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Evangelische Publizistik in der Krise

Geplante Kürzungen bei der bayerischen Landeskirche sorgen für Aufregung. Eine Analyse.
München
Foto: IMAGO/B. Lindenthaler (www.imago-images.de) | Christian Kopp, Landesbischoff der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Uwe Brückner vom Presseclub München.

Die neuesten Agenturmeldungen zur Mitgliederentwicklung der ehemaligen Volkskirchen beschreiben einen schon lange anhaltenden Trend. Katholiken und Protestanten haben 2025 rund 1,2 Millionen Mitglieder verloren. Ein erneuter Höchststand bei den Austrittsquoten. So weit, so langweilig. Und wie seit Jahrzehnten geht auch die Diskussion darüber weiter, was nun genau Kirche ist und was nicht. Welche Handlungsfelder gehören zwingend zur christlichen Religion und was ist lässlicher „Luxus“? Schon lange gehört die christliche Publizistik zur evangelischen wie katholischen Verhandlungsmasse. Braucht es etwa noch die Kirchengebietspresse? Der neueste Fall in dieser Diskussion ist die lutherische Landeskirche in Bayern.

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Auf ihrer Webseite heißt es unter der Rubrik „Evangelische Medien“: „Als eigene gewachsene Form steht neben der Öffentlichkeitsarbeit die evangelische Publizistik mit Nachrichtendienst und Wochenzeitungen, Verlagsveröffentlichungen, Filmproduktionen und diversen Crossmedia-Projekten. Wahrhaftige, aktuelle, verständliche und ästhetisch ansprechende Information ist gefragt. Das Ethos und die Qualitätskriterien guter Pressearbeit sind die Grundlage der Glaubwürdigkeit kirchlicher Publizistik.“ Hehre und schöne Worte! Vor mehr als 70 Jahren, nämlich 1954, wurde der Evangelische Presseverband für Bayern (EPV) gegründet. Kronzeuge dieser und im Grunde aller evangelischen Publizistik ist bis heute Robert Geisendörfer.

Der bayerische Pfarrer leitete von 1947 bis 1967 den Evangelischen Presseverband für Bayern. Er betonte nach den Schrecken der Nazi-Zeit immer wieder die Wichtigkeit einer eigenständigen und unabhängigen Presse in Deutschland, an der sich auch die Kirche aktiv beteiligen müsse. Geisendörfer engagierte sich mit diesem Anspruch weit über seine Landeskirche hinaus. Er war Rundfunkbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands und Gründer des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (gep). Seit 1983 würdigt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) daher auch mit dem Robert-Geisendörfer-Preis herausragende Leistungen deutscher Hörfunk- und Fernsehsender. Bis jetzt steht dieser Preis nicht zur Disposition.

Der Evangelische Presseverband für Bayern e. V. (EPV) aber schon. Zumindest wenn man die bundesweite Berichterstattung und Aufregung über vermeintliche Kürzungen der bayerischen Landeskirche verfolgt. Im Raum stehen jährlich 2,6 Millionen Euro Minus. So schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ Anfang März, dass es noch Mitte Februar nach einem „Kahlschlag“ bei Publikationen wie der traditionsreichen Wochenzeitung „Sonntagsblatt“ ausgesehen habe. Dann aber sei der bayerische Landesbischof Christian Kopp „zurückgerudert“. Es sei nie die Frage gewesen, die Unterstützung komplett einzustellen. Der Schutz der Mitarbeitenden sei für ihn jetzt von „allerhöchster Bedeutung“. Deren Arbeit sei „extrem wichtig“. Die Kirche brauche auch künftig kritische journalistische Arbeit – auch gegenüber der Institution selbst, wird Kopp in der SZ zitiert. Von einer kompletten Streichung des landeskirchlichen Zuschusses könne nun keine Rede mehr sein. Betroffen davon wären immerhin rund 50 Mitarbeitende im zentralen evangelischen Medienhaus.

