner da und versuchen, dass sie ihren Glauben leben können. Dafür brauchen sie zum Beispiel Gebäude. Wir sind eines der wenigen Werke, die überhaupt noch Gebäudesanierungen finanzieren. Das ist für unsere Partner manchmal wichtig: Man braucht Dächer, um sich zu versammeln. Man braucht Räume, um diakonisch tätig zu sein.
Bekommen Sie staatliche Mittel für Ihre Arbeit?
Nein. Wir haben ein einziges Mal mit dem Staat zusammengearbeitet, im Umfeld des Ukraine-Kriegs. Der Aufwand, mit staatlichen Strukturen, mit staatlichem Geld zusammenzuarbeiten, war aber unwahrscheinlich hoch. Man muss bestimmte Fristen einhalten, man muss Bedingungen erfüllen, die manche Projekte so gar nicht erfüllen können. Und es gibt einen unwahrscheinlich hohen Personalaufwand in der Verwaltung.
Die evangelischen Kirchen in Deutschland werden kleiner. Wirkt sich das schon auf die Einnahmen Ihres Werks aus?
Bisher haben wir das nicht gemerkt. Wir haben Jahr für Jahr rund 2,5 Millionen Euro, die wir in unsere Partnerkirchen geben können. Im letzten Jahr waren es 2,3 Millionen Euro. Wir erleben jetzt aber, dass unsere Hauptgruppen in den einzelnen Landeskirchen ihre Zusagen für unseren Projektkatalog reduzieren. Was nach wie vor gut läuft, ist die Nothilfe nach dringenden Spendenaufrufen. Und dann arbeiten wir mit unseren Partnern der Waldenserkirche in Italien zusammen, die uns Teile ihrer Einnahmen aus der italienischen Kultursteuer zur Weitergabe an unsere Partnerkirchen geben.
Welche Art von Projekten unterstützen Sie?
Nehmen Sie einmal die reformierte Kirche in Siebenbürgen, also Rumänien. Da bat eine Gemeinde um 5.000 Euro, damit Dachziegel gekauft werden können. Das Dachdecken macht die Gemeinde dann selbst, mit Eigeninitiative. Das ist so ein typisches Gustav-Adolf-Projekt. Und für so etwas ist es auch nicht ganz einfach, Spenden einzuwerben – ganz anders, als etwa für Solarpaneele auf Kuba, wenn in den Nachrichten zur besten Sendezeit über Stromausfälle auf der Insel berichtet wird. Oder wenn eine Partnerkirche nach einem Erdbeben um Unterstützung bittet.
Was wir zum Beispiel auch haben, ist eine Mobilitätshilfe: Wir unterstützen Gemeinden beim Kauf von Fahrzeugen. In Ländern wie Argentinien müssen Menschen manchmal irre lange Strecken zurücklegen, um zum Gottesdienst zu kommen. Das ist im Prinzip das, was das katholische Bonifatiuswerk mit seinen gelben Bussen macht. Wenn es in Argentinien kein Auto gibt, kann man die Gemeinden nicht versorgen.
Sie sprachen jetzt das Bonifatiuswerk, also das katholische Diaspora-Hilfswerk, schon an, und Ihre Arbeit ähnelt der des katholischen Werks. Gibt es da eine Zusammenarbeit, tauscht man sich aus?
Wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen. Wir kennen uns, und auf ökumenischen Kirchentagen zum Beispiel arbeiten wir auch mit gemeinsamen Ständen zusammen. Aber in Nordeuropa, wo das Bonifatiuswerk aktiv ist, sind wir Evangelischen nun nicht unbedingt in der Diaspora. Nur im Baltikum und in Ostdeutschland haben wir da Überschneidungen. Dinge, die wir praktisch zusammen machen können, halten sich deswegen in Grenzen. In den katholischen Ländern Osteuropas arbeiten wir da eher schon mit Renovabis zusammen.
Das Bonifatiuswerk unterstützt katholische Gemeinden auch theologisch. Machen Sie das auch?
Wir haben zum Beispiel Stipendien für Theologiestudierende, die ein Jahr nach Leipzig kommen wollen. Manchmal auch für zwei oder drei Jahre. Diese Stipendiaten, die dann als Pastoren in ihre Kirchen gehen, unterstützen wir. Und wir stellen den theologischen Bibliotheken in unseren Partnerkirchen Bücher zur Verfügung und unterstützen sie mit Material.
Sie haben vorhin gesagt, Sie kriegen von den Waldensern aus Italien Gelder. Wie genau funktioniert das und was machen Sie da?
Die Italiener haben seit der Regierung von Benito Craxi eine Kultursozialsteuer. Jeder Steuerpflichtige muss acht Promille seines Einkommens an eine vom Staat dafür anerkannte Organisation zahlen. Das kann die katholische Kirche sein, das kann das Rote Kreuz sein – und das kann zum Beispiel auch die kleine italienische Kirche der Waldenser sein.
Und obwohl diese Kirche sehr, sehr klein ist, bekommt sie zwischen 20 und 25 Millionen Euro jedes Jahr. Als eine Kirche, die aus der Armutsbewegung kommt, legt diese Kirche Wert darauf, Partner im Ausland zu unterstützen. Deswegen haben wir mit den Waldensern einen Vertrag geschlossen und geben einen Teil der Mittel dieser Kirche an evangelische Kirchen in aller Welt weiter.
Gehen Gelder auch in deutsche Kirchengemeinden?
