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Alter Schwede

Wäre der schwedische König ein bisschen besser bei Kasse und nicht so kriegslüstern gewesen, könnte Wismar noch immer zu Schweden gehören. An die gemeinsame Geschichte erinnern bis heute viele Bauwerke und das alljährliche Schwedenfest
Wismar Schwedenfest
Foto: Bildbaendiger.de | Am Schwedenfest im August ziehen schwedische und deutsche Traditionsvereine in historischen Uniformen auf.

IKEA statt Karstadt, Köttbullar statt Wruckeneintopf und Schweden-Krimis statt der vertrauten Vorabend-Ermittler von „SOKO Wismar“ – so hätte es kommen können. Von schwedischen Truppen bereits während des Dreißigjährigen Krieges besetzt, ging Wismar nach dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 nämlich offiziell in den Besitz der schwedischen Krone über. Damals befand sich Schweden auf dem Höhepunkt seiner Macht. Das Königreich hatte sich zur führenden Großmacht im Ostseeraum entwickelt und beherrschte weite Teile der Küsten zwischen Finnland und Norddeutschland. Für Wismar begann damit eine Ära als kontinentaler Außenposten einer nordischen Großmacht. Mit seinem geschützten Hafen spielte die Hansestadt eine wichtige strategische Rolle für die schwedische Kontrolle des südlichen Ostseeraums und den Handel.

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Durch ihre zahlreichen kostspieligen Kriege und eine desolate Haushaltsführung in Finanznöte geraten, verpfändete Schweden die Stadt 1803 für eine Summe von 1 250 000 Talern an das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, allerdings mit der Option, Wismar nach genau einhundert Jahren durch Rückzahlung der Pfandsumme zuzüglich der aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen wieder einzulösen. Die Skandinavier verzichteten jedoch. Sie sparten sich die Millionen, die für die Auslösung nötig gewesen wären, und für die Hansestadt endete damit 1903 die Schwedenzeit für immer. Wismar verblieb endgültig bei Mecklenburg.

An die blau-gelben Jahre erinnert man hier aber sehr gerne und lässt in jedem August zum Schwedenfest Musketen und Kanonen donnern. Schießpulverrauch wabert dann über das Heereslager auf dem Wismarer Marktplatz, wo schwedische und deutsche Traditionsvereine in historischen Uniformen nachstellen, wie man sich das harte Soldatenleben von einst heute so vorstellt: Schlachtengetümmel, feierliche Wachwechsel, Zapfenstreich und Marschmusik inklusive. Von seiner friedlichen und kulinarischen Seite zeigt sich das zweitgrößte Volksfest in Mecklenburg-Vorpommern, das alljährlich rund 100 000 Besucher anzieht, bei schwedischer Popmusik, Elch-Burger, Rentierbratwurst und buntem Jahrmarkttreiben am Alten Hafen, wo Einheimische und Gäste auf die skandinavische Freundschaft anstoßen.

Festungsgürtel mit Zitadellen und Bastionen

Frei von Rummel und Radau können Wismar-Besucher sich das Übungsgelände schwedischer Machtspiele während des restlichen Jahres anschauen und die „Vägar till det förflutna“ – „Wege in die Vergangenheit“ unter die Füße nehmen. Dieser Rundweg führt einen zu den steinernen Hinterlassenschaften aus der Schwedenära, als die Hansestadt zu einer der stärksten und modernsten Festungsanlagen des Ostseeraums hochgerüstet wurde. Ein gewaltiger Festungsgürtel mit Zitadellen, Bastionen und tiefen Gräben umschloss einst die Stadt, geplant vom berühmten schwedischen Festungsbaumeister Erik Dahlbergh.

