Im Laufe seines Pontifikats hat Papst Franziskus so manche Entscheidung getroffen, von der er annahm, sie sei „unumkehrbar“. Eine davon war sein Ansinnen, dass Castel Gandolfo nie mehr die Sommerresidenz der Päpste sein dürfe. Weshalb er anordnete, die päpstlichen Gemächer im Apostolischen Palast mit Blick auf den Albaner See in ein Museum umzuwandeln, das von den Vatikanischen Museen verwaltet wird.
Dass die Besucher dort in den vergangenen Jahren und jetzt noch bis Ende Juni auch die Privatzimmer von Benedikt XVI. und seinem Sondersekretär Georg Gänswein einschließlich des Schlafzimmers des deutschen Papstes und des Bayern-Wimpels auf dem Schreibtisch Gänsweins besichtigen konnten, empfand mancher im Vatikan als Geschmacklosigkeit, zumindest in der Zeit, als der Emeritus noch lebte.
Leos Vorliebe für Castel Gandolfo
Doch ein altes Sprichwort der Römischen Kurie besagt: „Un Papa bolla, un altro Papa sbolla“ (Ein Papst erlässt eine Bulle, ein anderer Papst hebt sie wieder auf). Das heißt, ein Papst kann etwas beschließen, und ein anderer Papst kann genau das Gegenteil festlegen. So überrascht die noch inoffizielle, aber sichere Nachricht nicht sonderlich, dass Papst Leo XIV. beschlossen hat, während seiner Aufenthalte in Castel Gandolfo wieder in die traditionelle Sommerresidenz der Päpste zurückzukehren.
Papst Franziskus hielt es schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires nicht für notwendig, in den Urlaub zu fahren. Er beschränkte sich darauf, das Arbeitstempo zu drosseln, ohne jedoch an einen Urlaubsort zu reisen. So verbrachte er nach seiner Ankunft in Rom die Ferienzeit in seiner vatikanischen Residenz in Santa Marta.
Papst Leo hingegen zeigte von Anfang an eine gewisse Vorliebe für die päpstlichen Villen in Castel Gandolfo, die er seit seiner Zeit als Generalprior der Augustiner gut kannte und schätzte. So begann er im vergangenen Jahr, jeden Montagnachmittag dorthin zu fahren, um am Abend des nächsten Tages in den Vatikan zurückzukehren. Oft beantwortete er bei der Abfahrt Fragen der Journalisten, die am Ausgang der Villa Barberini auf ihn warteten.
Zurück zur ersten Bestimmung
Da die päpstliche Wohnung im Apostolischen Palast von seinem Vorgänger in ein Museum umgewandelt worden war, wohnte Papst Leo in diesen Monaten in der Villa, die traditionell die Residenz des vatikanischen Staatssekretärs war, wenn sich die Päpste in Castel Gandolfo aufhielten. Doch diese Unterkunft, die an eine meist stark befahrene Straße grenzt, gewährleistet keinen angemessenen Sicherheitsstandard und stellte zudem eine Störung für das normale Stadtleben dar. So kam es zu der Entscheidung, die Räume, die im Apostolischen Palast als Museum genutzt werden, wieder ihrer traditionellen Bestimmung zuzuführen.
Nachdem Papst Leo nun den Apostolischen Palast im Vatikan, dem Franziskus ebenfalls den Rücken gekehrt hatte, wieder in Besitz genommen hat, wird er nun auch den ursprünglich von den Päpsten genutzten Palast in Castel Gandolfo wieder nutzen. Zur großen Freude der Einwohner dieser Kleinstadt, die – aus emotionalen und auch wirtschaftlichen Gründen – von der Entscheidung Papst Bergoglios, den Ort nicht mehr aufzusuchen, sehr enttäuscht waren.
Geplant: Ein „Borgo Laudato Si’“
Papst Franziskus hatte zudem beschlossen, auf dem Gelände der Päpstlichen Villen den „Borgo Laudato Si’“ zu errichten, um „ein konkretes Zeichen für die Anwendbarkeit der in der Enzyklika ,Laudato Si’‘ dargelegten Prinzipien“ auf drei Gebieten zu setzen: „Erziehung zur integralen Ökologie, Kreislauf- und generative Wirtschaft sowie ökologische Nachhaltigkeit“.
