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Die Geburtenraten brechen ein – trotz ausgeprägten Kinderwunsches

Deutschland ist keine Ausnahme, in ganz Europa sinken die Geburtenraten. Beim „Berliner Demografiegespräch“ wurde die Entwicklung analysiert.
Niedrige Geburtenrate in Deutschland
Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer (www.imago-images.de) | Egal, ob es um die Geburtenrate, das Alter der Mütter bei der Erstgeburt oder andere Parameter geht: Deutschland entspricht dem europäischen Durchschnitt. Dass die Lage anderswo ähnlich ist, macht sie aber nicht besser.

Es war wohl kein Zufall, dass das „Berliner Demografiegespräch“ am 29. April stattfand – nur einen Tag, nachdem das Statistische Bundesamt bekanntgab, dass die Geburtenzahl im Jahr 2025 auf dem historisch niedrigsten Stand in der Geschichte der Bundesrepublik lag. Angesichts dieser Nachricht zog die vom Statistischen Bundesamt gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ausgerichtete Informationsveranstaltung ein Publikumsinteresse auf sich, das die Bevölkerungsstatistiker sonst wohl nur selten erhalten. 

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In Anbetracht des Negativrekords war die Präsentation unter dem Titel „Anhaltender Geburtenrückgang? Deutschland im europäischen Vergleich“ für die referierenden Demografen ein Balanceakt zwischen Wissenschaft und Politik. Denn das Statistische Bundesamt wie auch das „BiB“ unterstehen der Bundesregierung. Sie müssen einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, andererseits können sie sich nicht gegen die Regierung stellen.

Der „Boom“ währte nur kurz

Diesen Balanceakt meisterten Olga Pötzsch und Thomas Nice vom Statistischen Bundesamt, indem sie äußerst nüchtern die Fakten darstellten. Die Sachlage in Deutschland: Die Geburtenrate pro Frau ist von rund 1,6 im Jahr 2021 auf 1,35 im Jahr 2024 gefallen. Für 2025 ist die Geburtenrate noch nicht errechnet, sie dürfte aber nochmals niedriger liegen. 

Das ist ein Kontrast zu den 2010er Jahren: Damals gründeten viele Frauen der Geburtsjahrgänge der (späten) 1970er Jahre im Alter von über 30 oder 35 Jahren noch Familien. Das führte zu einem vorübergehenden Geburtenanstieg, den Pötzsch auf ein Zusammentreffen „günstiger Rahmenbedingungen“ zurückführte. Aus ihrer Sicht gehörte dazu neben dem Wirtschaftswachstum auch eine verbesserte Vereinbarkeit durch den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur.

Doch der „Boom“ währte nur kurz: Seit 2022 gehen die Geburtenzahlen in allen Altersgruppen zurück, bei den über 30-jährigen Frauen ebenso wie bei den jüngeren. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist nach Pötzschs Analyse das Geburtenverhalten der 25- bis 34-jährigen Frauen: Nur wenn Frauen in dieser Altersspanne wieder mehr Kinder bekämen, könnte der Rückgang gestoppt werden.

Auch die zweiten und dritten Geburten gehen zurück

Der Geburteneinbruch seit 2022 betrifft die gesamte Europäische Union, wie Pötzschs Kollege Thomas Nice darstellte und an einigen Ländern exemplarisch veranschaulichte. Der Einbruch gelte sogar für Frankreich, das in den 2010er Jahren noch Geburtenraten von bis zu zwei Kindern pro Frau aufwies. Infolge eines drastischen Rückgangs liege die Geburtenrate dort nun bei rund 1,6 Kindern pro Frau.

Nice ging auch auf die Entwicklung in Ungarn ein, wo großzügige Leistungen zu einem vorübergehenden Anstieg der Geburtenrate geführt hätten. Seit 2022 sei die Geburtenrate dort aber deutlich gefallen. Ähnlich in Polen: Auch dort habe es als Reaktion auf Leistungen ein „Vorziehen“ von Geburten und dadurch einen kurzen Anstieg der Geburtenrate gegeben, dem seit 2022 ein Rückgang gefolgt sei. Wie Nice weiter darstellte, sind die Geburten auch in Südeuropa noch weiter gesunken, von einem ohnehin schon niedrigen Ausgangsniveau.

Nice stellte den Rückgang der Geburten differenziert nach ersten, zweiten, dritten und weiteren Geburten dar. Auffällig in Frankreich ist, dass weniger die ersten als die zweiten und dritten Geburten von Frauen zurückgehen. In Nordeuropa und auch in Deutschland betrifft der Rückgang dagegen auch die Erstgeburten.

Aufschub von Geburten in ein höheres Lebensalter

Wie Pötzsch darstellte, wird der Geburtenrückgang überall in Europa durch den Aufschub von Geburten in ein höheres Lebensalter vorangetrieben. Deutschland entspricht hier, wie bei allen demografischen Parametern, ziemlich genau dem europäischen Durchschnitt. Dass die Lage in anderen Teilen Europas ähnlich ist, verschärft die politischen Herausforderungen noch: Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahrzehnten wird Zuwanderung aus europäischen Ländern den Fachkräftenachschub für die deutsche Wirtschaft nicht mehr sichern können.

Diese Botschaft vermittelte Martin Bujard, der für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) sprach. Bujard ergänzte die Geburtenstatistiken der Vorredner durch soziologische Analysen, insbesondere zum Kinderwunsch. Er beschränkte sich nicht auf die Darstellung der Daten, sondern versuchte, diesen eine positive Deutung zu geben. So war ihm daran gelegen, dem Eindruck entgegenzutreten, dass der Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur in Deutschland nichts „gebracht“ hätte. Hätte man die Kinderbetreuung nicht ausgebaut, würde die Geburtenrate in Deutschland derzeit nicht auf dem Niveau Schwedens liegen, sondern wäre jetzt ähnlich niedrig wie in Italien, behauptete Bujard. Dort liegt sie bei 1,1 Kindern pro Frau.

Das ist allerdings eine gewagte These, denn schon in den 1990er Jahren lag die Geburtenrate in Deutschland meist über der in Italien. Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung seit den 2000er Jahren wurde das Ziel verfolgt, die Geburtenrate deutlich zu steigern. Das große Vorbild für die neue Familienpolitik waren die nordischen Länder, insbesondere Schweden. Ausgerechnet dort sind die Geburtenraten im letzten Jahrzehnt besonders auffallend gesunken. Die Unterschiede innerhalb Europas haben sich so verringert.

Institutionelle Kinderbetreuung und das neue Leitbild der vollerwerbstätigen Mutter sind offensichtlich nicht die Lösung aller (demografischen) Probleme. Im Rahmen des „Demografiegesprächs“ der amtlichen Statistiker konnte diese naheliegende Schlussfolgerung nicht gezogen werden. Weitere wissenschaftliche Analysen wären nötig, um die demografische Problematik zu erhellen.


Der Verfasser war von 2010 bis 2016 Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie, promovierte zu Familienpolitik und Fertilität und veröffentlichte bei Springer-Verlag die Monographie „Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert“.

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