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Gott will in dieser Welt wohnen

Jesus kommt an Weihnachten in die Welt. Er wohnt unter uns und schenkt neue Würde. Seine Gegenwart bleibt – und wartet auf unsere Antwort.
The Virgin and Child in the House of Nazareth
Foto: Imago/Gemini Collection | Gott wird einer von uns: Das Gemälde von Zurbarán (um 1650) zeigt Maria und den jungen Jesus in ihrem Zuhause in Nazareth.
Manchmal genügt ein einziger Satz der Schrift, um den Horizont der Welt aufzureißen. Der Beginn des Johannesevangeliums gehört zu diesen Sätzen: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Kein Bericht aus Betlehem, keine Hirten, kein Stall, stattdessen ein Blick in die Tiefen Gottes. Weihnachten erscheint hier nicht als rührende Episode, sondern als kosmisches Ereignis. Der ewige Ursprung beugt sich hinab in den Lauf der Geschichte.
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Diese Hoheit des göttlichen Wortes findet ein bemerkenswertes Echo im Buch Jesus Sirach. Dort lobt sich die Weisheit, „aus dem Mund des Höchsten hervorgegangen“ (Sir 24,3) und in den Höhen thronend. Die jüdische Tradition zeichnet sie als schöpferische Nähe Gottes, die Wohnung unter den Menschen sucht. Was Sirach in poetischen Bildern entfaltet, führt der Evangelist in einer einzigen, unerhörten Aussage zur Vollendung: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, wörtlich „unter uns gezeltet“ (Joh 1,14). Der Ort, den Sirach noch verheißt, wird im Evangelium Wirklichkeit. Der allmächtige Gott wählt das Zelt – ein Bild des Wanderns, der Verletzlichkeit und der Nähe.

Gott kommt unwiderruflich und endgültig

Sirach erzählt zudem von der Weisheit, die „Wurzeln in einem ruhmreichen Volk“ (Sir 24,12) schlägt. Darin klingt die Erwählung Israels an. Johannes nimmt dieses Motiv auf, wenn er beschreibt, dass das Wort in die eigene, von Gott lange vorbereitete Welt kommt. Das Evangelium benennt zugleich die Ambivalenz menschlicher Freiheit, die Gottes Nähe annehmen oder übersehen kann. Dennoch bleibt die göttliche Initiative ungebrochen. Aus der Zurückweisung erwächst eine neue Würde: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) Die Weisheit, die Sirach preist, bleibt nicht bloß Lehre, sondern wird zur schöpferischen Kraft neuer Existenz. Sirach beschreibt das sehnsüchtige Suchen der Weisheit nach einer Bleibe, Johannes zeigt die Vollendung dieser Suche: Gott nimmt Wohnung in der Welt – endgültig und unwiderruflich. Die Finsternis, die das Licht nicht erfasst, ist Teil der Wirklichkeit; doch sie vermag die Gegenwart des Wortes nicht zu tilgen. In Zeiten kirchlicher Erschütterung oder gesellschaftlicher Verunsicherung wirkt dieser Gedanke wie ein stiller, aber tragender Grund: Gottes Ankunft steht nicht unter dem Vorzeichen menschlicher Zustimmung, sondern unter der Zusage seiner Treue.
 
Der zweite Sonntag nach Weihnachten lädt daher zu einer Perspektive ein, die über das Fest hinausweist. Weihnachten bleibt nicht stehen beim Kind in der Krippe, sondern öffnet den Blick auf die Herrlichkeit dessen, „der am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18) und die Welt in Gnade und Wahrheit erneuert.
 
Sirach 24, 1-16
Epheser 1,3-18
Johannes 1,1-18
Zu den Lesungen des 2. Sonntags nach Weihnachten (Lesejahr A)

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Margarete Strauss Gott Johannesevangelium Traditionen Weihnachten

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