Die Berliner Jusos wollen die Zivilehe abschaffen und durch „Verantwortungsgemeinschaften“ ersetzen. Auch wenn der Vorstoß provokant daherkommt, dürfte er eigentlich niemanden überraschen: Die Jusos radikalisieren und sprechen offen aus, was politisch-rechtlich seit Langem schrittweise geschieht – die Entkernung der Ehe – und nicht nur von Seiten der SPD: Beispiele wären die Loslösung der Bindung von Ehe an Mann und Frau, die Einschränkung der beitragsfreien Mitversicherung nicht erwerbstätiger Ehepartner in der gesetzlichen Krankenversicherung. Oder auch die Debatte um das Ehegattensplitting. Die Jusos schwingen die Abrissbirne – andere haben längst am Fundament gearbeitet oder tun es derzeit fleißig.
Doch die Ehe ist keine Erfindung des Staates wie ein Gesetz, das man nach Belieben abschaffen könnte. Sie ist eine über Jahrtausende gewachsene soziale Wirklichkeit. In nahezu allen Kulturen findet sich die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau – entstanden aus der Verantwortung füreinander und für Kinder. Der Staat hat diese Ordnung nicht geschaffen, sondern vorgefunden – und soll sie rechtlich schützen.
Dauerhafte Selbsthingabe von Mann und Frau
Gewiss: Auch in – oft nach außen hin perfekt erscheinenden – Ehen sind Frauen (und auch Männer!) unterdrückt, Abhängigkeiten und Gewalt gerechtfertigt worden; und das geschieht leider auch weiterhin. Aber der Missbrauch einer Institution ist kein Argument gegen ihren Sinn.
Außerdem: Toxische Personen brauchen keine Ehe, um andere Menschen zu unterdrücken, das schaffen sie auch ohne. Opfer von toxischen Personen können sich auch dann nur mühevoll befreien, wenn sie nicht durch eine Ehe gebunden sind. Der Vorschlag führt also am Problem vorbei, wenn es den Jusos wirklich um die Menschen und nicht um ihre Ideologie geht.
Die Kirche versteht Ehe nicht als romantisches Gefühl mit steuerlichem Bonus, sondern als Bund: als freie, öffentliche und dauerhafte Selbsthingabe von Mann und Frau – und als Abbild der treuen Liebe Gottes. Gerade die eheliche Treue und Verbindlichkeit schützt den Schwächeren – Ehepartner wie Kinder. Wer die Ehe in flexible Verantwortungskonstruktionen auflöst, ersetzt Verlässlichkeit durch Kündbarkeit.
Ein wunder Punkt der Gegenwart
Damit trifft der Antrag einen wunden Punkt der Gegenwart: Verantwortung soll anerkannt werden, aber möglichst ohne die Form, die sie dauerhaft macht. Was als Befreiung von patriarchalen Strukturen daherkommt, offenbart vor allem ein verarmtes Verständnis von Bindung. Tatsächlich ist die Ehe aber eine Schule der Freiheit: Der Mensch wird nicht kleiner, wenn er sich bindet. Er wird fähig, über sich hinauszuwachsen.
Noch eins: Niemand wird gezwungen zu heiraten. Wer aus persönlicher oder ideologischer Ablehnung der Ehe politisch fordert, sie als Institution abzuschaffen, verwechselt Freiheit mit Bevormundung.
In dieser Debatte scheint bedauerlicherweise so manchem eine Erfahrung zu fehlen: eine Erfahrung, die sich nicht verordnen lässt – dass ein Mensch einem anderen so begegnet, dass der Wunsch entsteht, ihn bedingungslos, treu und für immer zu lieben. Man kann denjenigen, die heute die Ehe abschaffen möchten, nur wünschen, diese Erfahrung selbst zu machen. Denn genau dafür gibt es die Ehe – als Schutzraum verlässlicher Liebe.
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