„Wir müssen das Christentum intellektuell militarisieren“ – die Titelzeile des „Tagespost“-Interviews mit Ulf Poschardt (6.8.2026) nimmt Christian Geyer im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (7.8.2026) aufs Korn. Dabei spielt es keine Rolle, was Poschardt damit genau meint. Der Satz dient nur als Einflugschneise für etwas anderes: eine Kritik am kirchlichen Umgang mit der abtrünnigen Piusbruderschaft. Der assoziative Sprung funktioniert so: Poschardt, heißt es in der FAZ, dürfe sich in der „papsttreuen“ „Tagespost“ kämpferisch-christlich äußern, während den Piusbrüdern, die unter kirchlichem Verdikt stünden, dergleichen nicht zugestanden werde.
Dabei ist der „Tagespost“-Auftritt von Pius-„Chefdogmatiker“ Matthias Gaudron noch nicht lange her. Der hatte im Streitgespräch mit Sven Conrad von der (papsttreuen) Petrusbruderschaft (2.7.2026) alle Gelegenheit, sich intellektuell-militaristisch zu äußern – ging das Gespräch aber mit ostentativer Gelassenheit an.
Es geht um die Ablehnung zentraler Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils
Mit ihrem Urteil über die Piusbrüder, heißt es in der FAZ weiter, pfeife die Kirche „auf ihre überlieferten Reichtümer“ und richte sich „gegen Vertreter eines Priesterbilds, das als ‚alter Christus‘, als ‚anderer Christus‘ jahrhundertelang lebendig war“. Warum gehe man „im abwertenden Sprachregister von Exkommunikation, Schisma und Häresie“ auf die Bruderschaft los, das ansonsten längst ausgemustert sei? Klar, das kann man fragen. Und doch erstaunt die Herangehensweise: Beim Konflikt mit der Bruderschaft geht es Rom ja nicht primär um Priesterbild und spirituelle Reichtümer, sondern um die Ablehnung zentraler Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Mit dem Konzil hat die katholische Kirche ihr Verhältnis zum Staat, zu den anderen christlichen Konfessionen, zu den anderen Religionen und zum Judentum neu bestimmt. Diese Verhältnisbestimmung vollzieht die Piusbruderschaft nicht mit. In einer „Glaubenserklärung“ der Piusbrüder vom Mai 2026 heißt es: „Unser Herr (...) stiftet (...) den Neuen und Ewigen Bund und hebt den Alten auf. Er ist daher der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen und der einzige Weg, um zum Vater zu gelangen.“ Der Bund Gottes mit Israel – für die Piusbruderschaft ist er „aufgehoben“. Papst Johannes Paul II. sprach hingegen 1980 vom „nie gekündigten Alten Bund“. 1986 erklärte er, die jüdische Religion gehöre „in gewisser Weise zum ‚Inneren‘ unserer Religion“; Juden seien für Christen „unsere älteren Brüder“.
Freilich wirft das neue theologische Fragen auf: Wie lassen sich diese Aussagen mit der traditionellen Lehre von der Heilsuniversalität Christi und der Kirche zusammendenken? Als 2018 in „Communio“ ein Text Benedikts XVI. erschien, in dem der emeritierte Papst die Rede vom „ungekündigten Bund“ theologisch problematisierte, wurde im Feuilleton der FAZ Kritik laut: „Man kann es kaum fassen“, hieß es damals, warum Benedikt „mutwillig an einer Formel“ rüttle, die „zum Symbol der jüdisch-christlichen Verständigung“ geworden sei. Der „Communio“-Redaktion sei „grobe Fahrlässigkeit“ vorzuwerfen, weil sie die Ausführungen des Emeritus nicht mit den „Ergebnissen des christlich-jüdischen Dialogs“ kontextualisiert habe.
Die Piusbruderschaft setzt indes nicht nur Fragezeichen hinter einige Formulierungen. Vielmehr lehnt sie die „Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs“ rundheraus ab. Die diesbezügliche „Neuausrichtung unserer heiligen Lehre“ bezeichnet sie auf ihrer offiziellen Website als „kriminell“ und als „Sünde gegen den Glauben“. Der Autor der damaligen FAZ-Kritik an Benedikt XVI. war derselbe, der heute für die Piusbrüder in die Bresche springt: Christian Geyer.
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