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Geht dezentrales Papsttum außerhalb von Rom?

Avignon, mon amour? Vor 650 Jahren ging der Papst aus dem französischen Exil zurück nach Rom. Der Anti-Römer Franziskus warf 2015 noch mal einen Stein ins Wasser.
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Foto: KTH (imago stock&people) | Architektonisches Hochmittelalter: Papstpalast in Avignon.

Es gehörte zentral zum Programm von Papst Franziskus, sich mit dem Apparat des Vatikans anzulegen. Dass sein Berater schon früh einen Testballon steigen ließ, war kein Zufall. Er malte gar ein neues Avignon an die Wand. Wo bleibt denn nun die Kurienreform, fragten damals ungeduldige Kirchenbeobachter über Monate – wohl verkennend, wie komplex und auch mit welchen Widerständen behaftet die Materie war. Wie von ungefähr warf dann, 2015, ein argentinischer Berater von Papst Franziskus (2013–2025) einen Stein ins Wasser.

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Der Papst könnte die katholische Weltkirche ebenso gut von Bogotá aus regieren; die Kurie in Rom sei dafür „nicht wesentlich“, sagte der damalige Erzbischof Víctor Manuel Fernández aus Argentinien einer italienischen Zeitung. Seit 2023 ist Fernández übrigens selbst Kurienkardinal – und nicht weniger als Leiter der vatikanischen Glaubensbehörde.

Der Papst könnte auch außerhalb des Vatikans leben, so Fernández damals, und „eine Behörde in Rom und eine andere in Bogotá haben – und sich vielleicht mit Liturgie-Fachleuten in Deutschland zu einer Telefonkonferenz zusammenschalten“. Geschickterweise vermied er eine Verortung etwa in Buenos Aires, sondern nannte als Beispiel Bogotá, den Sitz des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM.

Babylonische Gefangenschaft der Päpste

Was manchen Kurienkritikern damals ein beifälliges „genau!“ entlocken mochte, musste bei Kirchenhistorikern Alarmglocken schrillen lassen: Avignon, so heißt das Fanal. Die südfranzösische Kleinstadt war im 14. Jahrhundert für über 70 Jahre Schauplatz eines „Exils“ oder der „Babylonischen Gefangenschaft“ der Päpste (1309–1376).

Auch heute, 650 Jahre nach dem Ende dieser Episode, verbindet die Kirchengeschichtsschreibung mit Avignon allerdings vor allem einen Niedergang des Papsttums. Vieles davon geht freilich auch auf pro-römische Propaganda zurück.

Frankreichs König Philipp IV., „der Schöne“ genannt, hatte seinen Dauerrivalen Papst Bonifaz VIII. (1294–1303) mit Gewalt zum Sterben gebracht und bald darauf den neuen Papst, einen Südfranzosen, in seinen Einflussbereich geholt. „Ubi papa, ibi Roma“: Wo der Papst ist, da ist Rom. Mit dieser Formel Heinrichs von Susa, Kirchenrechtler, Diplomat und Kardinal im 13. Jahrhundert, ließ sich die Sache erklären. Nun war Rom eben an der Rhône.

„Abfallgrube für den Unrat der Welt“

Die Viten der sieben Päpste von Avignon sind überformt von römischer, antifranzösischer Propaganda einerseits und von papsttreuer Hagiografie andererseits. Und obwohl gar nicht wenige Amtsinhaber jener Zeit als persönlich fromm gelten dürfen: Vetternwirtschaft, Ablasswesen, Pfründen- und Ämterkauf waren durchaus Kennzeichen dieser Jahrzehnte, als Avignon die größte Baustelle in Europa war. Der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304–1374) schimpfte: „Diese Stadt ist eine Abfallgrube, in der sich aller Unrat der Welt sammelt.“

Avignon und Bogotá haben wohl sehr wenig gemein; und eine Auslagerung von Kurienbehörden nach Südamerika müsste sicher nicht notwendig mit einem Schisma verbunden sein wie einst das „Exil von Avignon“. Das Schisma entstand ohnehin erst zwei Jahre später, 1378 – als übrigens letztmals ein Nicht-Kardinal zum Papst gewählt wurde. Damals galt es zu verhindern, dass das gerade erst zurückgekehrte Papsttum Rom erneut verlässt.

Doch kaum hatte der Erzbischof von Bari, nun Urban VI., seine Wahl angenommen, da entzogen ihm einige Kardinäle ihre Stimme wieder und hoben einen zweiten Kandidaten auf den Schild. Die römische und die französische Partei hatten jeweils ihren eigenen Nachfolger gewählt. Die entstandene Spaltung, das „Große Abendländische Schisma“ – noch verschärft durch die Präsentation eines dritten Papstes beim Konzil von Pisa 1409 – sollte 39 Jahre dauern.

Konzil oder Papst – wer hat die Macht?

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten; eine Verdoppelung der moralischen Autorität des Papsttums gehörte allerdings sicher nicht dazu. Dafür hatte Kirchenkritik Hochkonjunktur. Als „Vor-Reformatoren“ wird man den 1415 als Ketzer verbrannten Jan Hus aus Böhmen oder John Wyclif (um 1330–1384) aus England später bezeichnen.

Auch eine kirchenpolitische Debatte gewann eine neue Dynamik, die schon im 12. Jahrhundert gelehrte Köpfe erhitzt hatte. „Konziliarismus“ hieß das Schlagwort in einem Streit, der sich in immer neuen Spielarten wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte zieht: Wer hat mehr Autorität – das Konzil als die Versammlung der Bischöfe oder der Papst? Darf das Konzil als „Notrecht der Kirche“ den Amtsverlust eines „häretischen“ Papstes feststellen – oder ihn sogar herbeiführen?

Man stelle sich die Szene vor: ein konservativer Papst in Bogotá, Bangkok oder Bulawayo; ein oder zwei emeritierte Päpste anderswo – und eine womöglich allzu progressive Kurie in Rom. So etwas können weder Kardinal Fernández noch Papst Franziskus einst gemeint haben. Eher ging es ihnen wohl darum, dem Vatikan-Apparat eine lange Nase zu drehen. (KNA) 

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