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Der Papst, der Rom schützte

Leo IV. baute die Leoninische Mauer, die über Jahrhunderte die ewige Stadt sicherte – 4. Teil der Reihe zu den Leo-Päpsten.
Sarazenen landen in Ostian
Foto: Imago/Artokoloro | Die Sarazenen landen in Ostian– so sah ein Zeichner um 1514 die Szenerie.

Am 4. Juli besuchte Papst Leo XIV. Lampedusa und trat damit in die Fußstapfen seines Vorgängers Franziskus, der die südlichste Insel Italiens bereits 2013 besucht hatte. Lampedusa, weit vor Sizilien gelegen, ist so etwas wie ein Synonym für die aus Afrika strömende Migrationsbewegung und insbesondere auch für die gescheiterten Versuche, Europa zu erreichen, bei denen Migranten im Mittelmeer ihr Leben ließen. Besonders viele und in der Weltpresse verbreitete Bilder entstanden, als der Papst ein Mahnmal mit dem Namen „Tor Europas“ durchschritt. Der Papst verband seinen Besuch mit der Aufforderung, die über das Meer kommenden Migranten aufzunehmen, sie aber auch zu schützen und zu integrieren. Wie sich die Zeiten doch ändern! Einer der Namensvorgänger des Papstes, Leo IV. (Papst von 847 bis 855), versuchte, solche Tore zu schließen: den Hafen von Ostia und auch den Zugang zum Vatikan.

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Viel ist über Leos Jugend nicht bekannt, obgleich er heute als Heiliger der katholischen Kirche gilt. Er war Römer, Sohn eines gewissen Rodualdus. Der Name deutet auf eine langobardische oder fränkische Herkunft hin. Erzogen wurde Leo von den Mönchen der Basilica San Silvestro und Martino, die heute den Beinamen ai Monti trägt; offenbar hatte man den Jungen für eine kirchliche Laufbahn vorgesehen. Unter Papst Gregor IV. (827 bis 844) weihte man ihn zum Subdiakon, sein Vorgänger Papst Sergius II. erhob ihn zum Kardinalspriester von Santi Quattro Coronati auf dem Caeliushügel.

Bedrohung durch die Sarazenen

Die Wahl Leos am 10. April 847 stand unter einem so hohen Zeitdruck, dass man auf die Zustimmung von Kaiser Lothar I. verzichtete. Seit Karl dem Großen, Lothars Großvater, war das üblich. Denn im August 846 hatten die Sarazenen, so nannte man damals die muslimischen Araber, vom Emirat der Aghlabiden in Süditalien her den Petersdom und St. Paul vor den Mauern schwer beschädigt, die noch vor den Stadttoren lagen.

Nur der erbitterte Widerstand der Römer verhinderte das Eindringen der Feinde in die von der Aurelianischen Mauer geschützte ewige Stadt. Die Sarazenen zogen sich zurück, ohne ihre Eroberungspläne aufzugeben. Rom benötigte ohne Verzug einen fähigen Verteidiger – und offenbar glaubte man, diesen auf dem Caelius gefunden zu haben. Kaiser Lothar musste warten.

Wenn man bedenkt, dass die Aghlabiden weiterhin Rom bedrohten, der neue Papst also nur wenig Zeit hatte, einer abermaligen Plünderung vorzubeugen, dann muss Leo IV. in der Tat ein tatkräftiger Mann gewesen sein. Ein Macher, wie man heute sagen würde, denn sogleich nach seinem Amtsantritt begann er damit, den alten Petersdom und den ganzen Vatikanhügel mit einer Verteidigungsanlage zu umgeben: der nach ihm benannten Leoninischen Mauer, die von nun an die alte Befestigung ergänzen sollte. Flugs wurde die nachträgliche Genehmigung des Kaisers eingeholt, der die Notlage erkannte und eine reichsweite Sondersteuer erhob, um den Bau des Walls zu finanzieren.

