Nachmittägliche Stille umfing die 24 Leser der „Tagespost“ in der Wallfahrtskirche Santa Maria della Quercia, die im 15. Jahrhundert zur Verehrung eines wundertätigen Marienbildes vor den Toren der Stadt Viterbo errichtet worden war. Zahlreiche römische Renaissancekünstler waren am Bau des Heiligtums beteiligt, das noch heute zu den wichtigsten Pilgerstätten in der Region Latium zählt. „Lex orandi, lex credendi, lex vivendi“ – mit diesen Worten stimmte Prälat Günther Putz am Beginn der Reise auf die gemeinsamen Pilgertage in Italien ein. Schritt für Schritt deutete er bei den täglichen Messfeiern eindrucksvoll die Liturgie der Osternacht aus und verknüpfte dies mit Gedanken von Benedikt von Nursia und Thomas von Aquin.
Am nächsten Morgen führte der Weg in die mittelalterlich geprägte Stadt Viterbo, die anlässlich des Frühlingsfestes San Pellegrino in Fiore mit Blumen geschmückt war. Viterbo wird zu Recht als „Città dei Papi – Stadt der Päpste“ bezeichnet. Unruhen und Machtkämpfe unter den Adelsfamilien in Rom ließen die von einer mächtigen Stadtmauer geschützte Stadt im 13. Jahrhundert zu einem sicheren Rückzugsort werden. Im Papstpalast mit seiner eleganten Loggia residierten zwischen 1257 und 1281 immerhin acht Päpste. Auch das längste Konklave der Kirchengeschichte, das 1 005 Tage, also fast drei Jahre dauerte, trug sich hier zu. Am 29. November 1268 war der französische Papst Clemens IV. gestorben. Die versammelten Kardinäle waren nicht willens, sich zu einigen, sehr zum Unmut der Bevölkerung von Viterbo, die für Kost und Logis zu sorgen hatte. So wurden die Kardinäle zunächst eingeschlossen, dann auf Wasser und Brot gesetzt, und als auch das nicht half, das Dach des Palastes abgedeckt. Der neue Pontifex Gregor X. legte 1274 auf dem Konzil von Lyon fest, dass die Papstwähler künftig immer eingeschlossen werden sollten, auch um Beeinflussung von außen zu vermeiden.
Die Padres der Societas Sanctissimi Sacramenti, die auch Eucharistiner genannt werden, betreuen seit 1984 die Wallfahrtskirche Santa Cristina in Bolsena. Die Basilika wurde im 11. Jahrhundert erbaut, doch ihre Geschichte reicht bis in die frühchristliche Zeit zurück. Am Eingang zu den im 19. Jahrhundert freigelegten Katakomben befindet sich das Grab der heiligen Christina, einer jungfräulichen Märtyrerin, die unter Kaiser Diokletian Ende des dritten Jahrhunderts für ihren Glauben grausam gefoltert wurde. Nur ein paar Meter entfernt steht der aus dem achten Jahrhundert stammende Altar, an dem sich gemäß der Überlieferung 1263 das kirchengeschichtlich bedeutsame eucharistische Wunder zutrug, das Papst Urban IV. veranlasste, das Fronleichnamsfest zum Hochfest der Kirche zu erheben. Papst Urban IV., der sich zum Zeitpunkt des Blutwunders in der nahen Stadt Orvieto aufhielt, beauftragte den heiligen Thomas von Aquin, geeignete Texte und Hymnen für dieses Fest zu schreiben, darunter „Panis angelicus“, „Pange lingua“ und „Adoro te devote“, die am Fronleichnamstag feierlich gebetet oder gesungen werden.
Unweit von Bolsena erhebt sich auf einem markanten Tuffsteinfelsen die Cività di Bagnoregio, die auch als „sterbende Stadt“ bekannt ist. Der heute nur noch wenige Einwohner umfassende Ort war schon in der etruskischen Zeit eine bedeutende Ansiedlung. Mehrere Erdbeben und die Erosion ließen ihn durch die Jahrhunderte hindurch immer mehr in den Abgrund stürzen. Heute ist er nur noch durch eine lange Fußgängerbrücke zu erreichen. Bagnoregio ist auch der Geburtsort von Bonaventura, dem großen Theologen und Scholastiker des Franziskanerordens, der 1263 die erste Vita über den heiligen Franz von Assisi veröffentlichte.
In den waldreichen Monti Cimini thront ein gewaltiger Renaissancepalast über dem Ort Caprarola. Der ungewöhnliche fünfeckige Bau verdankt seine Entstehung der mächtigen Familie Farnese, die mit Paul III. einen der einflussreichsten Päpste des 16. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Die prachtvolle Freskendekoration im Inneren kündet nicht nur vom Ruhm der Familie Farnese, sondern zeigt auf gemalten Landkarten und Sternenbildern auch das geografische und astronomische Wissen des 16. Jahrhunderts. Das nächste Ziel war das Städtchen Sutri, das schon in der Antike von Bedeutung war. Das Amphitheater und die in den Tuffstein geschlagenen Grabnischen zeugen noch heute von dieser Zeit.
