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Gelassen erziehen statt perfekt funktionieren

Weshalb entspannte Eltern ein Geschenk für ihre Kinder sind und ein bedürfnisorientiertes Miteinander Halt gibt.
Mutter und Sohn
Foto: Imago/Dreamstime | Wo Eltern sich nicht als fehlerlos darstellen, sondern eigene Schwächen eingestehen, entsteht für Kinder eine tragfähige Beziehung. Sie entwickeln Selbstwert und Selbstbewusstsein.

Unsere Arbeitgeber erwarten von uns beiden, dass wir rund um die Uhr verfügbar sind – als hätten wir keine Kinder. Großeltern, Freunde und Kita erwarten, dass wir rund um die Uhr verfügbar sind – als hätten wir keine Arbeit.“ Der Klient, ein gut ausgebildeter, engagierter und liebevoller Vater, ist am Ende seiner Kräfte.
Solches und Ähnliches ist nicht selten von jungen Müttern und Vätern zu hören. Die Gesellschaft scheint von Familien zu erwarten, alles gleichzeitig leisten zu können: beruflichen Erfolg, gelingende Erziehung, ein erfülltes Sozialleben und ein harmonisches Zuhause.

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Die meisten Eltern geben alles, um diesen Erwartungen zu entsprechen. Im Alltag entstehen dadurch oft Stress, Ärger und Selbstzweifel.  Auch hat sich in den letzten Jahren zunehmend das Leitbild „Glückliche Eltern – glückliche Kinder“ in unserer Gesellschaft ausgebreitet. Nicht selten gründet es jedoch auf einem missverstandenen Glücksbegriff und erzeugt dadurch einen subtilen Druck, ständig positive Erlebnisse schaffen zu müssen – für sich selbst und für die Kinder. Die Folge ist häufig unnötige zusätzliche Erschöpfung.

Sicherheit als Grundlage für Neugier und Mut

Doch Glück ist flüchtig. Entscheidend für eine gelingende Erziehung ist deshalb ein innerer Friede im Herzen der Eltern. Aus einer friedvollen inneren Haltung entstehen gewissermaßen „Entspannungsinseln“ für andere. Kinder profitieren davon, denn ihr Nervensystem orientiert sich an den Bezugspersonen – an ihrer Stimme, Mimik und Körperhaltung. Reagieren Eltern angespannt, überträgt sich die Unruhe auf das Kind. Bleiben sie hingegen ruhig und präsent, erleichtert das auch dem Kind, sich wieder zu entspannen. Ein Beispiel: Ein Kind verschüttet etwas Milch.

Ein scharfes „Jetzt pass doch endlich auf!“ erhöht seine Anspannung. Ein ruhiges „Das kann jedem passieren. Wir wischen es zusammen auf“ vermittelt ihm Sicherheit und zeigt: Fehler sind erlaubt. Das Kind kann sich entspannen.
Was im Alltag intuitiv erfahrbar ist, beschreibt die Bindungsforschung noch genauer. Kinder entwickeln ein stabiles inneres Sicherheitsgefühl, wenn ihre Bezugspersonen verlässlich und emotional erreichbar sind. Kinder, die über ein gutes Sicherheitsgefühl verfügen, entwickeln Neugier auf die Welt und den Mut, den sicheren Hafen der Eltern zu verlassen. Das legt den Grundstein für eine spätere, gute berufliche Karriere.

Der Apostel Lukas zeigt uns ein gutes Beispiel aus dem Leben Jesu: Als dieser zwölf Jahre alt geworden war, zog er mit seinen Eltern zum Paschafest nach Jerusalem. „Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen“ (Lk 2, 43–47).

Was Maria und Josef in Angst und Schrecken versetzt hat, erschien dem jungen Jesus nur selbstverständlich: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“, entgegnet er seinen Eltern erstaunt. Er fühlte sich offensichtlich seiner Beziehung zu seinen Eltern so sicher, dass er gar nicht auf die Idee kam, dass sich Josef und Maria sorgen könnten.
Maria reagiert zunächst vorwurfsvoll: „Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ 

Viele moderne Erziehungsratgeber würden Marias Verhalten kritisieren: Vorwürfe schmälerten das Selbstbewusstsein des Kindes. Ratgeber empfehlen deshalb, Kinder nur „positiv zu verstärken“, sie also für gutes Verhalten zu belohnen. Im Alltag führt ein solcher Erziehungsstil allerdings dazu, dass Eltern unauthentisch mit ihren Kindern umgehen und ihre momentane Wut nicht mehr zeigen. Doch Kinder spüren genau, wenn etwas nicht ganz stimmt – und lasten es dann sich selbst an.

Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott zeigt uns deshalb einen besseren Weg: „Fehler“ von Eltern sind für ihn eine Chance, die Beziehung zum Kind zu stärken: Wenn sich Eltern ein- und zugestehen, dass auch sie unzulänglich sind, führt das nach Winnicott zu einer verbesserten Beziehung zum Kind. In so einer Beziehung entwickelt das Kind Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein.

Dies lernen wir auch aus der Geschichte, die Lukas weitererzählt: „Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen“ (Lk 2, 50–52). Maria und Josef verstehen Jesu Worte nicht, doch sie bleiben ruhig und bewahren seine Worte in ihren Herzen auf.

