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Für eine Kultur des Lebens

Papst Leo hat auch einen Krisenschauplatz der anderen Art im Blick: den der Demografie. Die Geburtenrate in Europa liegt auf einem historischen Niedrigstand.
Chefredakteurin Franziska Harter, schwangere Frau mit Kind
Foto: DT / IMAGO / Cavan Images | Mut zum Zweitkind: da freut sich die Schwester.

Im Jahr 1946 war die Geburtenzahl in Deutschland das letzte Mal so niedrig wie heute. Schon seit den 1970er-Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen, als geboren werden. Dass laut den am Dienstag vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen auch die Abtreibungszahl ganz leicht zurückging, kann da kaum trösten, denn schließlich ist auch das bereits eine Folge des demografischen Sinkflugs: Auch die Frauen im gebärfähigen Alter werden weniger. Die Fertilitätsrate der EU liegt mit 1,34 Lebendgeburten pro Frau weit unter dem für den Bevölkerungserhalt nötigen Niveau. Laut den jüngsten Zahlen aus den USA liegt dort die Geburtenrate 2025 zwar mit knapp 1,6 etwas höher, ist aber im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls gesunken und liegt ebenfalls unter dem Reproduktionsniveau.

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Seit Wochen schaut alle Welt auf Papst Leo XIV., wenn es um den Krieg in Nahost geht. Weniger breitenwirksam, aber dafür umso beharrlicher nimmt der Pontifex seit Beginn seines Pontifikats auch den dramatischen Rückgang der Geburtenzahlen gerade in Europa in den Blick. Am Samstag erklärte Papst Leo vor Vertretern der Europäischen Volkspartei, der größten im Europäischen Parlament vertretenen Gruppe: „Sich als Christ in der Politik zu engagieren, erfordert eine realistische Sichtweise, die bei den konkreten Sorgen der Menschen ansetzt … Eine solche Sichtweise muss den Menschen helfen, die Angst vor der Familiengründung und vor dem Kinderkriegen zu überwinden – eine Angst, die in Europa besonders weit verbreitet zu sein scheint.“

Als eine Ursache dieser Angst identifizierte Papst Leo schon in seiner Neujahrsansprache an das Diplomatische Corps die „fortschreitende institutionelle Marginalisierung“ der Familie durch eine Politik, die die „grundlegende soziale Rolle“ der Familie unterschätze und vernachlässige. Diesen Weg gehen auch aktuelle Tendenzen in Deutschlands Familienpolitik. Das Dogma des Vorrangs weiblicher Erwerbsarbeit vor der Familie geht einher mit der gebetsmühlenartig wiederholten Forderung nach dem Kita-Ausbau. Die Realität sieht differenzierter aus: Gerade in Ostdeutschland und in ländlichen Gebieten ist die Kita-Unterversorgung mittlerweile Mythos. Aber auch das Land Nordrhein-Westfalen schraubt demnächst die Zahl der Kita-Plätze zurück. Das Argument, fehlende Möglichkeiten der Kinderbetreuung seien Grund für die mangelnde Kinderfreudigkeit, zieht einfach nicht mehr. Die diese Woche im Kabinett diskutierte Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung und die von der SPD angeregte Abschaffung des Ehegattensplittings würden somit einen Zwang zur Erwerbstätigkeit schaffen, den viele Mütter offenbar nicht von selbst spüren.

Nun ist die Unlust am Kinderkriegen ein Faktum, dem mit Geld und guter Politik alleine nicht beizukommen ist. Denn, und auch das haben der aktuelle Papst und seine unmittelbaren Vorgänger immer wieder deutlich gemacht, es ist Ausdruck einer tieferen kulturellen und spirituellen Krise, in deren Mittelpunkt Fragen stehen wie: Lohnt es sich, dieses Leben zu leben? Was bedeutet Menschenwürde? Sind Kinder Geschenk oder Problem? Ist die Ehe eine überkommene Bürde oder Quelle der Erfüllung? Dass radikaler Individualismus nicht glücklich macht und Social Media kein soziales Netzwerk ersetzen, das junge Familien auffängt und unterstützt, dämmert mittlerweile vielen Zeitgenossen. Aber was tun?

Seit Jahrzehnten rufen die Päpste zur Errichtung einer Kultur des Lebens auf. Mit Prinzipien wie Solidarität und Subsidiarität und der Betrachtung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft liefert die Katholische Soziallehre wichtige Anhaltspunkte. Papst Leo will im Herbst noch einen Schritt weitergehen und hat die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen dazu eingeladen, in Rom gemeinsam unter anderem auch darüber zu debattieren, wie die Kirche Familien angesichts der heutigen Herausforderungen noch besser unterstützen kann. 

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