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Die „Josephsehe“ als Fluchtburg?

Vom Missverständnis der frommen Enthaltsamkeit oder warum die Liebessprache des Körpers nicht verstummen darf.
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Foto: Imago images/Shotshop | Emotionale Entfremdung führt oft auch zu körperlicher Distanz. Statt die eheliche Einheit neu zu suchen, ziehen sich manche Paare dauerhaft in die Enthaltsamkeit zurück – was jedoch dem kirchlichen Sinn der Ehe ...

So viele Popsongs, Liebesfilme und auch die Gattung der Young-Adult-Romane besingen die Leidenschaft der jung Verliebten, oft auch der jung Verheirateten. Anders als in der romantischen Überhöhung ist die eheliche Sexualität nicht in jedem Fall ein Selbstläufer. Denn beide Partner bringen sich selbst in die Beziehung ein, mit all der Komplexität ihrer Vorerfahrungen. Schon die Rollenmuster von Geschwistern, Eltern und Großeltern können die eigene Freiheit beeinträchtigen, ohne dass man nach verborgenen Traumata oder unbewussten Missbrauchserfahrungen bohren müsste. Nicht jeder Mensch tut sich in der Ehe leicht mit dem richtigen Verhältnis von Nähe und Distanz. Das und so vieles will erlernt und manchmal auch durchlitten werden.

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Wie schön ist daher die Lehre der Kirche, die betont, dass es bei der Sexualität in der Ehe nicht allein um die Weitergabe des Lebens in den gemeinsamen Kindern geht, sondern genauso um das gegenseitige Wohl der Ehegatten. Aus dem deutschen Wort „Wohl“ schimmert bereits die positive Annahme der Sexualität als ein von Gott den Eheleuten geschenktes Gut durch, als eine Quelle von Freude und Lust.

Sexualität in der Ehe ist kein Selbstläufer

Leider zeigt die Lernkurve nicht immer steil nach oben. Menschen sind unterschiedlich disponiert und bereit, sich Herausforderungen zu stellen oder vor ihnen wegzulaufen. Spätestens im berühmten siebten Jahr zeigen sich oft die ersten tiefen Konflikte und die Ehepartner werden sich bewusst, wie unterschiedlich sie doch sind. Nicht selten kommt es in diesen Konflikten zu tiefen emotionalen Verletzungen, die nach und nach zu atmosphärischen Störungen und emotionaler Entfremdung führen. Je nach Mensch und Situation spiegelt sich Letztere dann auch in einer körperlichen Entfremdung wider. Der eine Ehepartner beginnt, sich dem anderen Ehepartner zu entziehen und hat einfach „keine Lust mehr“.

In Beichte und Seelsorgegespräch begegnet dem Priester nicht selten das Phänomen der eingeschlafenen ehelichen Sexualität. Spätestens nach der Geburt des letzten Wunschkindes kann man hören: „Meine Frau macht sich nichts daraus; jetzt muss ich schauen, wie ich damit zurechtkomme.“ Wobei das Stereotyp nicht immer stimmt. Umgekehrt kann es auch vorkommen, dass der Mann die körperliche Begegnung verweigert. Fromme Ehepaare gehen in ihrer Verweigerung manchmal noch einen Schritt weiter und postulieren das Ideal der „Josephsehe“. Werden hier nicht eher die vorhandenen Tendenzen der körperlichen Entfremdung spiritualisiert, um sie elegant aus dem Weg zu räumen?

Alarmglocken aus biblischer Sicht

Vom biblischen Befund her klingeln sofort die Alarmglocken. Der Apostel Paulus schwärmt zwar davon, wie schön es wäre, wenn sich alle vollständig dem Dienst am Herrn widmen könnten. Er ist aber genug Seelsorger und Realist, um die Gefahren zu erkennen. Deshalb, sagt er, soll jeder seinen Ehepartner haben. Überraschenderweise denkt Paulus sogar über die Option der ehelichen Enthaltsamkeit nach, will sie aber nur unter drei engen Bedingungen erlauben: im gegenseitigen Einvernehmen, für eine bestimmte Zeit, um frei zu sein fürs Gebet.