Eltern sollten „gut genug“ sein

Winnicott würde diese Geschichte aus psychoanalytischer Sicht so erklären: Für ein Kind bedeute ein Vorwurf zunächst eine tiefe Verunsicherung. Winnicott nennt diese Verunsicherung „Ruptur“, weil die bisherige Beziehung zu „Bruch“ ginge. Doch so einen Bruch können Eltern leicht „reparieren“. Wenn sie ihr eigenes Verhalten reflektieren, sich entschuldigen oder – wie Josef und Maria – sich um ein Verständnis für das Kind bemühen, würde die gute Beziehung zu den Bezugspersonen wiederhergestellt. Winnicott spricht deshalb von „Repair“ (Reparatur). Durch die Reparatur werde die Beziehung sogar noch verbessert. Es entstünde dadurch ein noch tieferer Kontakt. 

Darüber hinaus erfährt das Kind: Ich muss nicht perfekt sein, um geliebt zu werden. Ich bin geliebt, so wie ich bin. Bereits in den fünfziger Jahren forderte Winnicott deshalb, Eltern sollten nicht versuchen, perfekt, sondern „good enough“ (gut genug) zu sein. 

Manchmal wird Winnicotts Ansatz als Freibrief für Egoismus der Eltern missgedeutet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Er möchte, dass Eltern ihren Nachwuchs Schritt für Schritt an ein bedürfnisorientiertes Miteinander heranführen. Konflikte in Familien entstehen, weil Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben: Das Kleinkind ist um 4 Uhr morgens wach und möchte spielen. Die Eltern wünschen sich um 4 Uhr Schlaf, weil sie um 6 Uhr aufstehen müssen. Eine kleine „Ruptur“ ist also unvermeidlich, wollen sich die Eltern langfristig Kraft und Ruhe für die Kindererziehung bewahren. Hier muss sich jeder selbst überleben: Wie könnte in einer solchen Situation ein guter Kompromiss, ein „Repair“ aussehen?
Wenn Eltern nicht perfekt sein müssen, erkennen sie ihre Grenzen, bevor sie ex- oder implodieren.

Ihnen bleibt Zeit, sich passende Hilfe zu suchen. Unterstützung kann unterschiedlich aussehen: Kinderbetreuung, psychologische Beratung, eine Eltern-Kind-Kur oder auch praktische Entlastung im Haushalt. Auch kleine Formen geteilter Verantwortung mit anderen Familien können viel bewirken: etwa Fahrgemeinschaften oder gemeinsame Kinderbetreuung. Und warum nicht gelegentlich auch füreinander kochen – heute ist man selber dran, morgen darf man von den Kochkünsten der anderen Familien profitieren? Wer solche Hilfe annimmt, sorgt nicht nur für sich selbst, sondern stärkt die gesamte Familie. Entlastete Eltern können ihrem Kind präsenter, zugewandter und gelassener begegnen. 

Selbstfürsorge in der Partnerschaft

Die Partnerschaft bildet das Fundament des Familienlebens. Doch sind die jeweiligen Aufgaben oft so eng getaktet, dass sich viele Paare zwar bei Haushalt und Kinderbetreuung unterstützen, aber danach kaum noch Zeit für ein erholsames Miteinander bleibt. Ein gemeinsames Ringen um den passenden Erziehungsstil kommt dann meist zu kurz. 

Bewusste Kommunikation kann helfen, einander schneller und besser zu verstehen. Eine einfache Methode ist das sogenannte Zwiegespräch: Beide Partner sprechen nacheinander je fünf Minuten über das, was sie gerade beschäftigt, während der andere aufmerksam und wohlwollend zuhört, ohne zu unterbrechen. Am Ende der ausgemachten Zeit – anfangs 20 Minuten – können Verständnisfragen geklärt werden. Über den jeweils offenbarten Inhalt wird aber im Anschluss nicht diskutiert. Schon 20 Minuten pro Woche können spürbar entlasten.

Hilfreich ist eine vorbereitende Reflexion, etwa zu Fragen wie: Was erwarte ich von mir selbst? Was wünsche ich mir im Moment? Was gelingt mir gut? Solche Gespräche stärken die Verbindung – und damit auch die gemeinsame Elternrolle.
Der Glaube an den Willen Gottes kann Eltern ungemein entlasten. Wer darauf vertraut, dass das eigene Leben und das der Kinder in einen größeren Sinnzusammenhang eingebettet ist, muss nicht alles allein tragen. Wer an Gott glaubt, weiß, dass es nicht die perfekte Erziehung ist, die ein Kind „gelingen“ lässt, sondern Gottes Plan.

Zu diesem Plan gehören auch Durststrecken: Zeiten der Mühen, der Ängste und der Hoffnungslosigkeit. Wer darauf vertraut, durch diese Zeiten getragen zu werden, kann dem Kind zugewandt bleiben, auch wenn die eigenen Kräfte begrenzt sind.

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Zum Abschluss eine kleine Anregung für die tägliche Praxis. Da sich unsere Gedanken oft auf Dinge konzentrieren, die nicht gut laufen, kann es hilfreich sein, eine positive Sicht einzuüben. Beispielsweise, indem man sich am Abend einen Moment Zeit nimmt und sich fragt: Wofür bin ich heute dankbar? Was ist mir gelungen? Was durfte ich heute lernen? Mit der Zeit verändert dieser Blick die Wahrnehmung – und fördert eine Gelassenheit, die auch den Kindern zugutekommt. 


Die Autorin ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von München.

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