Wer gehofft hatte, dass Papst Leo in der schwelenden Auseinandersetzung um die „alte Messe“ nun entschieden eingreifen und nach dem Motu Proprio „Traditionis custodes“ von Papst Franziskus das Steuer wieder herumwerfen wird, um der von Benedikt XVI. mit „Summorum pontificum“ gewährten Freigabe des Römischen Ritus in der außerordentlichen Form wieder Geltung zu verschaffen, muss nach den acht Katechesen des Papstes zur Liturgie und der Konzilskonstitution „Sacrosanctum concilium“ zunächst einmal festhalten: Leo XIV. ist ganz und gar ein Mann der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums. Seit der ersten Ansprache über die Liturgiekonstitution des Konzils am 20. Mai hat der Papst alle Register gezogen, um den Teilnehmern der Mittwochsaudienzen, aber auch allen Gläubigen den Sinn und die Schönheit der Reform klarzumachen.
Papst Leo hatte am 20. Mai begonnen, in seinen Ansprachen bei der Generalaudienz die Absicht der Konzilsväter, die liturgische Bewegung des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts fruchtbar zu machen, zu erklären und die vom Zweiten Vatikanum intendierte liturgische Bildung, das heißt die Vertiefung der nicht nur „äußerlichen“, sondern auch „innerlichen“ Teilnahme der Gläubigen am liturgischen Geschehen, zum roten Faden der Mittwochskatechesen zu machen. Unterbrochen von der Audienz am 17. Juni, die er einem Rückblick auf seine Reise nach Spanien widmete, und den Ferien im Juli in Castel Gandolfo nahm er am 5. August das Thema der Liturgie wieder auf.
In dieser Katechese verband er die Liturgie mit dem Gebet, denn in der Konstitution „Sacrosanctum concilium“, so Papst Leo, bezeichne der Begriff „Gebet“ die ganze Liturgie. Diese Perspektive, fügte er an, sei entscheidend, weil sie die gesamte Liturgiereform ausgerichtet und ihr als tragende Achse die aktive Beteiligung der Gläubigen gegeben habe. Darum habe sich Papst Paul VI. inständig gewünscht, dass das Stundengebet, also das tägliche öffentliche Gebet der Kirche, das von der Eucharistie untrennbar sei, das ganze christliche Gebet beleben, leiten und zum Ausdruck bringen und das geistliche Leben des Gottesvolkes nachhaltig nähren solle. Das Stundengebet, sagte Papst Leo, „muss im täglichen Leben der Getauften und der Gemeinschaften immer mehr angenommen und gelebt werden. Vielen Menschen, die beten lernen wollen, insbesondere den Katechumenen, kann es den Weg und die Schule des christlichen Gebets bieten“. Jede Woche und jeden Tag seien die Eucharistie und das Stundengebet „der Lebensatem der Kirche“, der den Heiligen Geist durch ihren Leib zirkulieren lasse.
Nicht schweigen und passiv bleiben
In der Generalaudienz von heute schloss Papst Leo die Reihe der Ansprachen über die Liturgie ab und ging der Frage nach, was die Beweggründe der Konzilsväter für die Liturgiereform gewesen seien. Er begann mit einem Zitat von Kardinal Giovanni Battista Montini, dem damaligen Erzbischof von Mailand und späteren Papst, der in seinem „dritten Brief an die Gläubigen seiner Erzdiözese“ schrieb: „Die Liturgie ist ein aufrichtiger Ausdruck sowohl des Göttlichen als auch des Menschlichen. Sie ist Sprache. Sie ist einerseits Trägerin göttlicher Lehre, andererseits Stimme des Gesprächs mit Gott. Es ist klar, dass sie auf ihre lehrende Funktion nicht verzichten kann und dem Glauben und der Frömmigkeit die Möglichkeit bieten muss, sich in spontaner Verständlichkeit auszudrücken.“ Von diesen Überzeugungen bewegt, fügte Papst Leo an, habe der spätere Paul VI. bekräftigt, dass die Gläubigen „nicht länger schweigen und passiv bleiben können und dürfen. Ihre körperliche Anwesenheit kann nicht mit ihrer geistigen Abwesenheit in Einklang stehen.“
Papst Leo machte dann deutlich, dass die Reform der Liturgie ganz aus der Tradition erwachsen sei. Der Wunsch nach einer „allgemeinen Reform“ sei nicht plötzlich aufgekommen, sondern habe sich bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Wirken der aufeinanderfolgenden Päpste manifestiert, und das im Einklang mit den Forderungen der Liturgischen Bewegung. Die Feststellung, dass die Gläubigen nicht „als Fremde oder stumme Zuschauer“ an den Feiern teilnehmen sollten, sei bereits in der Apostolischen Konstitution „Divini Cultus“ von Pius XI. aufgegriffen worden. Darüber hinaus erinnerte Leo XIV. an die Eingriffe von Pius XII. in die Ordnung der Riten der Karwoche, die er wieder auf die den Osterereignissen entsprechenden Stunden verlegte, nachdem sie jahrhundertelang auf die Morgenstunden vorverlegt worden waren. Johannes XXIII. habe dann eine Vereinfachung der Rubriken des Breviers und des Messbuchs für notwendig erachtet und diese mit dem Motu proprio „Rubricarum instructum“ des Jahres 1960 genehmigt, in dem er den Vorschlag der Grundprinzipien für eine Liturgiereform an das angekündigte Ökumenische Konzil verwies.
