Frühmorgens wird es laut in Salzburgs Altstadt, vor allem an den hohen Feiertagen. Das Glockengeläut von über zwanzig Kirchen erfüllt nacheinander das Tal, schwingt über der Stadt, deren Gassen von den Bandwürmern der Touristen entleert sind. Kaum wird das Glockenspiel an einer Stelle etwas leiser, hebt es von den Kirchtürmen aus einer anderen Richtung wieder an. Es gibt nicht viele Orte, die so eindringlich zu den Gottesdiensten einladen. Aber Salzburg ist eben eine Kirchenstadt – die Gesamtfläche der von der Salzach geteilten Altstadt beträgt 2,37 Quadratkilometer und an fast jeder Ecke findet sich ein prächtig ausgestattetes Gotteshaus.
Eine Erkundungstour, die über 1 300 Jahre Kirchengeschichte umfasst und leicht zu Fuß zu bewältigen ist, kann man sehr weltlich am Frühstücksbüfett des Hotel Stein am Giselakai beginnen lassen. Von der ausgedehnten Dachterrasse hat man einen atemberaubenden Panoramablick auf die linke Altstadtseite mit Kaiviertel, Dom, St. Peter und Franziskanerkirche sowie auf die Festung Hohensalzburg. Zu einer späteren Stunde lädt die Rooftop-Bar im siebten Stock dazu ein, den kunsthistorisch intensiven Tag bei einem Sundowner ausklingen zu lassen. Die verschachtelten Gebäude der Stadt wirken in der Abendsonne wie mit Goldstaub benetzt.
100.000 Benediktiner-Bücher
Die Wiege des christlichen Glaubens in Salzburg ist das Stift St. Peter im Stadtkern. Seit dem Jahr 696 leben und beten hier Mönche nach der Regel des heiligen Benedikt, die Erzabtei ist das älteste Kloster im deutschen Sprachraum mit einer ungebrochenen Kontinuität. Es beherbergt auch die älteste Bibliothek Österreichs: Unter den 100 .000 Bänden findet sich sogar ein kostbares Exemplar aus dem Jahr 784.
Die Filialkirche von St. Peter ist die Michaelskirche am Residenzplatz, die zur gleichen Zeit und von den gleichen Künstlern wie die Peterskirche gestaltet wurde. Einst hatte die kleine Rokokokirche eine Doppelfunktion: Der obere Teil war dem Kaiser und seinem Gefolge vorbehalten und ausschließlich vom Palais aus zugänglich. Für die Bürger war der untere Teil vorgesehen, sie betraten ihre Pfarrkirche vom Marktplatz aus.
Gegründet wurde die Abtei St. Peter vom heiligen Rupert von Salzburg, der wahrscheinlich dem in Rheinhessen ansässigen Grafengeschlecht der Robertiner entstammte. Er war zunächst Bischof von Worms und zeichnete sich durch seine Missionstätigkeit und sein Wirken als Seelsorger aus. Aufgrund seines Glaubenseifers und seines missionarischen Engagements wurde Rupert von Herzog Theodo von Bayern eingeladen, das Christentum im Alpenraum zu verbreiten. Ende des siebten Jahrhunderts war Rupert in Regensburg tätig und zog dann weiter in die alte Römerstadt Juvavum. Mit der Schenkung von Salzquellen durch Herzog Theodo war die wirtschaftliche Basis für den Ausbau der Stadt zum Missionszentrum gelegt. Sie erhielt den Namen Salzburg.
Drei Diözesanpatrone wachen über Salzburg
Neben dem Kloster St. Peter, das Rupert an der Stelle einer spätantiken Kirche errichten ließ, gründete er das Benediktinerinnenkloster Nonnberg, wo er seine Nichte Erentrudis als erste Äbtissin einsetzte. Gemeinsam mit ihrem Onkel war sie von Worms in den Süden gereist und unterstützte Rupert bei der Christianisierung des Salzburger Raums und beim Aufbau der örtlichen kirchlichen Strukturen. Schon bald nach ihrem Tod im Jahr 718 wurde die in der Krypta der Stiftskirche Nonnberg bestattete Erentrudis als Heilige verehrt. Sehenswert in der Stiftskirche, die 1009 der Gottesmutter geweiht wurde, sind die Wandmalereien aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts.
Über das Bistum Salzburg wachen gleich drei Heilige. Die heilige Erentrudis trägt seit 1624 den Titel „Landesmutter Salzburgs“, sie ist mit dem heiligen Rupert und dem heiligen Virgil Diözesanpatronin von Salzburg. Der dritte in diesem Bund, Virgil, war ein irischer Kirchenmann und ließ als Bischof von Salzburg 774, nur einen Steinwurf von St. Peter entfernt, die erste Kathedrale errichten. Nach mehreren Bränden wurde der Dom am Ende des 16. Jahrhunderts als Barockbau neu konzipiert und 1628 geweiht. Die helle Westfassade wird von vier monumentalen Figuren beherrscht: von Rupert und Virgil sowie von Peter und Paul, den beiden Patronen des Doms. Jeden Sommer dient die Domfassade als Kulisse für das Salzburger Kulturereignis schlechthin – die Aufführung des „Jedermann“ im Rahmen der Festspiele.
