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Das Evangelium an fünf Fingern

Die heilige Teresa von Kalkutta und die reale Gegenwart Jesu in den Armen.
Mutter Teresa heilt in Indien
Foto: IMAGO/United Archives / kpa Keystone | Mutter Teresa 1979 in einer Kinderklinik in Indien, wo ambulante Patienten behandelt werden.

Nur wenige Heilige haben das Evangelium mit einer solchen Klarheit und Einfachheit veranschaulicht wie die heilige Teresa von Kalkutta. Ihre gesamte Spiritualität – ihre Liebe zu Jesus, ihre Sendung zu den Ärmsten der Armen und ihr heldenhaftes Ausharren inmitten jahrzehntelanger innerer Finsternis – lässt sich in fünf Worten zusammenfassen, die sie ihre Schwestern oft lehrte: „Das – habt – ihr – mir – getan.“

Für Mutter Teresa waren diese fünf Worte aus Matthäus 25,40 mehr als nur eine moralische Ermahnung. Sie brachten das Herzstück des Evangeliums, das Mysterium der Identifikation Christi mit der Menschheit und das Fundament der Berufung der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ (MC) auf den Punkt. Mutter Teresa war zutiefst überzeugt, dass Jesus wahrhaftig in den Armen gegenwärtig ist. Dies prägte das Charisma, das sie ihrer Ordensfamilie anvertraute.

Bräutliche Liebe als Fundament ihrer Sendung

Mutter Teresa war eine geborene Lehrerin. Sie liebte es, ihren Schwestern das zu zeigen, was sie „das Evangelium an fünf Fingern“ nannte. Während sie jeden Finger berührte, sprach sie: „You – did – it – to – Me“ (Das – habt – ihr – mir – getan). Diese einfache Geste brachte ihr gesamtes Verständnis des Evangeliums zum Ausdruck: Jesus ist in den Armen gegenwärtig – auf mystische und persönliche Weise. Was auch immer wir ihnen tun, das tun wir Ihm. Diese Überzeugung prägte ihre Spiritualität, ihre Sendung und das Charisma der „Missionarinnen der Nächstenliebe“.

Schon von Kindheit an verstand sich Mutter Teresa als Braut des gekreuzigten Jesus. Sie liebte Ihn mit leidenschaftlicher, ungeteilter Hingabe und fasste den Entschluss, Jesus so zu lieben, „wie Er noch nie zuvor geliebt worden war“. Ihre bräutliche Liebe war geprägt von dem Wunsch, Jesus vollkommen zu gefallen: „Ich möchte nichts tun, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde, was Ihm weniger gefällt … Ich möchte, dass Er vollkommene Freude hat.“ Diese Sehnsucht, Jesus zu trösten – insbesondere angesichts Seines Durstes nach Liebe und Seelen – wurde zur treibenden Kraft ihres Lebens.

Jesu brennender Durst nach Liebe und Seelen

Am 10. September 1946 empfing Mutter Teresa das, was sie die „Berufung in der Berufung“ nannte. Jesus offenbarte ihr Seinen brennenden Durst nach Liebe und Seelen. Sie verstand Seinen Ruf vom Kreuz herab, „Mich dürstet“ (Joh 19,28), als ein Flehen um ihre Liebe und um das Heil der Ärmsten der Armen. 

„Im Herzen Jesu, da bin ich sicher, herrscht ein schmerzlicher Durst nach Liebe.“ Dies wurde zum Ziel der „Missionarinnen der Nächstenliebe“: „Den Durst Jesu am Kreuz nach Liebe und Seelen zu stillen, indem man sich für das Heil und die Heiligung der Ärmsten der Armen einsetzt.“ Mutter Teresa verband Jesu Worte „Mich dürstet“ und „Das habt ihr mir getan“ – das Ziel und die Mittel ihrer Sendung.

Jesu reale Gegenwart in den Armen

Um diese Mission zu konkretisieren, fügte Mutter Teresa den drei traditionellen Gelübden des Ordenslebens (Armut, Keuschheit, Gehorsam) ein viertes hinzu: den unentgeltlichen Dienst aus ganzem Herzen an den Ärmsten der Armen. Die Konstitutionen beschreiben die Ärmsten der Armen als Menschen, die materiell oder spirituell Not leiden, darunter „die Hungrigen, die Durstigen, die Nackten, die Obdachlosen… die Ungeliebten, die Verlassenen… jene, die allen Glauben und alle Hoffnung verloren haben… die Versuchungen Ausgesetzten, die geistlich Blinden… die Abstoßenden, die Betrübten…“. Für Mutter Teresa waren dies keine Kategorien – es war Christus selbst, gegenwärtig in „erschütternder Verkleidung“.