In der uralten Felsenkirche Madonna del Parto, die einst als Mithräum diente, sind Pilger auf dem Weg zum Michaelsheiligtum auf dem Monte Gargano in Apulien dargestellt. Zur Mittagszeit wurde die „Tagespost“-Gruppe bereits in einer rustikalen Osteria erwartet, wo sie mit typischen „Stuzzichini“ (Appetithäppchen) verwöhnt wurde.
Östlich von Rom liegt der Ort Subiaco im Tal des Aniene, wohin sich der hl. Benedikt von Nursia als junger Mann in eine Felsgrotte zur Buße und Meditation zurückgezogen hatte. Er gründete dort zwölf Klöster, von denen aber nur das Kloster der heiligen Scholastica die Zeiten überdauerte. Über der Felsgrotte wurde ab dem zwölften Jahrhundert das Kloster San Benedetto, auch Sacro Speco genannt, errichtet, das allein schon durch seine spektakuläre Lage an einer Felswand beeindruckt. Die doppelgeschossige Kirche wurde vollständig mit mittelalterlichen Fresken ausgemalt, die neben der Passion Christi Leben und Wirken des heiligen Benedikt zeigen.
Montecassino: Wiege des abendländischen Mönchtums, geistliches Zentrum des Mittelalters, Mahnmal für den Frieden. Viele Ereignisse verbinden sich mit diesem Ort des Glaubens, der 2029 sein 1 500-jähriges Bestehen feiern wird. Nicht nur die einzigartige Lage auf einem 516 Meter hohen Bergstock, sondern auch die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Abteigebäude mit den Kreuzgängen und der goldglänzenden Kirche hinterlassen einen tiefen Eindruck. Unter dem Hochaltar befindet sich das Grab des hl. Benedikt und seiner Zwillingsschwester Scholastika. In der normalerweise nicht zugänglichen Reliquienkapelle durften die „Tagespost“-Pilger die heilige Messe feiern und sich dem Schutz der Heiligen anvertrauen.

Danach hieß es, den Spuren des heiligen Thomas von Aquin zu folgen. Wohl an die 15 000 Kilometer hat der große Kirchenlehrer, der auch „Doctor angelicus“ genannt wird, auf seinen Wegen durch Europa zurückgelegt. Geboren wurde er 1225 im Ort Roccasecca, wo eine große Statue des Heiligen in die Ferne blickt. Er starb am 7. März 1274 auf dem Weg zum Konzil in Lyon im Zisterzienserkloster Fossanova. Sein Sterbezimmer wurde in eine Kapelle umgewandelt, wo in der heiligen Messe auch die Erneuerung des Taufgelöbnisses erfolgte. Nach einer wohlverdienten Mittagspause im Burgenstädtchen Sermoneta ging es entlang der Via Appia in Richtung Rom, wo der erste Besuch der Päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore galt. Seit Jahrhunderten kommen Pilger, um vor der Reliquie der „Sacra Culla“, der Heiligen Wiege, oder vor dem Bild der Muttergottes, „Salus Populi Romani“ genannt, zu beten.
Vom Hotel Residenza Paolo VI. sind es nur wenige Schritte über die Straße zu den Kolonnaden, die den Petersplatz umfangen. Bei der Generalaudienz von Papst Leo XIV. waren wieder Tausende von Pilgern auf den Petersplatz gekommen. Wenig später wurde bekannt, dass Papst Leo XIV. wieder den Apostolischen Palast in Castel Gandolfo nutzen wird. Für die „Tagespost“-Gruppe war es daher ein Glücksfall, vor der Schließung für die Öffentlichkeit noch einmal durch die privaten Räumlichkeiten der traditionellen Sommerresidenz der Päpste zu gehen und die grandiose Aussicht zu genießen. Viel Geduld war am Audienztag nötig, um in den Petersdom zu gelangen, dessen gewaltige Größe und reiche Ausstattung immer wieder zu beeindrucken vermag.
Beschauliche Ruhe erwartete die „Tagespost“-Pilger dagegen im nahegelegenen Campo Santo Teutonico, der eine über 1 200-jährige Geschichte aufweist und damit die älteste deutsche Nationalstiftung in Rom darstellt. In der Kirche Santa Maria della Pietà hat seit dem 30. Oktober 2025 der umstrittene Cranach-Triegel-Altar aus dem Naumburger Dom für knapp zwei Jahre „Asyl“ gefunden. Auf ihm ist der aus Deutschland stammende Obdachlose Burkard Scheffler dargestellt, der im November 2022 unter den Kolonnaden des Petersplatzes erfroren aufgefunden wurde. Als Papst Franziskus davon erfuhr, ließ er ihn auf dem Campo Santo Teutonico beisetzen.
Die Autorin ist Kunsthistorikerin und begleitet seit vielen Jahren die Pilgerreisen der „Tagespost“ in die verschiedensten europäischen Länder.
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