Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Achim Neuhaus

„Wir alle haben ein Gottes-Gen in uns“

Entscheidend ist, dass Eltern ihren Kindern vermitteln: „Glaube ist eine Liebesbeziehung zu Gott”. Ein Gespräch über Liebe, die Kraft des Gebets und Unterscheidung der Geister.
Wenn Kinder beten lernen
Foto: Imago/VectorFusionArt | Wenn Kinder beten lernen, können sie in die Beziehung zu Gott hineinwachsen und erfahren, dass Jesus ihr bester Freund ist, der immer für sie da ist.

Seit vielen Jahren begleitet Achim Neuhaus Menschen bei Fragen zu Beziehung, Identität und christlicher Berufung. Im Mai 2026 ist sein Buch „Dein Herz findet Heimat – Praktischer Weg zur einzigen Liebe, die erfüllt“ erschienen.

Wie können Eltern den Glauben am besten an ihre Kinder weitergeben?

Indem sie die Sehnsucht nach Gott wecken. Wir alle haben ein „Gottes-Gen“, also eine Sehnsucht nach Gott, in uns – auch wenn wir es nicht wissen. Wir Christen haben die größte Liebesgeschichte der Welt zu verkünden. Dagegen ist „Romeo und Julia“ ein billiger Groschenroman. Oft sprechen wir jedoch über die Liebe Gottes, als würden wir ein Telefonbuch vorlesen. Wir erzählen nicht ansteckend von ihr. Wichtig ist aber auch nicht nur, was wir sagen, sondern, ob man uns die Beziehung zu Gott ansieht. Samuel Koch wurde schon vor seinem Unfall bei „Wetten, dass …?“ von Mitschülern gefragt, warum er immer so glücklich sei, auch wenn Dinge bei ihm nicht gut liefen. Seine Antwort lautete: „Weil ich bete.“ Im Christentum geht es nicht um Leistung oder Vorschriften. Entscheidend ist, dass Eltern ihren Kindern helfen zu erkennen, dass der Glaube eine persönliche Liebesbeziehung zu Gott ist. Wenn Kinder beten lernen, können sie Schritt für Schritt in diese Beziehung hineinwachsen.

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Was hilft Kindern, beten zu lernen?

Zunächst einmal sind mündliche Gebete wichtig. Aber dann ist es essenziell, das Kind immer mehr an einen persönlichen Gott heranzuführen und ihm zu zeigen, dass sie persönlich mit diesem Gott sprechen und sich an ihn mit ihren Sorgen, Problemen und Freuden wenden können – dass Jesus ihr bester Freund ist, der rund um die Uhr für sie da ist. Ich würde das „affektive Zwiesprache“ nennen. Als ich Kind war, habe ich das nie gelernt. Da ging es um Pflichterfüllung.

Um ihren Kindern die Liebe Gottes zu vermitteln, müssen Eltern sie aber selbst erfahren haben und von ihr erfüllt sein …

Genau. Mir hat letztens jemand gesagt: „Ich will gar nicht geliebt werden. Meine Erfahrungen mit Liebe waren mein ganzes Leben lang negativ und haben Verlust und Schmerz mit sich gebracht.“ Daher muss man erst mal verstehen, was wahre Liebe ist. Christus liebt uns bedingungslos – egal, was wir machen. Er stellt keine Forderungen. Er hat seine Königswürde aufgegeben, um Mensch zu werden und frei für uns am Kreuz zu sterben. Er wollte uns ein Vorbild sein, damit wir sehen, was bedingungslose Liebe ist, und wie wir unseren Egoismus überwinden können.

Können wir überhaupt bedingungslos lieben?

