Manchmal ist es wohltuend, sich an die früheren Sorgen des Elternlebens zu erinnern: der erste Schnupfen unseres ersten Kindes, das erste Zahnweh oder die aufgeschlagenen Knie vom Radfahrenlernen. Im Laufe der Zeit ändern sich die Probleme und Sorgen, die unseren Familienalltag prägen, die die Gespräche dominieren und einem in so mancher Nacht den Schlaf rauben.
Aus kleinen Kindern werden große, und mit dem Größerwerden verändern sich auch die Herausforderungen. Die körperliche Forderung durch das Stillen, das Wiegen der Kinder in den Schlaf und die durchwachten Nächte weicht zunehmend einer mentalen. Nun gilt es, Ansprechperson für unsere Jugendlichen zu sein. Wir müssen Reibebaum sein und Rückhalt geben.
Es ist etwas ganz anderes, den ersten Liebeskummer der eigenen Kinder mitzuerleben, die schwierige Frage der Schul- und Berufswahl zu klären oder die noch schwierigere Frage der Partnerwahl zu begleiten. In den Kleinkindjahren konnte man die meisten „kleinen“ Sorgen noch mit einem Mickey-Mouse-Pflaster oder mit dem Zuspruch „Bis zum Heiraten wird es schon wieder gut“ klären.
Doch je näher dieses mögliche Heiraten heranrückt, umso weniger greift dieser Spruch! In der Zeit des Heranwachsens müssen wir uns neue Zugänge und andere Sprüche einfallen lassen und unsere Prinzipien und Grundsätze neu überdenken und auf ein festeres Fundament stellen.
Chance zur Weiterentwicklung
In der Kleinkindphase ist die wichtigste Eigenschaft der Eltern die Kunst des Gedankenlesens. Warum schreit das Baby? Hat es Hunger? Ist es müde? Der mütterliche Instinkt zeigt hier seine unschlagbare Überlegenheit, bei der die Väter – trotz allen guten Wollens – nur staunend danebenstehen. In der Pubertät werden zunehmend auch die Talente der Väter gefragt, den immer noch wichtigen mütterlichen Instinkt zu ergänzen.
In unserer Familie erleben wir gerade diese Veränderung. Unsere Kinder werden älter und mit ihnen auch wir. Wenn die neuen Arbeitskollegen in der Firma in der Pause über Kinderbetreuung oder Zahnungsfieber sprechen und so mancher neue Mitarbeiter vom Alter her ganz leicht der eigene Sohn, die eigene Tochter sein könnte, dann wird einem schnell klar: Unsere Familiensituation verändert sich. Wir treten in einen neuen Lebensabschnitt ein.
Immer häufiger kommt es vor, dass an unserem großen Familientisch, an dem wir jahrelang die gleiche Sitzordnung eingehalten haben, beim Essen nun einige Plätze leer bleiben. Manchmal kommt es sogar vor, dass Mama und Papa ganz romantisch, aber unfreiwillig nur zu zweit ihr Mahl zu sich nehmen. Eine ganz neue, ungewohnte Situation, mit der man wieder umzugehen lernen muss.
Eine schmerzende Lücke
Gleichzeitig klafft eine schmerzende Lücke: „Wie schnell sind die Kinder doch aus dem Daheim hinausgewachsen!“ Früher waren es die Schreie der Kleinen, die uns nachts aus dem Schlaf rissen, heute sind es die Großen, die vom Ausgehen heimkommen und nicht gerade auf leisen Sohlen das Haus betreten. Während man früher stundenlang mit einem kranken Kind wach im Bett lag, liegt man heute wach, weil das Kind noch immer nicht zu Hause ist. All das sind jedoch interessante Veränderungen und neue Herausforderungen, die letztlich Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung bieten.
Bei der Begleitung unserer Jugendlichen haben wir gemerkt, wie wichtig es ist, mit ihnen stets im Gespräch zu bleiben. Dies muss in dieser Lebensphase jedoch neu kultiviert werden. Während es früher ausreichte, sich abends ans Bett der kleinen Kinder zu setzen und ihnen ein Ohr zu schenken, ist es heute wichtig, stets für ein Gespräch bereit zu sein.
Denn nun geben die Jugendlichen vor, wann sie für Gespräche offen sind, und das kann auch zu ganz untypischen Zeiten sein, häufig auch spätabends, manchmal sogar am Bett der eben noch schlafenden Eltern.
Wenn ein Jugendlicher bereit für ein Gespräch und somit auch offen für den Rat der Eltern ist, sollten diese, so sind wir überzeugt, alles stehen und liegen lassen und sich Zeit nehmen. Ein solches Gespräch kann nicht verschoben werden. Die Frage oder das Anliegen, mit dem der Jugendliche vielleicht nach langem Ringen an einen herantritt, wird, wenn man nicht bereit ist, so nicht wieder gestellt und entweder gar nicht oder anderswo beantwortet. Das kann manchmal ganz schön herausfordernd sein.