Halten die „Josephsehen“ diesen Anforderungen stand? Fromme Ehepaare verweisen gern auf ihr gegenseitiges Einvernehmen, doch liegt im Regelfall keine zeitliche Befristung vor. Die Enthaltsamkeit läuft open end. 
Der dritte Punkt ist entscheidend: Man darf sich dann einvernehmlich befristet voneinander enthalten, wenn man diese Zeit fürs Gebet nutzen möchte. Auf die Frage: „Wie viel Zeit verwendet ihr durchschnittlich pro Woche für eheliche Zärtlichkeiten und wie gestaltet sich die durch den Verzicht frei gewordene gemeinsame Gebetszeit?“ erhält der Seelsorger oft nur ein Schulterzucken.

Keuschheit und Enthaltsamkeit

So konkret möchte man den heiligen Paulus dann doch nicht verstehen. Um das Problem auf einer tieferen Ebene zu verstehen, lohnt es sich, die Begriffe Keuschheit und Enthaltsamkeit voneinander zu unterscheiden.

Zunächst ist nach dem Katechismus jeder Getaufte zur Keuschheit berufen. „Jeder“ meint folgerichtig nicht nur die Unverheirateten und Verwitweten, sondern auch die Verheirateten. Daraus wird schon deutlich, dass Keuschheit keine dauernde Enthaltsamkeit meinen kann, sondern eine Kultivierung der ehelichen Sexualität hin zu der von Gott her intendierten Form. Schließlich wird dem Christen die Keuschheit nicht von außen durch ein Gebot oder Gesetz auferlegt, sondern er verpflichtet sich in seinem Taufversprechen selbst dazu (KKK 2348). Aus dem jährlich in der Osternacht abgegebenen Versprechen, dem Bösen und seinen Verlockungen zu widersagen, fließt die Selbstverpflichtung, die eigenen ungeordneten Begierden in die personale Ehebeziehung einzuordnen – als ein Prozess, nicht als ein Ergebnis.

Von daher lässt sich auch die Definition der Keuschheit verstehen, die eine geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person meint und dadurch erst die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein ermöglicht. Auch das Ziel der Einheit von Leib und Seele erstreckt sich über die gesamte Lebenszeit. Denn der Mensch ist anders als die Engel kein reines Geistwesen, er besteht aus der Dualität von Leib und Seele, selbst nach der Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten.

Keuschheit ist nicht aus eigenen Mitteln zu bewerkstelligen

Wie alles im geistlichen Leben, kann der Mensch die Reifung zur Keuschheit nicht aus eigenen Mitteln bewerkstelligen. Die Gnade Gottes, die dazu erforderlich ist, zeigt sich besonders schön in der Geistesfrucht der Enthaltsamkeit oder Selbstbeherrschung (Gal 5,23), im Lateinischen „continentia“. Selbstbeherrschung ist also nicht das Ziel, das wäre die Keuschheit selbst, sondern das Mittel dazu. Für den Verheirateten erwächst aus der Selbstbeherrschung die Fähigkeit, unter Gebrauch der eigenen Vernunft die Begierden zu zügeln. Er tut es im Beziehungsgeflecht der Ehe immer bezogen auf den Ehepartner als Du und Gegenüber.

In dieser ehelichen Schule der Selbsthingabe findet also eine doppelte Suche nach Einheit statt: Während die Eheleute eine Form körperlicher Einheit leben, um so die Einheit Christi mit seiner Kirche darzustellen, läuft zugleich der Prozess der Einswerdung von Leib und Seele im Individuum ab. Darf man sich diesem doppelten Prozess entziehen?


Der Autor ist Priester und als Cityseelsorger tätig. Er ist Mitglied des Vor-Oratoriums St. Josef Ingolstadt.

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