Heute hat das 47. „Meeting für die Freundschaft“ in Rimini begonnen. Und es startete gleich mit einem emotionalen Höhepunkt: Zwei Frauen traten auf – eine der großen Hallen der Messe von Rimini war bis auf den letzten Platz besetzt. Zusammen haben sie soeben in Italien ein Buch herausgebracht, das den Titel „Schwestern des Schmerzes“ (Sorelle di dolore, Verlag Ares-LEV) trägt. Die eine, Roseline Hamel, eine Französin vorgerückten Alters aus Rouen, ist die Schwester von Pater Jacques Hamel, den vor zehn Jahren nach der Feier der heiligen Messe noch am Altar der Kirche Saint-Étienne-du-Rouvray in Rouen zwei Attentäter des Islamischen Staats ermordet haben. Die andere, Nassera Kermiche, Lehrerin algerischer Herkunft, ist die Mutter von Adel, einem der beiden Terroristen, die nach dem Anschlag von der französischen Polizei erschossen wurden. Wer gestern schon in Rimini eingetroffen war, den empfing eine ausgeglühte Adriastadt in drückender Schwüle bei 35 Grad. Da war es angenehm, heute Morgen die frisch klimatisierte Messehalle bei gedämpftem blauem Licht zu betreten. Doch die Erzählung der beiden Frauen ging dennoch unter die Haut.
Abwechselnd erzählten Roseline und Nassera, wie sie den Tag der Ermordung von Pater Hamel und die Zeit danach erlebt haben. Monate dauerte es, bis sie den Schock überwinden konnten – Roseline in Trauer um den 86 Jahre alten Bruder, die Muslimin Nassera voller Unverständnis über die blutige Tat ihres Sohnes, der, in Frankreich geboren, sich in jungen Jahren von Dschihadisten radikalisieren ließ. Beide suchten nach einer Art von Erlösung, und die gläubige Katholikin Roseline tat den ersten Schritt: Dem Bischof von Rouen trug sie den Wunsch vor, der Mutter des toten Attentäters zu begegnen. Und der ermutigte sie sehr zu diesem Schritt.
Es begann mit Telefonaten zwischen den beiden Frauen
Es begann mit Telefonaten zwischen den beiden Frauen, die allmählich immer länger wurden. Nassera eröffnete der Schwester des Paters gleich zu Beginn ihrer Gespräche, dass sie genau auf diesen Moment gewartet habe – um den Schmerz überwinden zu können. Das Cover ihres gemeinsamen Buchs zeigt das Foto von ihrer ersten persönlichen Begegnung, die dann schließlich stattgefunden hat. „Der Schmerz, die Freundschaft, die Hoffnung“ lautet der Titel der Veranstaltung, die zugleich der Auftakt des diesjährigen Meetings war. Sie spiegelte in gewisser Weise den Geist wider, der von Anfang an den Geist dieser Initiative von Mitgliedern der Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ prägt, die Freundschaften stiften will, auch über die Grenzen von Kulturen, Nationen und Religionen hinaus.
Bernhard Scholz, Journalist und Unternehmensberater aus Deutschland, der seit Jahren der Präsident des Meetings ist und die Erzählung der beiden Frauen moderierte, nutzte die Gelegenheit, das Motto des diesjährigen Kulturfestes zu erklären. Die Titel der jährlichen Meetings klingen oft etwas surreal. Und das diesjährige Motto ist besonders blumig: „Die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt“. Es ist der letzte Satz von Dantes „Göttlicher Komödie“. Für Scholz ist die (katholische) Gewissheit, dass es „letztlich das Prinzip der Liebe ist, das das Universum bewegt und unser Leben mit einbeziehen will. Das lässt uns zum Kern vieler komplizierter und komplexer Fragen mit einer Hoffnung vordringen, die nicht der Entmutigung oder Gleichgültigkeit weicht.“
Man werde in diesen Tagen auf dem Meeting verschiedene Zeugnisse hören, meinte Scholz weiter, die Erfahrungen der Wiederversöhnung, des Verzeihens und der Zusammenarbeit unter widrigen oder auch feindlichen und gewalttätigen Umständen widerspiegeln. „Diese Zeugnisse brauchen wir immer, aber besonders in einem historisch dramatischen Augenblick wie heute: Die Liebe drängt sich von Natur aus nicht auf, sie muss angenommen werden, sie liefert sich unserer Freiheit aus. Aber wo sie angenommen wird, bewegt und verändert sie das Leben, bringt die Menschen zusammen und überwindet Feindschaften.“
Gemeinsam besuchten sie das Grab des Attentäters
Vor zwei Jahren besuchten Roseline und Nassera gemeinsam das Grab des Attentäters Adel. Die Schwester des Paters, für den ein Seligsprechungsprozess läuft, legte ein in Plastik gehülltes Schreiben unter die Steine des Grabs, in dem sie der Seele des Mörders wünscht, im Anblick des barmherzigen Gottes Vergebung und ewigen Frieden zu finden. Es seien Worte, die ihr ihr Bruder im Himmel eingegeben habe, sagte Roseline vor den Tausenden in der kühlen Messehalle mit dem gedämpften blauen Licht.
Ein emotionaler Höhepunkt gleich zu Beginn – und der tatsächliche Höhepunkt dann morgen: Leo XIV. trifft sich mit dem „Volk“ des Meetings: Der Papst wird sich zwei Ausstellungen ansehen – davon eine über den heiligen Augustinus – und in der größten Messehalle zu den Teilnehmern des Kulturtreffens sprechen. Die 20.000 Menschen fassende Halle war gleich zu Beginn der Registrierungen völlig ausgebucht, Videowände werden das Geschehen in die anderen Hallen und Säle transportieren. Der Nachmittag gehört ganz dem Papst, bevor Leo dann am Hafen mit den Einwohnern der Messestadt einen Gottesdienst feiern wird. Zuletzt hat mit Johannes Paul II. im Jahr 1982 ein Papst das Meeting und Rimini besucht.
Doch der Papst und der Ordensvater Augustinus waren schon heute Gegenstand einer weiteren großen Veranstaltung: „Auf den Spuren von Augustinus“. Auch hier war das Podium international besetzt: Der Erzbischof von Algier, Kardinal Jean-Paul Vesco, sprach über Augustinus, den Afrikaner, Catherine Conybeare, Augustinus-Forscherin aus Kanada, ging als Mutter der Frage nach, was der Gelehrte von Hippo heute den jungen Menschen zu sagen habe, etwa den Zehntausenden von Jugendlichen, die vor kurzem von Marokko nach Ceuta aufgebrochen sind. Und Pater Joseph L. Farrell, Generalprior der Augustiner, machte anhand der Gründung seines Ordens, die erst 800 Jahre nach dem Tod des heiligen Augustinus stattgefunden hat, deutlich, wie stark und zeitlos das geistliche Erbe des Ordensvaters war, das noch nach Jahrhunderten neue geistliche Früchte hervorbringen konnte.
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