Der römische Kollege hatte einen Termin an der Rota Romana und direkt neben dem Palazzo della Cancelleria, in dem die vatikanischen Gerichte ihren Sitz haben, sind vor der „Carbonara“ noch eine Menge Tische frei. Seit 1912 schmückt das Restaurant die Stirnseite des Campo de‘ Fiori – direkt gegenüber der Statue des Giordano Bruno, einem Erich von Däniken des 16. Jahrhunderts. Nur dass man damals für seine Spintisierei keine kräftigen Buchhonorare einstreichen konnte, sondern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete. Beim Anblick der Statue fällt dem Kollegen Peter Thiel ein, der hier in Rom im vergangenen April einen Vortrag über den Antichristen gehalten hat. Der PayPal-Gründer, der heute mit Palantir in Verbindung steht, hat sich mit seinen metaphysischen Interessen wohl mit Absicht auf den Boden der Ewigen Stadt gewagt.
Der römische Kollege hatte sich damals umsonst um Zutritt bemüht. Der Vortrag von Thiel fand hinter verschlossenen Türen vor einem ausgewählten Publikum statt, das sich unter Androhung einer hohen Geldstrafe schriftlich verpflichten musste, nichts über die Thesen Thiels nach außen dringen zu lassen. Aber man weiß aus früheren Vorträgen des exzentrischen Milliardärs, dass für ihn alle Versuche, die rasante Verbreitung der Künstlichen Intelligenz zu kontrollieren und ethisch zu regulieren, der eigentliche Antichrist sind, der der Menschheit den Fortschritt nehmen will. Kein Wunder, meint der Kollege, dass sich Thiel jetzt in Buenos Aires niedergelassen habe, wo Präsident Javier Milei auswärtigen KI-Konzernen ein völlig ungehemmtes Wirken verspricht. Für den Franziskaner Paolo Benanti, als KI-Experte sowohl in der vatikanischen Akademie für das Leben wie auch in Giorgia Melonis KI-Kommission tätig, sei Thiel ein „politischer Theologe“ und sein Projekt ein „anhaltender Akt der Häresie“ gegen die demokratische Ordnung, fügt der Kollege an.
Wir bestellen zweimal Penne alla carbonara und ein Glas Weißwein – die Bedienung macht einen ziemlichen Umstand und lässt uns gleich zwei Weine probieren, was so gar nicht zu den Mülltonnen passen will, die direkt vor unseren Tischen stehen. Der Markt ist beendet, aber der Campo de’ Fiori ist noch nicht aufgeräumt. Natürlich tauschen wir uns über die große Neuigkeit aus, die Mexikanerin Maria Montserrat Alvarado von EWTN, deren Ruf an die Spitze des Medien-Dikasteriums der Vatikan jetzt schon bekanntgegeben hat, obwohl der derzeitige Chef Paolo Ruffini erst im November in den Ruhestand geht. Das müsse ein Schock für die Führungsmannschaft des vatikanischen Medienapparats gewesen sein. Vor allem für den Chefredakteur Andrea Tornielli, der mit seinem Freund Gianni Valente im November 2018 zu dem Skandal um Erzbischof Carlo Maria Viganò ein Buch veröffentlicht hat.
Das Mediendikasterium der italienischen Riege entreißen
Viganò, ehemals Nuntius in den Vereinigten Staaten, hatte eine Anklageschrift gegen Papst Franziskus verfasst, und die Autoren Tornielli und Valente beschuldigten vor allem die Medien von EWTN, den Thesen Viganòs breiten Raum gegeben zu haben. Im Dezember 2018 machte Franziskus Andrea Tornielli dann zum Chefredakteur aller Vatikanmedien.
Der Kollege drückt sich vorsichtig aus und nimmt das Wort „Seilschaft“ nicht in den Mund. Aber er wünscht der neuen Präfektin Alvarado, dass sie für eine internationalere Besetzung der Führungsposten im Mediendikasterium sorgt und es der Hand der italienischen Riege entreißt, die derzeit für die Außendarstellung von Papst und Kurie sorgt. Auf der Zehn-Punkte-Skala gibt es für „La Carbonara“ einige Punkte Abzug: Die Pasta alla carbonara war mäßig, aber vor allem das Umfeld hat nicht gepasst. Der Kollege meint, zwischen den Mülltonnen sogar eine Ratte gesehen zu haben.
Das Ristorante „La Carbonara“ liegt auf dem Campo de‘ Fiori im Herzen Roms.
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