Auf dem Aventin, einem der sieben Hügel von Rom, steht die Basilika „Santa Sabina“. Im fünften Jahrhundert errichtet, zählt sie zu den ältesten Kirchen der Ewigen Stadt. Der Papst teilt hier an jedem Aschermittwoch, zum Beginn der Fastenzeit, das Aschenkreuz aus. Auf ihrem Portal, das aus Zypressenholz geschnitzt wurde, findet sich die älteste bekannte Darstellung der Kreuzigung Christi. Als der heilige Dominikus 1219 nach Rom kam, fühlte er sich von „Santa Sabina“ so angezogen, dass er hier viele Nächte im Gebet verbrachte und dann den Predigerorden gründete, dessen Hauptquartier die Kirche und das angeschlossene Kloster bis heute sind.
Dominikus brachte aus seiner spanischen Heimat einige Bitterorangen mit, aus deren Überresten im Garten des Kreuzgangs ein Orangenbaum aufspross, der bis heute Früchte trägt. Fünf seiner Früchte pflückte die heilige Katharina von Siena im Jahr 1379, kandierte sie und sandte sie Papst Urban VI., mitsamt dem zugehörigen Rezept. Mit dieser symbolischen Geste – mit der sie den Papst aufforderte, aus Bitterem Süßes zu machen – trug sie dazu bei, eine drohende Kirchenspaltung zu verhindern. Ebenfalls in „Santa Sabina“ begann der heilige Thomas von Aquin mit der Abfassung seiner berühmten Summa Theologiae. „Santa Sabina“ ist also ein kirchengeschichtlich bedeutsamer Ort, aber wer war die heilige Sabina, deren „Titelkirche auf dem Aventin ihren verehrungswürdigen Namen bewahrt“, wie es im Martyrologium Romanum zu ihrem Gedenktag am 29. August heißt?
Das Leben und das Martyrium von Sabina, die im zweiten Jahrhundert lebte, wurde erst 400 Jahre nach ihrem Tod aufgezeichnet. Dieser späten Lebensbeschreibung zufolge stammte Sabina aus einer vornehmen römischen Familie, die sie in jungen Jahren mit dem Senator Valentinus verheiratete. In der Familie lebte eine syrische Sklavin namens Seraphia, die Christin war. Nachdem Valentinus verstorben war, begleitete Sabina ihre Sklavin oft in die Katakomben, wo die Christen an den Gräbern der Märtyrer beteten und die Messe feierten. Hier konvertierte Sabina und wurde getauft. Eines Tages, während der Christenverfolgung unter Kaiser Hadrian, wurde Seraphia verhaftet, zum Tode verurteilt und enthauptet. Sabina ließ ihren Leichnam im Mausoleum ihrer Familie beisetzen und bekannte sich dadurch auch öffentlich als Christin. Sie wurde vor den Präfekten Elpidius geführt, verhört und am 29. August 126 ebenfalls hingerichtet.
Möglicherweise stellte sie Christen Raum für Gottesdienste
Um das Jahr 430 begann Papst Coelestin I. auf dem Aventin mit dem Bau der heutigen Basilika; sie wurde unter seinem Nachfolger Sixtus III. fertiggestellt. Bereits seit dem fünften Jahrhundert trägt sie den Namen „Titulus Sabinae“. Grabungen unter der Kirche im 19. und 20. Jahrhundert förderten die Überreste eines vornehmen Wohnhauses zutage, das eventuell vor der Errichtung der Basilika als Hauskirche gedient hatte.
Möglicherweise war – wie bei vielen frühchristlichen Kirchen in Rom – Sabina die Besitzerin des Hauses, die in einer Zeit, als es wegen der Verfolgungen noch keine Kirchenbauten gab, den Christen einen Raum für die Gottesdienste zur Verfügung stellte. Somit gehörte Sabina sicher der christlichen Gemeinde im Rom des zweiten Jahrhunderts an. Nachdem die Kirche errichtet worden war, verfasste man ihre oben erwähnte Lebensbeschreibung. Was an ihr historisch ist und welche Teile vielleicht legendär sind, lässt sich heute nicht mehr beurteilen. Ebenfalls im sechsten Jahrhundert entstand ihre erste bildliche Darstellung, im berühmten Mosaik der Jungfrauen und Märtyrerinnen in der Kirche „Sant’Apollinare Nuovo“ in Ravenna, unter denen Sabina namentlich erwähnt und mit den Attributen Krone, Palme und Buch dargestellt wird.
Der berühmte Orangenbaum, den Dominikus in „Santa Sabina“ pflanzte, kann von der Öffentlichkeit nur durch ein rundes Loch in der Mauer des Portikus der Kirche bewundert werden. Zahlreiche Ableger von ihm stehen im Orangenhain neben der Kirche, von wo aus man vom Aventin hinunter einen wunderbaren Panoramablick über die Ewige Stadt genießt.
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