Nach dem Übergang an Mecklenburg wurden große Teile des Verteidigungsbollwerks wieder geschleift, doch das bis heute unübersehbare Erbe der einstigen Besatzer reicht vom letzten erhaltenen Wehrturm im idyllischen Lindengarten über das nahegelegene Provianthaus, das der Versorgung der Garnison diente, das Kommandantenhaus am Marktplatz bis zum höchsten schwedischen Zivilgericht im Fürstenhof und den bunt bemalten Schweden-Holzköpfen am Alten Hafen. Diese Skulpturen, die wahrscheinlich als Heckschmuck eines schwedischen Kriegsschiffes dienten, sind ein besonders beliebtes Fotomotiv. 

Wismar Alter Schwede
Foto: bildbaendiger.de | Schwedens König Carl XVI. Gustav und seine in Deutschland geborene Frau Silvia speisten bei ihrem Besuch 1993 im Restaurant „Alter Schwede“.

Im ehemaligen Waffenarsenal, einem wuchtigen, speicherartigen Bau aus dem frühen 18. Jahrhundert, hat heute die Wismarer Stadtbibliothek ihren Sitz. Über ihrem Hauptportal leuchtet das schwedische Königswappen. Für dessen originalgetreue Rekonstruktion ließ der aktuelle Throninhaber 80 000 Kronen berappen. Daran, dass Carl XVI. Gustav und seine in Deutschland geborene Frau Silvia bei ihrem Besuch 1993 im Restaurant „Alter Schwede“ speisten, erinnert im Inneren eine güldene Plakette. Das Gebäude selbst, ein prachtvoller Backsteingotikbau aus dem Jahr 1380, ist eines der ältesten und bedeutendsten Bürgerhäuser der Stadt.

Zur Klärung der Namensfrage des Lokals landet man dann doch wieder beim Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen. Weil schwedische Soldaten damals in ganz Europa in dem Ruf standen, taktisch besonders fähig, diszipliniert und kampferprobt zu sein, warb der preußische König Friedrich Wilhelm I. viele von ihnen als Ausbilder für sein eigenes Heer an. Auf den preußischen Exerzierplätzen sprach man von diesen erfahrenen skandinavischen Militärs respektvoll als „alte Schweden“. Später wurde es auch im Alltag üblich, mit dieser humorvollen Redewendung seine Bewunderung für echte Kerle, erstaunliche Leistungen oder schlicht große Überraschung auszudrücken. So kam es, dass auch der Wismarer Wilhelm Frähmke seine 1878 eröffnete Gastwirtschaft zu Ehren eines tödlich verunglückten Freundes benannte, der aufgrund seines verlässlichen Charakters den Spitznamen „Alter Schwede“ trug.

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Wer heute durch Wismars Gassen spaziert, spürt an vielen Ecken, dass die alte Verbindung zwischen Mecklenburg und Skandinavien nicht nur eine historische Fußnote ist, sondern zur Identität der Stadt gehört. Deren historisches Zentrum zählt seit 2002 gemeinsam mit Stralsund zum UNESCO-Welterbe. Zwischen gotischen Backsteinkirchen, Giebelbauten und den zahlreichen Relikten der Schwedenzeit lässt sich bis heute spüren, warum Wismar einst ein so wichtiger Baustein der schwedischen Großmachtpolitik war. Dass diese Vergangenheit nicht nur erhalten, sondern jedes Jahr beim Schwedenfest gefeiert wird, ist Ausdruck einer lebendigen Erinnerungskultur, mit der sich Wismar ein Stück seiner schwedischen Seele bewahrt hat. 


An jedem dritten Wochenende im August erinnert Wismar mit seinem Schwedenfest an die mehr als 200 Jahre währende Geschichte der Stadt unter schwedischer Herrschaft: www.schwedenfest-wismar.de

Mehr über den Schwedenweg einschließlich eines Lageplans mit den einzelnen Standorten der schwedischen Zeugnisse findet man auf der Webseite www.alter-schwedenweg-wismar.de.

Im stadthistorischen Schabbell-Museum ist in der Ausstellung „Wismar schwedisch“ auch der einzige original erhaltene Schwedenkopf zu sehen: www.wismar.de/schabbell

Die Autorin berichtet als freie Reisejournalistin aus allen Ecken der Welt. www.quint-und-quer.de

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