Wir haben in der Tat schon Projekte in Deutschland unterstützt, zum Beispiel die Anschaffung von Inventar für neu gegründete evangelische Schulen in Ostdeutschland. Oder als Anschubfinanzierung für die ersten drei Jahre, denn da bekommen diese Schulen noch keine staatliche Unterstützung.
Aber das ist weniger geworden, denn die Schulen sind ja gegründet worden und arbeiten nun. Und wir unterstützen das Konfirmandencamp der EKD in Wittenberg. Das hängt damit zusammen, dass das Gustav-Adolf-Werk in vielen Landeskirchen die Kollekten von Konfirmationsgottesdiensten als „Konfirmandengabe“ bekommt. Deswegen machen wir da auch Workshops mit den Jugendlichen.
Und wo ist das Gustav-Adolf-Werk am meisten präsent?
Die Kirche, die am meisten bekommt, ist die Lutherische Kirche in Brasilien. Die kommen auf ca. 120.000 Euro. Aber sie ist auch die größte unserer Partnerkirchen, mit etwa 650.000 Gemeindegliedern. Was wir versuchen, ist, dass jede Partnerkirche jedes Jahr nicht weniger als 10.000 Euro erhält. Was wir merken, ist, wie in der veränderten Weltlage unsere Partner auch vor neuen Herausforderungen stehen – die Kirchen in der Ukraine, in Syrien oder in Russland zum Beispiel …
Haben Sie denn noch Beziehungen zu Russland?
Zu den beiden lutherischen Kirchen gibt es noch Beziehungen, aber die Kontakte sind schwächer geworden. Eine Herausforderung für uns sind auch die Waldbrände in Spanien und Frankreich. In der Region um Bordeaux herum gibt es Menschen, die schon 2021 alles verloren haben und jetzt wieder betroffen sind. Wir unterstützen da allerdings nicht die Menschen, die ihre Wohnung verloren haben – das machen andere Werke. Wir unterstützen die Gemeinden, die durch die Brände etwa ihr Gemeindehaus verloren haben. Wir sind keine Diakonie-Katastrophenhilfe und keine „Aktion Deutschland hilft“, und das wollen wir auch nicht sein. Aber wenn Gemeindearbeit unter einer Katastrophe leidet, kommen wir ins Spiel.
Die katholische Kirche nimmt in der Diaspora etwa in Skandinavien oft ein starkes Wachstum wahr. Beobachten Sie so etwas bei Ihren Partnern auch?
Die Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, haben alle ähnliche Probleme. Vor allen Dingen, wenn sie eher – ich nutze das Wort jetzt einmal – „liberal“ orientiert sind – also wenn sie die Welt in aller Ambivalenz sehen und nicht für alles eine klare, feste Meinung haben. Diese Kirchen wachsen oft nicht so stark wie etwa die Pfingstbewegung. Allerdings gibt es Ausnahmen.
Ich habe zum Beispiel eine Gemeinde in der Nähe von Brüssel besucht: Dort hatte man lange Zeit ein dunkles, finsteres Gemeindehaus, das nach einer von uns geförderten Renovierung hell und freundlich geworden ist. Und man hat einen neuen Pfarrer bekommen, der sich in der Stadtgesellschaft gut vernetzt hat. Das wirkt jetzt auch anziehend auf die Menschen. Diese Gemeinde wächst.
Sind solche Beziehungen die Zukunft der evangelischen Kirche?
Eigentlich ist das ja nichts Neues. Das gab es immer schon. Wir sind mitten in Transformationsprozessen drin, und wie sich die Kirche neu aufstellt, bleibt eine große Herausforderung, auch bei uns in Deutschland. Wir profitieren sehr von der Kirchensteuer, wir profitieren davon, wir Pfarrer vor allen Dingen, dass wir so einen Beamtenstatus haben – aber es bleibt die Frage: Wie lange noch?
Was kann die Kirche denn hier in Deutschland von der evangelischen Diaspora lernen?
Das ist immer wieder eine gute Frage. Ich würde nicht sagen: „von der Diaspora“, sondern „mit der Diaspora“. Lasst uns „mit der Diaspora“ lernen. Denn die Kontexte sind nicht überall vergleichbar. In Tschechien gibt es die Kirche der Böhmischen Brüder, wo auch im Kommunismus die Pfarrer vom Staat bezahlt wurden. Mit allen Vor- und Nachteilen. Da gab es natürlich Bespitzelungen, da gab es Leute, die dann eben auch dem Staat zugearbeitet haben.
Aber diese Staatsleistungen laufen jetzt bis 2030 aus. Danach ist die Kirche völlig unabhängig. Dort musste man sich völlig umstellen, auch in der eigenen Mentalität. Alles, was man sich leisten will, müssen die Gemeinden künftig selbst finanzieren: den Pfarrer, die Kirche, das Gemeindehaus. Und ähnlich wie in Deutschland steht man dort vor der Frage, welche Gebäude man noch bespielen kann. Diese Fragen haben wir bei uns auch, da kann es sich lohnen, gemeinsam zu lernen.
Und wo geht es für das Gustav-Adolf-Werk künftig hin?
Es gibt in der EKD ja mehrere Einrichtungen, die mit unseren evangelischen Diasporapartnern zusammenarbeiten. Da werden wir uns schon die Frage stellen müssen, wie wir das künftig organisieren. Ich glaube, wir müssen da eher zusammenrücken. Nicht um unseretwillen, nicht um unserer Jobs willen, sondern um unserer Partner willen. Denn sie brauchen uns – und wir brauchen sie und die Erfahrung, auch in der Minderheit evangelische Kirche sein zu können.
(KNA)
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