Immer wieder komme ich mit jungen Menschen ins Gespräch. Viele von ihnen führen schon in jungen Jahren ein beneidenswertes Leben. Ihr Studium läuft perfekt, ihre Praktika sind bestens organisiert, der Berufseinstieg scheint nur noch Formsache zu sein. Sie sind fleißig, diszipliniert und gut organisiert. Doch manchmal fallen in diesen Gesprächen solche Sätze: „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das alles mache.“ Oder: „Ich funktioniere nur noch.“
Das lässt mich ratlos zurück. Denn vielleicht liegt das Problem ja gar nicht darin, dass es diesen jungen Leuten an Disziplin mangelt. Vielleicht haben sie sogar zu viel davon. Viel zu viel Ehrgeiz. Sie verfolgen ihre Ziele mit bewundernswerter Zielstrebigkeit. Alles ist auf Erfolg getrimmt. Nur stellt sich bei ihnen irgendwann die Frage, ob es überhaupt ihre eigenen Ziele sind, denen sie nachjagen.
Es gibt ein Bild aus der Psychologie, es könnte fast aus der Bibel entnommen sein: Dort, in der Heiligen Schrift, träumt der Erzvater Jakob nämlich, dass er Engel eine Treppe auf- und absteigen sieht (Gen 28,12). So eine Leiter, gleich ob Engel oder Mensch, erklimmt man Sprosse für Sprosse. Nun aber eben die Entdeckung, die diese jungen Menschen machen: Erst ganz oben merken sie, dass die Leiter die ganze Zeit über an der falschen Wand angelehnt war. Selbst die größte Anstrengung nützt nichts mehr, um die Situation zu retten. Man ist zwar weit in die Höhe gekommen, aber eben in der falschen Richtung.
Leistung ist nicht Alles
Unsere Gesellschaft schätzt Erfolg. Das ist zunächst nicht anrüchig. Schwieriger wird es indes, wenn Leistung zum einzigen Maßstab im Leben wird. Dann richten sich viele nach den Erwartungen anderer, nach den Vorstellungen der Eltern, nach dem, was auf Instagram oder TikTok gerade im Trend ist, oder nach dem, was man eben für einen gelungenen Lebenslauf hält. Aber wer ständig gegen seine eigene innere Stimme ankämpfen muss, wird irgendwann ausgelaugt und müde. Das muss sich gar nicht körperlich ausdrücken, meist wettert es dann im Inneren, rein seelisch.
Der heilige Ignatius von Loyola beschreibt in seinem Exerzitienbüchlein einmal sehr nüchtern, dass Entscheidungen, die nicht aus dem Innersten eines Menschen stammen, auf Dauer keine Aussicht auf Ruhe und Befriedigung haben. Umgekehrt kann der Weg durchaus anstrengend und herausfordernd sein und man kann dennoch den Begleitton von Ruhe und Zufriedenheit mitsummen. Das ist oft ein gutes Indiz, dass jemand seiner eigenen Bestimmung, seiner Berufung, näherkommt.
Berufung ist Heimat und Geborgenheit
Berufung heißt deshalb nicht zuerst, Priester oder Ordensfrau werden zu wollen. Berufung meint den Platz im Leben, der Heimat und Geborgenheit bedeutet. So sollte man sich ruhig die Frage zu stellen trauen: Was ist meine Leidenschaft? Wo blühe ich auf? Was sind meine Talente (für die es viel zu schade wäre, würde ich sie vergraben und nie mehr heben)? So kann ein Leben voller Hingabe und Freude am Gestalten werden!
Gefragt sind keine erschöpften Erfolgsfunktionäre, Menschen, die auf die falsche Treppe steigen und sich wundern, dass sie so unglücklich sind. Gott möchte Menschen, die aus der echten Verbundenheit mit ihm leben, das heißt, die darauf vertrauen, von ihm angenommen und gewollt zu sein.
Der Autor, 32 Jahre alt, ist Priester im Bistum Regensburg.
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