Mit „Wachet mit mir. Gedanken zur Fastenzeit“ legt der Kölner Diözesanpriester Alexander N. Krylov ein geistliches Buch vor, das wohltuend aus dem Rahmen gängiger Erbauungsliteratur fällt. Es ist kein Sammelband frommer Betrachtungen, sondern ein geistlicher Wegbegleiter. Bereits der Titel verweist auf jene Szene am Ölberg, in der Christus seine Jünger bittet: „Wachet und betet mit mir“ (Mt 26,38). Krylov versteht diese Bitte nicht als moralischen Appell, sondern als Einladung in eine Beziehung, die den ganzen Menschen umfasst: Herz und Verstand, Erfahrung und Erkenntnis. Darin liegt die besondere Stärke dieses Buches. Es verbindet eine tiefe, lebenspraktische Spiritualität mit fundierter Bibelkenntnis und solide reflektiertem theologischen Wissen – und bleibt dabei offen für wissenschaftliches Denken. Der theologisch als auch naturwissenschaftlich ausgebildete Autor bewegt sich souverän zwischen Exegese, Dogmatik und geistlicher Praxis. Seine Texte sind durchdrungen von der Erfahrung eines Glaubens, der sich den Fragen der Moderne nicht entzieht, sondern ihnen standhält.
Die einzelnen Fastenmeditationen entfalten sich entlang zentraler biblischer Motive: Wüste, Versuchung, Umkehr, Schweigen, Passion. Krylovs Schriftauslegungen wurzeln erkennbar in der historisch-kritischen Exegese, ohne sich in ihr zu erschöpfen. Immer wieder öffnet er den Blick auf die geistliche Tiefendimension der biblischen Worte. Dabei zitiert er Kirchenväter ebenso selbstverständlich wie moderne Theologen; patristische Einsichten stehen neben Anklängen an zeitgenössische Anthropologie oder Erkenntnissen aus Psychologie und Naturwissenschaft. Gerade diese Offenheit für wissenschaftliches Denken verleiht dem Buch ein besonderes Profil. Glaube wird hier nicht als Gegenentwurf zur Vernunft verstanden, sondern als deren Vollendung. Wo von Askese die Rede ist, schwingt keine Weltverachtung mit, sondern Gespür für die leib-seelische Einheit des Menschen. Wenn der Autor das Fasten deutet, dann nicht nur als Verzicht, sondern als bewusste Neuausrichtung der Aufmerksamkeit – eine Übung der Freiheit, die auch neurobiologische und psychologische Dimensionen kennt.
Fastenzeit ist nicht nur für religiöse Spezialisten
Zugleich bleibt das Buch stets lebensnah. Krylov schreibt nicht aus der Distanz des Gelehrten, sondern aus der Nähe des Seelsorgers. Seine Sprache ist klar, bisweilen poetisch verdichtet, doch nie pathetisch. Immer wieder finden sich konkrete Hinweise für den Alltag der Leserinnen und Leser: kleine Übungen der Sammlung, Anregungen zum Schriftgespräch, Impulse für das persönliche Gebet. Die Fastenzeit erscheint hier nicht als Sonderzeit für religiöse Spezialisten, sondern als Schule des Wachens im gewöhnlichen Leben.
Die Verwurzelung im kirchlichen Glauben ist dabei unübersehbar; zugleich atmet das Buch eine Offenheit, die der Gegenwart gut ansteht. In einer Zeit, in der religiöse Rede oft entweder in gefühliger Innerlichkeit oder in abstrakter Theorie erstarrt, gelingt Krylov eine seltene Balance. Er denkt präzise und betet zugleich. Seine Meditationen führen nicht in eine spirituelle Parallelwelt, sondern in die Wirklichkeit. Das Buch ist ein Plädoyer für einen wachen, denkenden Glauben, der die Schrift ernst nimmt, die Tradition kennt und die Fragen der Wissenschaft nicht scheut. Wer sich auf diese Texte einlässt, wird entdecken, dass christliches Wachen kein ängstliches Auf-der-Hut-Sein ist, sondern eine Form liebender Aufmerksamkeit.
Alexander N. Krylov: Wachet mit mir. Gedanken zur Fastenzeit, fe-Medienverlag, Kißlegg, broschiert, 84 Seiten, EUR 5,–
Die Rezensentin ist promovierte Theologin.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