Mutter Teresa betonte nachdrücklich, dass Jesus wahrhaftig in den Armen gegenwärtig ist – nicht symbolisch oder metaphorisch, sondern mystisch und ontologisch, wenngleich nicht auf dieselbe Weise wie in der Eucharistie. Sie lehrte ihre Schwestern: „Jesus ist eine lebendige Person, die im Tabernakel gegenwärtig ist, und Er ist auch in der Person des Armen… Das dürft ihr niemals vergessen.“ Sie nahm die Worte Jesu wörtlich: „Jeder Mensch ist für mich Christus… es gibt nur einen Jesus.“ Diese Überzeugung prägte die Lebensweise der „Missionarinnen der Nächstenliebe“: ihren persönlichen, unmittelbaren und liebevollen Dienst.

Anbetung führt zum Dienst, Dienst führt zur Anbetung

Mutter Teresa sah eine tiefe Einheit von Jesus in der Eucharistie und Jesus in den Armen. Ein Bruder bezeugte dies mit den Worten: „Der Jesus, den ich in der Eucharistie empfange, ist derselbe Jesus, dem ich diene. Es ist kein anderer Jesus.“ Diese eucharistische Sichtweise prägte die besondere Spiritualität der „Missionarinnen der Nächstenliebe“: Anbetung führt zum Dienst, und der Dienst führt zurück zur Anbetung.

Mutter Teresa sprach oft von Jesus, der in der „erschütternden Gestalt“ der Armen verborgen ist. Dieser Ausdruck bringt das Geheimnis der Demut Christi und seiner Solidarität mit der Menschheit auf den Punkt. Sie brachte diese Überzeugung in kraftvollen Worten zum Ausdruck: „Jesus hat sich selbst mit den Armen identifiziert… Er wurde zum Ärmsten der Armen: der Hungrige, der Durstige, der Nackte…“. Die Armen sind nicht bloß Empfänger von Wohltätigkeit – sie sind lebendige Abbilder, ja Ikonen des gekreuzigten Christus.

Ziel war es, die Herzen der Menschen zu wandeln

Mutter Teresa betonte stets, dass es sich bei ihrer Arbeit weder um Sozialarbeit noch um systemische Reformen handle. Pater Gary Duckworth MC erklärt das so: „Ihre Arbeit war keine Sozialarbeit, die darauf abzielte, Systeme zu verändern. Ihr Wirken war ein Akt unmittelbarer Nächstenliebe; ihr Ziel war es, die Herzen der Menschen zu wandeln und sie davon zu überzeugen, dass Gott sie liebt – und zwar, indem sie ihre akute Not linderte. Sie war sich dessen immer völlig im Klaren.

Menschen, die gerade vor Hunger sterben, brauchen kein Programm. Verlassene und einsame Menschen brauchen kein Programm. Sie brauchen unmittelbare Liebe und Zuwendung! Genau das lehrte Mutter Teresa. Später könnten diese Menschen durchaus von Programmen profitieren, und sie ermutigte andere dazu, solche Angebote für die Armen bereitzustellen; ihre eigene Aufgabe jedoch bestand darin, die erste heilende Berührung Gottes zu vermitteln.

Nur ein Tropfen, die heilende Berührung Gottes

Ihr Wirken war zwar nur ein „Tropfen im Ozean“, doch sie wusste, dass dieser Tropfen half. Mit einem gewissen Humor pflegte sie zu sagen: „Wir geben den Menschen einen Fisch zu essen; später könnt ihr dann die Angel kaufen und ihnen beibringen, selbst zu fischen.“ Ihre Mission war die erste heilende Berührung Gottes, eine persönliche Begegnung mit Christus in den Armen. Die Aufgabe, sich um die weiteren Bedürfnisse der Armen zu kümmern, lag bei anderen.

Brian Kolodiejchuk.