Der Borgo erstreckt sich über 55 Hektar extraterritoriales Gebiet, aufgeteilt in 35 Hektar schmucke Gärten, 20 Hektar Ackerland sowie einen Bauernhof, Gewächshäuser und Wirtschaftsgebäude, die der Borgo „mit liebevoller Sorgfalt schützen und entwickeln soll, um die Investitionen in die Bildung mit einem substanziellen Engagement zur Förderung der Kultur der Fürsorge zu begleiten“. Mit Papst Leo scheint diese Initiative fortgesetzt zu werden. Und das, obwohl dieses Projekt die Beseitigung eines Hubschrauberlandeplatzes erforderte, der von den Päpsten für eine schnellere An- und Abreise, aber auch in Notfällen genutzt wurde.
Geschichte der päpstlichen Sommerresidenz
Die Beziehung zwischen den Päpsten und Castel Gandolfo hat eine jahrhundertelange Geschichte. Ab dem Pontifikat von Urban VIII., der unmittelbar nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 1623 den Bau eines Gebäudes auf dem Gelände der römischen Villa des Kaisers Domitian in Auftrag gab, wurde das Gebiet zum Erholungsort der Päpste. Zunächst an die hundert Jahre vernachlässigt, wurde Castel Gandolfo dann im 18. Jahrhundert wieder von Benedikt XIV. und Clemens XIV. aufgesucht.
Von den Truppen Napoleons besetzt und schwer beschädigt, haben dann Pius VII. und Pius VIII. die Villa restauriert, die dann vor Gregor XVI. und Pius IX. als Sommerresidenz diente. Doch das währte bis 1870, als das Königreich Italien die Reste des Kirchenstaats einschließlich Rom eroberte. Die Päpste zogen sich in den Vatikan zurück. Erst 1929, mit der Gründung des Staats der Vatikanstadt und dem entsprechenden Vertrag zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl, wurden die päpstlichen Villen von Castel Gandolfo zum extraterritorialen päpstlichen Besitz erklärt und unter Pius XI. wurde der Apostolische Palast von Castel Gandolfo wieder zur Sommerresidenz der Päpste.
Die Villa als Kreißsaal
Papst Pius XI. verbrachte dort die Sommer von 1934 bis 1938 und suchte dort Zuflucht, um während Hitlers Besuch bei Mussolini nicht in Rom anwesend zu sein. Der neu gewählte Pius XII. betrat den Ort, nachdem er 1939 dort gewesen war, während des Zweiten Weltkriegs nicht mehr, doch in der Kriegszeit wurde er genutzt, um Tausende von Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen zu beherbergen. In dieser Zeit wurden viele Kinder in den Villen im Schlafzimmer des Papstes geboren, und viele von ihnen erhielten den Namen Pius oder Eugenio – zu Ehren des Papstes, der sie hatte aufnehmen lassen.
Sommerfrische der Päpste
Ab 1946 kehrten alle Päpste immer wieder dorthin zurück, um dort die Sommerzeit zu verbringen. Zwei von ihnen starben dort: Pius XII. und Paul VI. Im Jahr 1987 beschloss Johannes Paul II., auch eine Zeit in den Alpen zu verbringen. Er fuhr zehnmal nach Les Combes im Aostatal und sechsmal nach Lorenzago di Cadore, während er 2002 und 2003 ausschließlich in Castel Gandolfo blieb.
Auch Benedikt XVI. verbrachte in den ersten fünf Sommern seines Pontifikats einen Teil seiner Ferien in den Alpen, dreimal in Les Combes, je einmal in Lorenzago und in Brixen. Doch dann gewann Castel Gandolfo als Erholungsort der Päpste wieder die Exklusivität zurück. Der deutsche Papst schätzte es sehr, sich in Castel Gandolfo zu erholen, denn der Ort bot alles, was Benedikt XVI. für notwendig hielt: die richtige Höhenlage, angemessene Abgeschiedenheit und eine gut ausgestattete Bibliothek in Reichweite.
Johannes Paul II. genoss Castel Gandolfo auch deshalb, weil er den Swimmingpool nutzen konnte, den er hatte errichten lassen. Papst Leo liebt nicht nur den Pool, sondern besucht auch gerne den Tennisplatz, der sich in den Villen befindet. Nun bleibt abzuwarten, wie ausgiebig Leo XIV. die Zeit in Castel Gandolfo nutzen wird. In der Vergangenheit blieben die Päpste dort von Juni bis Oktober. In den Jahren bis Papst Franziskus hatte sich dieser Zeitraum auf Juli bis September verkürzt.
Der Autor ist Vatikanberichterstatter und lebt in Rom.
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