Eine gesegnete Flotte

Diese Mauer oder zumindest ihre Fundamente umfassen heute noch den Vatikan und den angrenzenden Borgo, der allerdings unter Mussolini durch den Bau der Via della Conciliazione weitgehend zerstört wurde. 852, nach nur fünf Jahren, vollendete die päpstliche Bauhütte das gewaltige Bauwerk, das die nachfolgenden Päpste bis in die Neuzeit hinein immer wieder verbesserten. Den 800 Meter langen Passetto etwa, der geheime Fluchtweg der Päpste zur Engelsburg, wurde im Mittelalter in diese Mauer eingebaut. Das ist eine gewaltige Leistung, die vor dem Hintergrund heutiger Bauwüsten, man denke nur an die Kölner Oper oder Stuttgart 21, geradezu unglaublich wirkt. Die Tore der Leoninischen Mauer, etwa die Porta Santo Spirito, kann man also mit Recht auch als Tore Europas, als Tore in das Herz des Abendlandes, bezeichnen: nur mit umgekehrter Funktion – ein Faktum, das damals noch außer Frage stand.

Trotzdem war die muslimische Flotte schneller, die schon im Sommer 849 vor Ostia auftauchte. Der Einfall in römisches Stadtgebiet musste deswegen unbedingt verhindert werden. Leo rief eine christliche Flotte zusammen, die unter dem Kommando des Caesarius stand, dem Sohn des Herzogs von Neapel. Leo IV. segnete die Flotte vor ihrem Auslaufen.

Das Datum der Schlacht ist nicht überliefert. Es muss aber ein gewittriger Tag gewesen sein, denn die Kampfhandlungen wurden von einem Sturm unterbrochen, der die muslimische Flotte aufrieb. Mehrere Schiffe kenterten, während die Flotte des Caesarius in Ostia Schutz suchte. Ein Zeichen des Himmels! – so wurde es interpretiert. Danach war es für die Christen ein Leichtes, den Rest der muslimischen Schiffe zu zerstören. Nie wieder haben sich muslimische Truppen auf diese Art und Weise der „Caput mundi“ genähert. Man darf es deswegen so formulieren: Leo IV. war und ist einer der herausragenden Schutzherren des vatikanischen Rom. Kein Wunder, dass sich bald entsprechende Legenden um ihn rankten. So soll er etwa einen Brand im Vatikan mit dem Kreuzzeichen gelöscht haben.

Eine Frau, als Mann verkleidet

Viel mehr ist von diesem Papst nicht zu berichten, der am 17. Juli 855 in Rom gestorben und bald darauf als Heiliger verehrt worden ist – wäre da nicht noch die Frage seines Nachfolgers, oder besser Nachfolgerin. Denn eine Frau soll nach Leo IV. den Stuhl Petri bestiegen haben: Johanna, eine Engländerin, die sich – um studieren zu können – als Mann verkleidete: Emanzipation im frühen Mittelalter? In Rom als Gelehrter erfolgreich, habe man diese Johanna 855 zum Papst gewählt. Angeblich wegen ihres tadellosen Lebenswandels, mit dem es allerdings so weit nicht her gewesen sein kann. Denn während einer Prozession soll sie, nach einer Liebesaffäre mit einem Vertrauten, eine Sturzgeburt erlitten haben und bald darauf gestorben sein.

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Das ist natürlich eine Legende, die der Dominikaner Martin von Troppau im 13. Jahrhundert in eine vielgelesene Papstchronik eingearbeitet hat. Diese Chronik war so populär, dass sogar die Kurie im ausgehenden Mittelalter eine weibliche Päpstin für möglich hielt. Auch Boccaccio hat die Geschichte verarbeitet. Erst im 17. Jahrhundert wurde sie als Fälschung entlarvt. Es waren zu viele unterschiedliche Versionen auf dem Markt und so blieb es dabei, dass ein weiterer Römer, Benedikt III., Leo nachfolgte.

Die Legende um eine Nachfolgerin

Es gibt daher über mehr als ein Jahrtausend hinweg Bezüge zwischen den beiden Leo-Päpsten. Zur Frage der Migration, die sicher nicht mit der aggressiven islamischen Invasion des Jahres 849 gleichgesetzt werden kann, jedoch für die Zielländer eine ebenso große, wenn auch andere Herausforderung sein dürfte, hat sich Leo XIV. auf Lampedusa positioniert. Und hinsichtlich der Päpstin Johanna wandelte sich die Legende zu einer immer wieder und vor allem aus Deutschland vorgetragenen Forderung: Frauenpriestertum – oder doch wenigstens das Diakonat. Noch einmal: So ändern sich die Zeiten!

Der Autor ist Informationswissenschaftler und Bibliothekar. Seit 2019 gibt er das „VATICAN Magazin“ heraus.

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Dirk Weisbrod Benito Mussolini Carolus Magnus Lampedusa Leo XIV. Stuttgart 21

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