Es war wohl kein Zufall, dass das „Berliner Demografiegespräch“ am 29. April stattfand – nur einen Tag, nachdem das Statistische Bundesamt bekanntgab, dass die Geburtenzahl im Jahr 2025 auf dem historisch niedrigsten Stand in der Geschichte der Bundesrepublik lag. Angesichts dieser Nachricht zog die vom Statistischen Bundesamt gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ausgerichtete Veranstaltung ein Publikumsinteresse auf sich, das die Bevölkerungsstatistiker sonst wohl nur selten erhalten.
In Anbetracht des Negativrekords war die Präsentation der Demografen unter dem Titel „Anhaltender Geburtenrückgang? Deutschland im europäischen Vergleich“ nicht ohne Brisanz. Doch Olga Pötzsch und Thomas Nice, die das Statistische Bundesamt vertraten, meisterten die herausfordernde Lage, indem sie äußerst nüchtern die Fakten darstellten.
Geburtenrate pro Frau regelrecht abgestürzt
Die Sachlage in Deutschland: Die Geburtenzahlen gehen nicht nur zurück, weil die Zahl potenzieller Mütter sinkt. Vielmehr ist auch die Geburtenrate pro Frau regelrecht abgestürzt von rund 1,6 im Jahr 2021 auf 1,35 im Jahr 2024. Die Geburtenrate für 2025 ist noch nicht errechnet, dürfte aber nochmals niedriger sein.
Das ist ein Kontrast zu den 2010er Jahren: Damals gründeten viele Frauen der Geburtsjahrgänge der (späten) 1970er Jahre im Alter von 30 oder 35 Jahren noch Familien. Das führte zu einem vorübergehenden Geburtenanstieg, den Pötzsch auf ein Zusammentreffen „günstiger Rahmenbedingungen“ zurückführte. Aus ihrer Sicht gehörte dazu neben dem Wirtschaftswachstum auch eine verbesserte Vereinbarkeit durch den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur.
Doch der „Boom“ währte nur kurz: Seit 2022 gehen die Geburtenzahlen in allen Altersgruppen zurück, bei den über 30-jährigen Frauen ebenso wie bei den jüngeren. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist nach Pötzschs Analyse das Geburtenverhalten der 25- bis 34-jährigen Frauen: Nur wenn Frauen in dieser Altersspanne wieder mehr Kinder bekämen, könnte der Rückgang gestoppt werden.
Ganz Europa leidet unter einem Geburtenrückgang
Der Geburteneinbruch seit 2022 betrifft die gesamte Europäische Union, wie Pötzschs Kollege Nice darstellte und an einigen Ländern exemplarisch veranschaulichte. Der Einbruch gelte sogar für Frankreich, das in den 2010er Jahren noch Geburtenraten von bis zu zwei Kindern pro Frau aufwies. Infolge eines drastischen Rückgangs liege die Geburtenrate dort nun bei rund 1,6 Kindern pro Frau.
Auch die Länder Nordeuropas, insbesondere Schweden, verzeichneten einen starken Geburtenrückgang. Ähnlich wie in Deutschland zeige sich der Rückgang in Schweden schon bei den Erstgeburten. Das sei bemerkenswert, denn jahrzehntelang diente das skandinavische Land als Vorbild einer progressiven Gleichstellungs- und Vereinbarkeitspolitik, die zugleich Geburten fördert. Die Statistiker konstatierten: Überall in Europa wird der Geburtenrückgang durch den Aufschub von Geburten vorangetrieben.
Egal, ob es um die Geburtenrate, das Alter der Mütter bei der Erstgeburt oder andere Parameter geht: Deutschland entspricht dem europäischen Durchschnitt. Dass die Lage anderswo ähnlich ist, macht sie aber nicht besser. Denn es bedeutet, dass Zuwanderung aus europäischen Ländern den Fachkräftenachschub für die deutsche Wirtschaft nicht mehr sichern kann.
Diese Botschaft vermittelte bei der Veranstaltung besonders Martin Bujard, der für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) sprach. Bujard ergänzte die bevölkerungsstatistischen Auswertungen der Vorredner durch soziologische Analysen. Sein besonderes Augenmerk lag auf dem „Kinderwunsch“, der auch in Deutschland immer noch deutlich höher ist, als die tatsächlichen Kinderzahlen. Daraus schloss Bujard, dass die Politik immer noch Möglichkeiten habe, die Geburtenentwicklung positiv zu beeinflussen. Erforderlich dafür seien positive „Narrative“, um dem Eindruck einer „Polykrise“ entgegenzuwirken, der vor allem von den Medien vermittelt werde.
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