Der Reibungshitze ausgesetzt
Als Eltern von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist man immer wieder einer gewissen Reibungshitze ausgesetzt. Auch das fordert und zerrt am Nervenkostüm. Heranwachsende brauchen jedoch einen solchen Reibebaum, an dem sie ihre Ideen testen und ausprobieren können. So finden sie heraus, ob das Elternhaus wirklich zu den Grundsätzen steht, die dort gepredigt werden. Es geht um die Umsetzung dieser Ansichten im Alltag. Johannes Paul II. schreibt in „Familiaris Consortio“, dass Jugendliche sichere Verhaltensnormen brauchen, um ihr Leben meistern zu können.
Der Jugendliche fragt sich: „Was sind meine Werte und wie kann ich diese im Alltag leben? In der Schule und bei der Arbeit? In meinen Freundschaften und Beziehungen? Sind die Werte meiner Eltern lebbar oder sind es unerreichbare Idealvorstellungen? Und vor allem: Welchen ‚Mehrwert‘ bringen sie mir?“ Hier sind fundiertes Wissen und praxisnahe Argumente gefragt. Auch ist es wichtig, gegenüber den jugendlichen Kindern eigene Fehler und Schwächen einzugestehen.
Während Mama und Papa am Anfang noch die unangefochtenen Stars waren, merken die Kinder beim Größerwerden zunehmend, dass auch sie nicht perfekt sind und ihre Kämpfe und Niederlagen haben – und das ist gut so. Authentizität überzeugt. Genauso wichtig ist es aber auch, den Kindern Fehler zuzugestehen und ihnen Raum zu geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Man kann hundertmal sagen: „Lösch Snapchat von deinem Handy! Das ist nicht gut für dich!“, es wird nichts bringen. Macht das Kind jedoch plötzlich eine schlechte Erfahrung damit, ist die App schnell gelöscht.
Kinder brauchen Vorbilder
Bei all dem ist entscheidend: Unsere Kinder brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie man sich nach einem Sturz wieder aufrichtet und an seinen Werten festhält. Es ist die hohe Kunst des Maßhaltens, die nun für uns Eltern wichtig wird. Einerseits müssen wir klare Wertvorstellungen vermitteln, andererseits müssen wir auch unglaublich nachsichtig sein.
Jugendliche wollen nicht mit Fragen gelöchert werden. Ein Bekannter erzählte uns einmal, dass sein Kind zu ihm sagte: „Papa, wenn du mich so fragst, zwingst du mich zu lügen.“ Gerade in christlichen Kreisen besteht die Gefahr, die Kinder mit detektivischen Ambitionen zu kontrollieren, ob sie auch wirklich brav waren. In der jeweils richtigen Altersstufe müssen wir zunehmend zur Kenntnis nehmen, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen, auch wenn es aus unserer Sicht die falschen sind.
Wir haben uns dabei einige Grundsätze zu eigen gemacht: Aus Liebe zu unseren Kindern halten wir es aus, wenn sie manche unserer Entscheidungen nicht gutheißen. Ab einem gewissen Alter können wir für das Leben unserer Kinder nicht mehr die Verantwortung übernehmen, aber wir können entscheiden, welche Regeln unter unserem Dach gelten.
Wir stehen zu unseren Grundsätzen, können sie mit guten Argumenten begründen, aber akzeptieren auch, wenn ein Kind eigenverantwortlich andere Entscheidungen trifft. Unsere Tür steht dabei immer offen. Wir beten für unsere Kinder und sprechen mit Gott, der ja auch ihr Vater ist, über unsere Sorgen.
Auch für uns selbst ist dieser Übergang etwas Neues. Die Geduld, die wir mit unseren Kindern haben, dürfen wir auch mit uns selbst haben, um in diese neue Rolle hineinzuwachsen.
Oft ist es herausfordernd
Zum Abschluss noch ein für uns wichtiger Gedanke: Es ist für Eltern oft herausfordernd, ihre Kinder in eine unheile Welt zu entlassen. Der innerste Kern unserer Gesellschaft, die Familie, steht unter starkem Beschuss. Umso wichtiger ist, dass wir Eltern uns auf genau diesen Kern konzentrieren, der wiederum auf der Ehe gründet. Sie ist unzerstörbar, weil sie im Himmel besiegelt wurde.
Paulus gibt uns im Kolosserbrief hier Wertvolles an die Hand: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht“ (Kol 3,12–14).
Die Liebe ist es, die die Familie zur Keimzelle macht. Deshalb sollen wir unsere Beziehung zu unseren heran- und hinauswachsenden Kindern immer an der Liebe des barmherzigen Vaters orientieren, der seinem „verlorenen Sohn“ stets entgegengeht und ihm verzeiht, und zwar vor aller Leistung und trotz aller Schwäche. Wir als Eltern dürfen uns das wieder zutrauen. Nicht, weil wir alles wissen oder studiert haben, sondern weil Gott uns die Erziehung unserer Kinder anvertraut hat, weil wir unsere Kinder lieben und das Beste für sie wollen.
Die Autoren wohnen in Salzburg, haben vier Söhne und sind Familienassistenten sowie Referenten zu verschiedensten Ehe- und Familienthemen.
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