Die vom Zweiten Vatikanum vorangetriebene Liturgiereform „steht somit in der Tradition der lebendigen Kirche“, sagte der Papst. „Ihr richtiges Verständnis ermöglicht es auch, die Missbräuche zurückzuweisen, die in der nachkonziliaren Zeit in einigen Bereichen der Kirche aufgetreten sind und die leider manchmal noch heute vorkommen, indem einige der Grundsätze, die der Reform selbst zugrunde lagen, verabsolutiert oder falsch verstanden werden.“
Die Frage der Missbräuche
Insgesamt acht Mal hat Papst Leo bei der Generalaudienz über die Liturgiereform des Konzils gesprochen und man muss festhalten, was er nicht gesagt hat: Die „alte Messe“ hat er nie erwähnt. Sondern er hat mehrfach darauf hingewiesen, dass vor dem Konzil sowohl die Päpste des 20. Jahrhunderts wie die Liturgische Bewegung eine Reform der tridentinischen Messe kommen sahen und bereits eingeleitet hatten. Und: Er hat nie gesagt, dass liturgische Eigenmächtigkeiten Folge der Reform des Konzils gewesen seien. Eher hat man den Eindruck, dass er die Anhänger der „alten Messe“ von der Schönheit und biblischen Fundierung der „neuen Messe“ überzeugen will. Aber einer neuen Messe ohne Missbräuche und Kinkerlitzchen. Darum hat er heute am Ende seiner Ansprache die Zelebranten in die Pflicht genommen: „Es ist daher vor allem Aufgabe der Seelsorger, der Bischöfe, aber auch jedes einzelnen Priesters, eine Liturgie zu bewahren und zu fördern, die unter Einhaltung der liturgischen Vorschriften durch edle Einfachheit besticht und so die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche zum Ausdruck bringt.“
Aber auch über die Traditionalisten, die Gottesdienste der Piusbruderschaft besuchen, hat Papst Leo nie gesprochen beziehungsweise sich an sie gewandt. Wohl wissend, dass nicht die Liturgie der Knackpunkt der Auseinandersetzung ist, sondern das Zweite Vatikanum insgesamt. Mit den unerlaubten Bischofsweihen haben die Piusbrüder den Weg in die Exkommunikation und damit in das Schisma gewählt. Zurück bleiben viele Gläubige, die sich nicht von Rom lossagen wollen, aber eine feierliche Messfeier wünschen, in der das Sakrale zum Ausdruck kommt. Diesen Katholiken hat Papst Leo jetzt in acht Katechesen aufgezeigt, dass sie eine wahrhaft göttliche Liturgie auch in den Messen finden können, wie sie die gesamte katholische Kirche seit dem Jahr 1970 feiert. Übrigens auch alle Päpste. Selbst Benedikt XVI. hat nicht ein einziges Mal einen Gottesdienst, zum Beispiel in einer römischen Gemeinde der Petrusbruderschaft, nach dem Messbuch von 1962 feiern wollen.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