Nein. Nicht von uns aus, da wir die Ursünde in uns tragen. Aber genau darum geht es ja. Die Nummer 221 des Katechismus besagt, dass wir dazu berufen sind, am ewigen Liebesaustausch von Vater, Sohn und Heiligem Geist teilzuhaben. Das ist mein Lieblingszitat. Wir können in Gott nur eingehen, wenn wir liebesfähig werden – und das geht wiederum nur, wenn wir uns in die Liebesbeziehung mit Gott hineinziehen lassen. Durch die Ursünde ist unser Herz mit einem dicken Betonmantel umschlossen. Aus meiner Sicht ist der Sinn des Christentums, dass wir lernen, diesen Betonmantel aufzusprengen. Das dauert ein ganzes Leben lang. Stück für Stück kommt die Liebe Gottes dann in unser Herz und verändert es. Da wir immer wieder fallen, ist die Beichte auch so wichtig: dass das Liebesband, das wir häufig durchschneiden, wieder repariert wird.

Wie können wir in der Familie die Liebe einüben?

Dass man nicht darauf wartet, gesagt zu bekommen, dass man den Müll runterbringen soll. Dass man selber schaut: Wo kann ich etwas tun? Wo kann ich helfen? Für Männer: den Frauen Blumen mitbringen … auch wenn man nichts ausgefressen hat. Kinder suchen Vorbilder. Wenn sie Selbstlosigkeit vorgelebt bekommen, ist das etwas völlig anderes als Eltern, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Ich habe das mal sehr schön erlebt, als ich mit einer Familie im Urlaub war. Am letzten Tag zogen die Kinder die Betten im Hotel ab. „Wieso das denn?“, habe ich sie gefragt. „Weil wir den Bediensteten die Arbeit leichter machen möchten“, sagten sie. Das hat mich beeindruckt.

Welche besondere Rolle spielt der Vater bei der Glaubensvermittlung?

Nichts wirkt meiner Meinung nach stärker auf ein Kind, als wenn es den Vater kniend in der Kirche beten sieht – richtig beten. Nicht nur einfach schnell mal nur eine Kniebeuge. Der Vater als Vertrauensfigur und als Ratgeber ist aber auch sehr wichtig. Dass die Kinder wissen, dass sie immer zu ihm kommen und sich mit ihm auch über schambehaftete Dinge unterhalten können. Wenn der Vater so viel arbeitet, dass er kaum zu Hause präsent ist oder todmüde, wenn er nach Hause kommt, dann wachsen die Kinder mit einem großen Defizit heran. Dann fehlt ihnen das Bild eines Vaters, dem sie vertrauen können – und das wirkt sich natürlich auch auf die Beziehung mit Gott dem Vater aus. Zum Glück kann man im Gebet erfahren, dass Gott uns liebt und mit der Zeit kann ich trotzdem in ein tiefes Gottesvertrauen hineinwachsen, auch wenn ich kein positives Vaterbild habe. Das ist meine eigene Erfahrung, aber auch die der letzten 20 Jahre in der Begleitung junger Menschen.

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Haben Sie konkrete Tipps für Menschen, die ein „Vater-Defizit“ haben?

Das betrachtende Gebet nach dem heiligen Ignatius von Loyola ist sehr hilfreich: Dass man sich Bibelstellen heraussucht, in denen es um Vertrauen geht, und diese eine Stelle eine Woche lang jeden Tag betrachtet, meditiert. Schritt für Schritt kann man dann das Herz öffnen. Aber das braucht Zeit.

Gute Vorsätze scheitern des Öfteren. Warum?

Wir sind durchaus im 21. Jahrhundert bereit, anzuerkennen, dass es Gott gibt und seine Liebe, den Heiligen Geist, den guten Geist. Aber wir realisieren oft nicht, dass es auch die Gegenpartei gibt. Der böse Geist ist sowohl einerseits unser ursündlicher Egoismus als auch das Wirken des Teufels, der, sobald sich ein Mensch Gott zuwendet, ihn in sündhafte Dinge treiben will, damit er wieder von Gott wegkommt. Diese Realität müssen wir auch den Kindern beibringen – nicht im Angstmodus natürlich. Aber da es früher die Drohbotschaften gab, haben wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und reden nun in der Kirche gar nicht mehr von „der anderen Firma“. Aber es gibt den Teufel, den gefallenen Engel, der auf uns Menschen als Abbilder Gottes neidisch ist. Es hätte mir viel geholfen, wenn man mir das als Kind richtig erklärt hätte: Dass uns der Gegner von Gott wegführen möchte. Das kann man Kindern erklären, ohne ihnen Angst zu machen.

