Auf dem Weg zum Festspielhaus viele schwarz gekleidete Menschen. Ein Beerdigungszug schon zum Auftakt. Erleben wir gerade das Begräbnis der Bühnenkunstform „Oper“? Mit Richard Wagner verbindet mich inzwischen eine mehr als vierzigjährige Geschichte. Seit meinem 14. Lebensjahr fasziniert mich seine Musik. 1987 habe ich als Buchhändlerin unter den Linden mehr als ein halbes Monatsgehalt für eine gebrauchte Plattenaufnahme des gesamten Rings ausgegeben. Zum ersten Mal Bayreuth 1990 per Anhalter nach Bayreuth, in einem frisch gekauften, quietschgrünen Trainingsanzug. Seither hat mich der Grüne Hügel nicht mehr losgelassen. Den gesamten Ring dufte ich außerhalb des Grünen Hügels dreimal live erleben: zunächst konzertant unter Marek Janowski in der Berliner Philharmonie zwischen 2010 und 2013, anschließend 2017 in Bayreuth in der Inszenierung von Frank Castorf und schließlich 2022 an der Staatsoper Unter den Linden. Wagner-Inszenierungen leben von Einfällen und Unterschieden.
Der Rheingold-Auftakt 2026: von Beginn an seelenlose KI ohne echte Emotionen. Dinge werden zusammengefügt, die nur scheinbar zueinander passen. Hübsche, aber nichtssagende Projektionen auf Gazevorhänge, dekorative Motive wie an der Wartezimmerwand einer Zahnarztpraxis. Die Bühne bleibt im Dunkeln – mit düsterer Bilderkulisse ohne Sinn und ohne räumliche wie gedankliche Tiefe. Im Unterschied zu konzertanten Aufführungen kann man sich hier kaum dem Graben-Orchester zuwenden. Dort böten Dirigent und Musiker dem Blick des Zuhörers zumindest einen lebendigen Bezugspunkt. Wollen wir wirklich eine solche Musiktheater-Zukunft? Vielleicht hat dieses Erlebnis zumindest eine Warnfunktion.
KI-Leblosigkeit kann sich wie ein Virus auch auf Sänger und Orchester ausbreiten. Über Castorfs Ring-Regie-Idee mit dem Berliner Alexanderplatz konnte man damals trefflich streiten. Aber sie hatte eine Leitidee statt richtungsloser Beliebigkeit. KI ersetzt nicht echte Regiearbeit. Eine Inszenierung bedeutet, sich mit einem Stoff auseinanderzusetzen und aus menschlichen Gefühlen eine Idee zu entwickeln. Was mag Ex-Kanzlerin Angela Merkel neben uns denken? Auf dem Weg zum Parkplatz spricht ein älterer Herr in sein Handy: „So, und jetzt trinke ich endlich in Ruhe mein Bier.“ Ein Besucher mit Blindenstock wird zum Auto geführt. Er hat nicht allzu viel verpasst.
Operation Walküre
Der künstliche Regieassistent hatte über Nacht nichts dazugelernt. Stattdessen verwandelt Christian Thielemann seinen Dirigierstab in das Schwert Nothung. Jene Waffe also, die zwar zerbricht, am Ende aber von Menschenhand neu geschmiedet wird. Beziehungsreicher, treffender hätte das Bild für diesen Abend kaum sein können. Dankbarkeit ist kein Ausdruck für das, was man dem Bayreuther Maestro entgegenbringen sollte. Festspielorchester und Ensemble scheinen an diesem Abend den gemeinsamen Entschluss gefasst zu haben, das Publikum die Fehlstelle bei der Regie vergessen zu lassen. Es wirkt, als wollten sich alle Mitwirkenden beim Publikum dafür entschuldigen, dass ausgerechnet eine Maschine den Ring erzählen sollte. Einen Sänger oder eine Sängerin besonders hervorzuheben, würde den übrigen nicht gerecht. Stellvertretend genannt: Michael Volle als Wotan, Mika Kares als Hunding und Camilla Nylund als Brünnhilde.
An diesem denkwürdigen Abend hatten sich zwar alle lebenden Akteure selbst übertroffen. Doch die Bühne... Aber man stelle sich vor: ein Diavortrag - und der Gastgeber zeigt drei Stunden und 45 Minuten lang Bilder wildfremder Menschen und beliebiger Szenen ohne Erklärung. Wie lange würde man das aushalten? Zu erleben in Bayreuth als teure Form von Kulturmasochismus. Draußen am Radio dürfte das Erlebnis nicht viel anders gewesen sein. Die gesparten über 1.000 Euro wären vermutlich in einer guten Surround-Soundanlage besser angelegt gewesen. Ein Trost für Hörer in China und auf Curaçao.