EPV-Geschäftsführer Roland Gertz forderte laut SZ für seinen Verband, die Kündigung auszusetzen, bis eine neue, gemeinsam ausgearbeitete Vereinbarung unterschrieben sei. Zum Verband gehören die Wochenzeitung „Sonntagsblatt“ samt Online-Plattform sonntagsblatt.de, die Evangelische Funk-Agentur und das Evangelische Fernsehen sowie der bayerische Landesdienst des Evangelischen Pressedienstes (epd) und der Claudius-Verlag.

Nur braucht es die evangelische Publizistik wirklich noch angesichts der sinkenden Mitglieds- und damit auch Leserzahlen? Hand aufs Herz, wer liest heute noch eine Kirchenzeitung, wenn er oder sie es nicht unbedingt aus etwa beruflichen Gründen muss? Zumindest Johanna Haberer, ehemalige Professorin für Christliche Publizistik. Sie war von 1997 bis 2001 Rundfunkbeauftragte der EKD und somit eine Nachfolgerin von Robert Geisendörfer.

Zu viel Nähe zwischen Redaktion und PR?

In einer aktuellen Kolumne der Berliner Zeitung „die Kirche“ schreibt sie: „Bis 2035 sollen 40 Prozent eingespart werden. Erst 2024 hatte man alles in einem „Campus Kommunikation“ gebündelt. Die Nähe zwischen PR und Redaktion wuchs, intern kam es zu Reibungen. Nun droht eine Priorisierung der eigenen Öffentlichkeitsarbeit. Ob das der richtige Weg ist, darf bezweifelt werden.“

Denn der Vorgang verweise auf ein tieferes Problem. Die evangelische Publizistik hätte sich nie nur als bloße Verlängerung kirchlicher Verlautbarung verstanden. Ihr Anspruch sei immer schon journalistische Professionalität und institutionelle Unabhängigkeit gewesen. Wenn Journalisten allein zu Angestellten einer kirchlichen Kommunikationsstrategie würden, gehe diese Spannung verloren.

Weiter schreibt Haberer: „Die Folgen könnten über Bayern hinausreichen. Fällt ein großer Player heraus, gerät das fragile Gefüge weiter unter Druck. Eine Kirche, die ihre publizistischen Organe vor allem als Marketinginstrument begreift, riskiert Glaubwürdigkeit. Protestantische Tradition lebt von öffentlicher Debatte und vom Mut zur Kritik. Wer diesen Resonanzraum verengt, spart vielleicht kurzfristig Geld. Langfristig aber zahlt er mit Vertrauen. Und das ist in der Mediengesellschaft das knappste Gut.“

Und noch eine andere Aufgabe nimmt die Kirchengebietspresse wahr, ob sie nun in herkömmlicher Weise als Printprodukt oder moderner in digitaler Form daherkommt. Es geht um eine innerkirchliche Kommunikation über das jeweilige Landeskirchenamt und dessen Presseabteilung hinaus. Wo sonst hätten Meinungen und eventuell auch Kontroversen einen kirchlichen Debatten- und Publikationsraum? Gut gemachte Kirchenzeitungen erlauben sich, dem jeweiligen Episkopat Kritik entgegenzuhalten und Diskussionen zu ermöglichen. Und: Ähnlich wie bei Lokalzeitungen ist die Kirchengebietspresse eine der wenigen Gelegenheiten, sich als Ungeübter im Journalismus auszuprobieren. Welch ein Effekt, seinen Namen erstmals über einem Artikel abgedruckt zu sehen. Wäre das nicht passiert, hätte der Autor dieses Artikels als evangelischer Theologe vielleicht niemals den Weg in den professionellen Journalismus gefunden. Für diese Starthilfe sind viele der Kirchenpresse dankbar.

Kann, soll, muss Kirche sich also eine eigene, aber möglichst unabhängige Kirchenpresse leisten? Eindeutig ja, denn wieso sollten sich Evangelische wie Katholische einen ihrer vielleicht wichtigen Wege abschneiden, um verloren gegangene Mitglieder auch wieder zurückzuholen oder gar neue zu gewinnen? Man kann den bayerischen Lutheranern nur wünschen, dass ihre eigene Publizistik nicht kaputtgespart wird, die dann wohl kaum wiederbelebt werden könnte.

Der Autor ist Journalist und evangelischer Theologe. Er berichtet vor allem über Entwicklungen im evangelischen Bereich.

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