Wie kann man die Stimme des guten und die des bösen Geistes unterscheiden?

Da helfen die Regeln, die der heilige Ignatius für die Unterscheidung der Geister aufgestellt hat. Bei jemandem, der noch nicht so fest im Glauben steht, hilft ein ehrlicher Blick auf die vergangenen Tage und Wochen: Wie habe ich gelebt? Wer ständig auf der Überholspur des Lebens unterwegs ist, wird oft merken, dass eine innere Trostlosigkeit entsteht – etwa eine Unlust am Gebet oder an religiösen Dingen. Dann kann man fragen: „Bin ich vom Weg abgekommen?“ Ignatius sieht in dieser Unruhe oft einen Ruf Gottes, der den Menschen wieder zu sich ziehen will. Wichtig ist dann, nicht von den guten Vorsätzen abzuweichen. Wenn ich mir etwa vorgenommen habe, täglich zehn Minuten zu beten, sollte ich das gerade in Zeiten der Trostlosigkeit nicht aufgeben. Und wenn mich etwas vom Gebet oder von Gott wegziehen will – sei es Zerstreuung, Bequemlichkeit oder die Versuchung, alles andere für wichtiger zu halten –, dann würde Ignatius sagen: Das kommt nicht vom guten Geist. Alles, was uns von Gott wegführt, sollten wir kritisch prüfen.

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Aber Übertreibung im „Guten“ kommt auch nicht unbedingt von Gott …

In der Tat. Ignatius sagt, dass der böse Geist seine Taktik verändert, je nachdem, wo ein Mensch auf seinem Glaubensweg steht. Wer im Glauben fortgeschritten ist, wird häufig nicht mehr zum Schlechten verführt, sondern zum scheinbar Guten. Dann lautet die Versuchung etwa: noch mehr beten, noch mehr leisten, noch mehr tun. Das kann sogar etwas sein, das an sich gut und fromm ist. Wenn dadurch aber die eigenen Pflichten vernachlässigt werden, die Familie zu kurz kommt oder die innere Ordnung verloren geht, dann kann gerade darin die Versuchung liegen. Der böse Geist versucht dann nicht mehr, den Menschen von Gott wegzuführen, sondern ihn durch das Übermaß vom rechten Weg abzubringen. Daher ist es wichtig, eine gute geistliche Begleitung zu haben. Es ist heutzutage schwer, einen guten geistlichen Begleiter zu finden, der sich in diesen Dingen auskennt. Oft wird geistliche Begleitung heute mit Krisenbewältigung oder Lebenshilfe gleichgesetzt. Aber es müsste um die Unterscheidung der Geister gehen … Das war einer der Beweggründe für mein Buch: Zwar werden die Themen nur angerissen, aber es soll ein praktischer Helfer sein. Wer möchte, kann dann auch über die „FOR ME“-Zoom-Kurse die einzelnen Themen vertiefen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem erfüllten Leben. Haben Sie die Erfahrung eines erfüllten Lebens auch persönlich machen dürfen?

Ja, absolut. Es geht ja darum: Wie kann ich glücklich sein, unabhängig von den Umständen? Was mich trägt, ist die Liebe Gottes. Ich bin Autist, und ab meinem sechsten oder siebten Lebensjahr war das Erleben von Liebe einfach weg. Ich wollte nicht mehr mit der Mama kuscheln, weil ich das als Bedrohung empfand. Ich habe mich im Leben dann auf Erfolg und Geld konzentriert, um die innere Leere zu kompensieren. Aber dann durfte ich eines Tages die Liebe Gottes in dem Maße erfahren, dass ich mir gesagt habe: Wenn das das ist, was uns auf der anderen Seite erwartet, dann darf das gerne hier schon losgehen.

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