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Der Fall ins Schisma

Unerlaubte Bischofsweihen und Exkommunikation: Weit weg von Rom, in Écône, spürt man die Last eines historischen Moments jenseits der roten Linie.
Weihen Piusbruderschaft
Foto: Bernard Hallet | Gut fünf Stunden verfolgten Ordensschwestern, Ministranten und Gäste aus aller Welt das Geschehen am 1. Juli in Écône.

Die Region um Écône war schon immer für ihre trotzige Haltung bekannt. In „De Bello Gallico“ beschreibt Julius Caesar epische Schlachten mit den hier ansässigen Kelten. Das von Rom errichtete Lager lag eingekesselt im engen Tal, wo die Römer trotz ihrer waffentechnischen Überlegenheit einen schweren Stand gegen diese tapferen Bergkrieger hatten. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie die Region endlich kontrollierten.

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Die Topografie – enge Täler, steile Pässe, hohe Berge, die wie Wagenburgen dastehen – hat einen besonderen Menschenschlag hervorgebracht. Im Mittelalter war jedes Tal eine autonome Kleinstrepublik, hartnäckig widersetzte man sich den Eroberungsversuchen der Savoyer. Und in den Sonderbundskriegen gehörte das Wallis zu jenem Bündnis konservativ-katholischer Kantone, das sich gegen die liberal-radikalen Bestrebungen nach einem stärkeren Bundesstaat wehrte. Erst 1848 konnte der Widerstand der Walliser gewaltsam gebrochen werden. Bern ist hier sehr weit weg. Und Rom erst!

Obwohl: Am Tag der historischen Bischofsweihen durch die Priesterbruderschaft St. Pius X. weht die Flagge mit den gekreuzten Schlüsseln und der Tiara über dem geistigen Zentrum der Priesterbruderschaft. Auch findet man Papstbildchen von Leo XIV. bei den in der Kirche des Unbefleckten Herzens Mariens erhältlichen Devotionalien. Und Zettel mit Papst-Gebeten wie: „Tu es pastor óvium / princeps Apostolórum: tibi tráditae sunt claves regni caelorum.“ Du bist der Hirt der Schafe, Fürst der Apostel, dir sind die Schlüssel des Himmelsreichs anvertraut.

Die Presse ist neben dem großen Festzelt auf Altarhöhe in einem separaten Bereich untergebracht, von hier hat man einen guten Blick auf die Weihen und das im tridentinischen Ritus zelebrierte Pontifikalamt, zelebriert von Bischof Alfonso de Galarreta, einem der zwei noch lebenden, 1988 von Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfe. Selbst die kirchenkritischsten der aus der ganzen Welt angereisten Journalisten, darunter die Kollegin der linken „Libération“ aus Paris und Elisabetta Povoledo von der „New York Times“, wirken beeindruckt von dem, was sich da vor ihren Augen über mehr als fünf Stunden hinweg entfaltet. Jede Handbewegung, jede Kniebeuge, jede Geste einer ewig gültigen Ordnung folgend, dann der Ritus der Salbung, dessen Wurzeln im Dunkel der Frühgeschichte liegen, all das eingerahmt von mehr als 15.000 fröhlichen und zugleich ernsten Menschen, die dem Augenschein nach keineswegs Eiferer sind, sondern einfach nur große Familien, Junge und Alte, Braune und Weiße, manche in hübschen Trachten und die Damen im heiratsfähigen Alter oft mit weißem Schleier. Es gibt Gegenden, da fühlt man sich nicht so wohl unter so vielen Verschleierten.

24 Stunden später: Schisma

Die Papsttreue, die von den Piusbrüdern und ihrem Gefolge immer wieder betont wird, wirkt allerdings nicht ganz aufrichtig. Zwei Tage vor den umkämpften Weihen, am Tag der heiligen Petrus und Paulus, hatte Papst Leo XIV. noch einmal die von Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991) im Jahr 1970 gegründete Gemeinschaft davor gewarnt, dass ein solch „schismatischer Akt“ die Exkommunikation nach sich ziehen würde und sie somit auch der rechtmäßigen Spendung mancher Sakramente beraubt wären. Der Ton des Heiligen Vaters war mit einem Verständnis garniert, das man aus Rom lange nicht mehr gehört hatte. Ausdrücklich erkannte er „die Verbundenheit mit dem liturgischen Leben, das Engagement in der priesterlichen Ausbildung, den apostolischen Eifer und den Wunsch nach Treue zur Tradition“ der FSSPX an. Der väterliche Appell endete dann aber mit dem scharfen Vorsichtsruf, dass, wer „den ungenähten Rock Christi“ zerreiße, damit eine Sünde von äußerster Schwere auf sich lade.

Diese rote Linie wurde am 1. Juli überschritten. Der Vatikan reagierte prompt. Keine 24 Stunden nach den Bischofsweihen stellte das Dikasterium für die Glaubenslehre das Delikt des Schismas fest. Dessen Folgen wurden, anders als 1988, nicht nur auf die Bischöfe, sondern auch auf die Priester und sogar die der Bruderschaft „verbundenen“ Laien ausgedehnt. Wie kirchenrechtlich bindend das alles ist, darüber werden sich Experten noch lange streiten; unbestreitbar ist, dass das in Écône wie eine unsichtbare Bombe einschlug.