Im Kultlokal „Eule“: ein persischer Prinz, Harvard-Schüler und Musikprofi, begleitet von einem indischen Gentleman. Mit einem verschmitzten Lächeln lässt der Perser sein Alter schätzen: 90. Großes Bedauern bei ihm, dass es für den Wagner-Text keine englischen Übertitel gibt. 225 Minuten chinesische Oper, ohne ein Wort zu verstehen, und man rätselt, was auf der Bühne passiert...nur, dass die chinesische Oper wenigstens prachtvolle Kulissen und Kostüme bereithält.
Drei Sterne für Siegfried
Die KI hat im „Siegfried“ von Beginn an schlechte Laune. Wahrscheinlich hatte sie sich über die Kritiken der vergangenen zwei Abende geärgert. Jedenfalls sah man anfangs nur Ruinen und kaputtes Inventar. Später steppt der Bär, verwaiste Eisenbahnschienen erscheinen sowie das Konterfei von Väterchen Stalin. Bei den verwaisten Eisenbahnschienen kurze Erinnerung an das Berliner Wagner-Festival „Berlin is not Bayreuth “, 2019 auf einem ehemaligen Eisenbahngelände am Nöldner Platz– mit Sitzsäcken fürs Publikum und einem an die Wand gemalten Festspielhaus. Gegen Ende des ersten Aufzugs in Bayreuth verkündet die KI höhnisch: Frieden, Freiheit, CDU - alles vor irgendeinem zerstörten Haus.
Für den Abend im Festspielrestaurant wohlweislich das Rundum-sorglos-Paket gebucht: Es wurde dringend gebraucht. Nach dem ersten Aufzug Versöhnung durch Verwöhnung. Es begann mit einer geflämmten Makrele auf gebackenem Eigelb, begleitet von Rhabarber, Blumenkohlparfait und einer pikanten Hollandaise. Danach in Nussbutter gegarter Wildlachs mit Pfifferlingsragout, grünen Spargelspitzen und Schnittlauch-Weißweinschaum. Den Abschluss bildete Entenschinken und „Geeiste Bloody Mary mit Passionsfrucht, exotischem Garnelentatar und Knusperstangen“. Dazu einen Grand Brut Geldermann und einen Blanc de Noir von Diehl.
Bei 34 Grad nach gutem Wein,
nickte ich ein wenig ein,
wieder geweckt vom Waldvöglein.
An der Stelle, an der Siegfried dann den Drachen tötet, ein unordentlicher Schreibtisch. Zum Glück war zur zweiten Pause der Koch im Festspielrestaurant nicht auch durch KI ersetzt, noch nicht. Ein fränkisch inspirierter Pausengruß mit den Elementen Wald, Wiese, Wasser, frisch, salzig, elegant. Danach schwimmt ein Chiemsee-Zander in Champagner-Kaviarsauce, als Sättigungsbeilage Räucherlachspüree, gefüllte Sommerkohlwickel und Kerbel. Den Abschluss bildet pochierter Weinbergpfirsich mit Thymian, Karamellhippe, Rahmeis und Waldmeister. Dazu einen Grand Rosé Geldermann. Leicht angeschickert erlebe ich anschließend, wie Wotan sich mit seinem Enkel Siegfried streitet. Die KI zeigt einen Hut, ein Frühstücksei und einen Astronauten. Auf den Mond mit dem Regieteam, aber drei Sterne fürs Festspielrestaurant.
Bares und Wahres: Götterdämmerung
Christian Thielemann sollte den Abend fulminant im Griff haben und mit seiner musikalischen Gestaltung das ersetzen, was auch noch so Modernes nicht zu leisten imstande ist. Wenn Geld und Gold im Verbund mit kalter Technik die Macht übernehmen und die Liebe aufgegeben wird, scheint der Mensch verloren. Selbst Götter gehen unter, wenn die Gier sie endgültig beherrscht. Wagners musikalische Leitmotive führen zu Leitmotiven für das Leben. Irgendwann beginnen sie, einem unter den Kragen zu sickern. Plötzlich hat man eine Träne im Auge – ohne genau zu wissen, warum. Anrührende, musikalische Wahrheiten. Wahrheiten aus Kreativität: der Mensch denkt, fühlt - und aus seinen Gedanken und Gefühlen entsteht wahre Kunst. Das KI-Ring-Experiment ist fulminant gescheitert. Zu den Bayreuther Festspielen sollte kein Laptop gehören, nicht im Publikum, nicht im Regiezimmer. Das verbietet des Sängers Höflichkeit.
Die Autorin lebt als Anwältin und Schriftstellerin in Berlin und schreibt auf Social Media über Kultur.
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