Und weil Salzburg auch Mozartstadt ist und das Konterfei des Komponisten auf den silber-blau verpackten Schokonougatmarzipan-Kugeln allgegenwärtig ist, überrascht es kaum, dass auch seine Geschichte eng mit dem Dom verbunden ist: Hier nämlich wurde das musikalische Wunderkind getauft.
Kapuzinerkloster mit Lourdesgrotte
Als Reaktion auf die Ausbreitung des Protestantismus berief Erzbischof Johann Jakob von Khuen-Belasy Ende des 16. Jahrhunderts die Franziskaner aus der Oberdeutschen Provinz nach Salzburg. Durch das Wirken der Ordensmänner sollte das Vordringen der neuen Lehre aufgehalten werden. Die Franziskanerkirche in der Sigmund-Haffner-Gasse wurde auf einer frühchristlichen Gebetsstätte errichtet, sie ist vermutlich älter als der Dom. Ihr Innenraum ist überwiegend gotisch geprägt. Den Hochaltar schuf Salzburgs Barock-Stararchitekt Johann Bernhard Fischer von Erlach 1709/1710. In den Seitenschiffen verbindet sich die gotische Architektur mit barocken Kapellen, die individuell und kunstvoll gestaltet sind.
Etwa zur gleichen Zeit wie die Franziskaner siedelten sich auch die Kapuziner an der Salzach an – einer der Hausberge Salzburgs ist nach ihnen benannt. Den Kapuzinerberg kann man über eine befestigte Straße von der Linzer Gasse aus erklimmen – entlang des Weges befinden sich zehn Kreuzwegkapellen mit lebensgroßen Figuren, die zu einer imposanten Nachbildung des Geschehens auf Golgatha führen. Gleich hinter der Kreuzigungsszene befindet sich das Kapuzinerkloster samt „Heiligem Grab“ am Kircheneingang. Das Innere der Klosterkirche ist schlicht gehalten, bemerkenswert ist jedoch in der linken Seitenkapelle die Lourdesgrotte mit der figürlichen Darstellung der Maria Immaculata, wie sie 1858 dem Mädchen Bernadette erschienen ist. Alternativ geht von der Steingasse aus eine Treppe („Imbergstiege“) hinauf zum Kloster. Auf halber Höhe schmiegt sich das Kirchlein St. Johannes am Imberg an den Hang, sein Kern ist romanisch. Einmal in der Woche, freitags um 18.30 Uhr, wird hier eine heilige Messe gefeiert.
Müllner Kirche am Fluss
Ganz nah an Stein- und Linzergasse befindet sich die Dreifaltigkeitskirche am Makartplatz. Sie ist der bedeutendste Sakralbau der Stadt auf der rechten Salzachseite und geht ebenfalls auf den bedeutenden Barockbaumeister Fischer von Erlach zurück. Für die Ausführung der mit dem Priesterseminar verbundenen Kirche dienten Fischer von Erlach die Bauwerke römischer Architekten als Vorbild.
Noch einmal geht es zurück über den Fluss, Ziel ist die Müllner Kirche am nördlichen Ausläufer des Mönchsberges. Auf dem Weg dorthin ist die Universitätskirche (Kollegienkirche) einen Abstecher wert. Mit ihrer Prunkfassade und den flankierenden Türmen ist sie ein Meisterwerk des österreichischen Hochbarocks – erbaut wurde sie in den Jahren um 1700, verantwortlich war erneut Johann Bernhard Fischer von Erlach. Irritierend wirkt zunächst der helle, weitgehend weiße Innenraum: Es gibt kaum Bilder und keine festen Kirchenbänke. Für Gottesdienste und Konzerte werden Stühle aufgestellt.
Zwei Gnadenbilder laden zur Wallfahrt ein
Das eigentliche Ziel, die Müllner Kirche, wurde im Mittelalter von zahlreichen Pilgern aufgesucht. Mittelpunkt der Wallfahrten war das um 1460 entstandene Gnadenbild „Unsere Liebe Frau von Mülln“ auf dem Hochaltar. Der neben der Kirche gelegene idyllische Müllner Friedhof wird wegen seines schönen Blicks auf die Altstadt auch „Himmelsterrasse“ genannt.
Von Mülln führt ein etwa einstündiger Wanderweg entlang der Salzach nach Maria Plain, einem der bedeutendsten Marienwallfahrtsorte Österreichs. Zentrum der Verehrung ist das Gnadenbild „Maria Trost“, das von einem unbekannten Maler geschaffen und 1751 durch Salzburgs Fürsterzbischof Andreas Jakob Dietrichstein feierlich gekrönt wurde. Zu den Maria-Plain-Pilgern gehörte einst auch Papst Benedikt XVI., der in seiner Kindheit und Jugend aus dem benachbarten Bayern oft die Wallfahrtsbasilika besuchte.
Die Autorin ist freie Journalistin und Buchautorin.
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