Wie versteinert

Die zentral handelnden Personen der FSSPX bekamen davon zunächst nämlich nichts mit, denn es war am Morgen nach den Weihen. Pünktlich um 9 Uhr begann im nun spärlicher besetzten Festzelt, in dem tags zuvor das große Ereignis stattgefunden hatte, das erste Pontifikalamt des mit 53 Jahren ältesten der neuen FSSPX-Bischöfe. Der frisch konsekrierte Schweizer Pascal Schreiber, Regens des Priesterseminars Herz Jesu in Zaitzkofen, stand noch am Fuße des Altars, als um 9.03 Uhr die Veröffentlichung eintraf. Da traditionalistisch gesinnte Gläubige, anders als viele moderne Gottesdienstbesucher, während der Messe in der Regel nicht an ihren Handys herumspielen, sah man nur vereinzelt Reaktionen. Hier ein Flüstern. Dort Kopfschütteln. Aus dem rechts neben dem Altar platzierten Bereich schlichen sich zwei, drei Priester nervösen Blickes aus dem Zelt. Der jüngste der neuen Bischöfe, der 36 Jahre alte Franzose Marc Hanappier, wirkte die ganze Messe hindurch wie versteinert, den Blick gesenkt. Spürte er die Last seines Amtes? Die Last des historischen Moments? Ahnte er etwas?

Nach dem Pontifikalamt verbarrikadierte sich die hohe Geistlichkeit unverzüglich im Wohn- und Lehrgebäude der Bruderschaft oberhalb des Festzeltes. War dieses am Tag zuvor noch frei zugänglich gewesen, schirmte Sicherheitspersonal es nun ab. Zugang nur mit schwarzem Armbändchen – die waren dem Klerus vorbehalten.

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Doch mit Gläubigen ließ sich ins Gespräch kommen. Ein junger Mann aus Bayern, Lederhosenträger, etwa 40 Jahre alt, füllig, mit wachem, freundlichem Gesicht, steht im Schatten eines Kastanienbaums, raucht und liest mit zusammengezogenen Augenbrauen, was auf seinem Handydisplay steht. Ob ich ihn kurz stören darf? „Natürlich.“ Was er zu all dem sage? Vor allem dazu, dass nun die von FSSPX-Priestern gespendeten Sakramente wohl ungültig seien, ja dass sogar der regelmäßige Besuch von Pius-Messen als Ausweis schismatischer Gesinnung gewertet werden müsse und dies für den einzelnen Katholiken den Ausschluss von den Sakramenten bewirken könne? Er schaut mich mit einer Mischung aus Gelassenheit und Verwunderung an: „Die Messen bleiben gültig. Daran kann keine Macht der Welt etwas verändern. Zweitens: Ich kann weiter bei meinem Beichtvater beichten und gehe dann notfalls zu einem Ortspfarrer, um die Absolution zu erhalten.“ „Der Papst kann tun, was er will“, fügt er nach einer gemeinsamen Zigarette noch an, „aber er verliert Autorität, wenn er in einer Disziplinarangelegenheit streng ist, aber beim offenen Ungehorsam der LGBTQ-Bischöfe und dem massenhaften Abfall von Theologen lächelnd wegschaut.“

Bei Pius in Berlin

Im Wallis könnte man glauben, die vom Vatikan gezündete Bombe sei ein Blindgänger. Aber wie sieht es an den Rändern der FSSPX-Welt aus? Eine Stichprobe in Berlin, am Tag eins nach der Exkommunikation und den kurz danach veröffentlichten, noch schärfer formulierten Instruktionen für Rückkehrwillige. Es ist Herz-Jesu-Freitag. Das Grundstück, auf dem die Bruderschaft vor mehr als 20 Jahren das Priorat St. Petrus errichtet hat, liegt an einer Autobahnzufahrt, im Schatten einer Überführung. Nirgendwo Passanten, nur laute Autos. Hier wirkt eine kleine, aber stabile Gemeinde. Man sieht hier teuer gekleidete Männer mit Vollbart, die berlin-typischen Hipster-Typen, die, wenn sie den Katholizismus entdecken, nach Authentizität suchen und an Orten wie hier und St. Afra fündig werden.

Der Priester erwähnt den Konflikt mit Rom mit keiner Silbe. In seiner Predigt geht es ausschließlich um das allerheiligste Blut Christi. Am nächsten Morgen, es ist das Fest aller heiligen Päpste, das Gleiche. Kein Wort zur Krise. Beim anschließenden Gemeindefrühstück ebenso wenig. Man spricht über alles Mögliche, nur nicht über die Vorgänge der letzten Tage. Beim Hinausgehen lässt sich der erwähnte Hipster – er stellt sich als ein äußerst gebildeter Kroate heraus – doch noch zu einer Bemerkung hinreißen: „Das ganze Exkommunikationstheater hat, zumindest was uns Laien anbetrifft, keine Substanz“, sagt er missmutig, „als einfacher Gläubiger kann man ja kein Mitglied der Piusbruderschaft sein, und kein Papst kann dir verbieten, über die Folgen des Konzils eine eigene Meinung zu haben. Schönes Wochenende noch!“ Am Sonntag spricht Papst Leo XIV. vor dem Angelus-Gebet darüber, dass die „wahre Weisheit Gottes“ sich in der Demut offenbare. Solchen Worten scheint man in der Welt der Piusbrüder kaum Gehör zu schenken.


Der Autor ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Berlin.

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