Das ist die Geschichte einer der ersten Schwestern, die sich Mutter Teresa im Jahr 1949 anschlossen: Schwester Gertrude berichtet, wie sie einen an Tuberkulose sterbenden Mann trug. Nachdem sie zunächst mit ihrer allzu menschlichen Reaktion gerungen hatte, geschah Folgendes: „In einer Sekunde durchfuhr ein Lichtblitz mein Herz… Ich erkannte: Das ist Jesus, den Maria nach seinem Tod am Kreuz in ihre Arme nahm.“ Dieser Augenblick verwandelte ihre Abscheu in übernatürliche Liebe. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel für das Charisma Mutter Teresas, Jesus in den Ärmsten der Armen zu sehen.

Identifikation Christi mit der Menschheit

Die Spiritualität Mutter Teresas ist tief in der Heiligen Schrift und in der Theologie verwurzelt. Der Katechismus lehrt, dass Er sich „in seiner menschgewordenen göttlichen Person gewissermaßen mit jedem Menschen vereint hat“ (KKK 618). Die Gegenwart Christi in den Armen ist somit nicht metaphorisch zu verstehen – sie entspringt der Menschwerdung Christi selbst.

Der Theologe Erasmo Leiva-Merikakis betont, dass die korrekte Übersetzung von Matthäus 25,40 „das habt ihr mir getan“ lautet, und nicht „für mich“: „Entweder wird die radikale Identifikation Christi mit den Leidenden ohne jede Einschränkung vermittelt, oder die gesamte Szene verkommt zu einer banalen moralischen Ermahnung.“ Mutter Teresa erfasste diese Wahrheit mit leuchtender Klarheit.

Die einzige Wirklichkeit von Mutter Teresa

Eine erfahrene Schwester der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ bezeugte, dass Mutter Teresa die Worte „Mich dürstet“ und „Das habt ihr mir getan“ als eine einzige Wirklichkeit begriff: „Es gibt nicht zwei Arten der Liebe, sondern nur eine… Jede Faser von Mutters Wesen schwingt im Einklang mit diesen Worten.“ Ihr Charisma vereinte Kontemplation und Aktion, Eucharistie und Dienst, die Liebe zu Jesus und die Liebe zu den Armen.

Als Mutter Teresa 1997 starb, sagte Bruder Patrick Ellis, der Präsident der „Catholic University of America“: „Sie lebte das Evangelium mit einem Mut, der ebenso überwältigend wie übernatürlich inspiriert war.“ Sie zeigte der Welt den Weg, Jesus in den Armen zu lieben und die Armen so zu lieben wie Jesus.

Heiligkeit, das sind kleinen Taten großer Liebe

Mutter Teresas „Evangelium der fünf Finger“ ist keine Vereinfachung – es ist eine Offenbarung. Es bringt das Herz des Christentums zum Ausdruck: den Mensch gewordenen Gott, der sich mit den Geringsten, den Leidenden und den Vergessenen identifiziert. Ihr Leben lehrt uns: Jesus dürstet nach unserer Liebe. Jesus ist in den Armen gegenwärtig.

Was wir ihnen tun, das tun wir Ihm. Heiligkeit findet sich in kleinen Taten großer Liebe. Die Eucharistie und die Armen offenbaren ein und denselben Jesus. In einer Welt, die von Einsamkeit, Spaltung und geistlichem Hunger geprägt ist, bleibt Mutter Teresas Zeugnis ein prophetischer Aufruf, die reale Gegenwart Christi in den Armen neu zu entdecken – und mit Liebe aus ganzem Herzen darauf zu antworten.


Brian Kolodiejchuk begegnete Mutter Teresa erstmals 1977, im Alter von 21 Jahren. 1984 gehörte er als junger Priester zu den Mitbegründern des männlichen Zweigs der „Missionaries of Charity“ (MC). Er arbeitete in der New Yorker Bronx mit Drogensüchtigen und Verelendeten, war ein enger Vertrauter von Mutter Teresa und später Postulator ihres Heiligsprechungsverfahrens. Heute leitet er das „Mother Teresa Center“. Furore machte 2007 sein Buch „Mother Teresa: Come Be My Light“ (deutsch bei Pattloch: „Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht“), in dem er Mutter Teresas Nacht der Seele bekannt machte, in der er „eine bisher unbekannte Tiefe der Heiligkeit“ sah, die rechtfertige, „sie unter die größten Mystiker der Kirche einzureihen“.

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