Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Leo XIV. in Spanien

„Hört auf damit, das Leid anderer zum Geschäft zu machen“

Am letzten Tag seiner Spanienreise spricht Leo XIV. vom „gegenseitigen Prozess“ der Migration, verurteilt aber auch scharf die Schlepperbanden, die sich daran bereichern. In der Heiligen Messe erinnert er daran, dass kein Mensch „eine Insel“ sei.
Papst Leo XIV.
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA/CPP (www.imago-images.de) | Weiter Blick: Papst Leo XIV. auf den Kanaren.

Die seit dem 15. Jahrhundert zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln waren aufgrund ihrer Lage im Atlantik ein Zwischenstopp zwischen Europa, Afrika und Amerika. Im 20. Jahrhundert entwickelten sie sich zunehmend zu einem der wichtigsten europäischen Tourismusziele. Heute geraten sie durch irreguläre Migration immer wieder in die Schlagzeilen: Schlepper bringen Menschen, häufig aus West- und Subsahara-Afrika, in kleinen Booten auf den Weg; viele werden auf See oder kurz vor der Küste gerettet. Die stark gestiegenen Ankunftszahlen haben politische und soziale Spannungen verschärft. Selbst Politiker aus dem linken Spektrum beklagen inzwischen die Überlastung der Inseln und fordern strengere Regeln für Zuzug und Aufenthalt.

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An seinem letzten Tag der Spanienreise flog Leo XIV. am frühen Morgen von Gran Canaria nach Teneriffa. Am selben Tag tritt das neue EU-Asylrecht in Kraft. EU-Innenkommissar Markus Brunner spricht von einem „neuen Kapitel“ der Asylpolitik: Erstmals mache die EU deutlich, dass irreguläre Migration zurückgehen müsse. Mit der neuen Rückführungsverordnung verschärft die EU ihren Kurs: Sie erweitert die Abschiebehaft, verlängert Haftzeiten und verpflichtet Rückkehrpflichtige zur Zusammenarbeit. Rückkehrentscheidungen eines EU-Staates sollen grundsätzlich EU-weit vollstreckbar sein, zunächst aber freiwillig. Und der Papst?

Im Zentrum „Las Raíces“ traf Leo XIV. mit Migranten zusammen, anschließend auf der Plaza del Cristo de La Laguna mit Vertretern von Integrationsorganisationen. Vier Zeugnisse machten die Wirklichkeit der Migration konkret. Der venezolanische Priester Darwin Rivas berichtete, er habe auf El Hierro die vier Verben Papst Franziskus’ – „aufnehmen, schützen, fördern und integrieren“ – selbst erfahren und versucht, sie weiterzugeben. Seit 2021 begleite er viele afrikanische Immigranten. Mbacke aus dem Senegal dankte dem Papst, dass er „nicht wegschaut“. Bei der Stiftung „Der gute Samariter“ habe er nicht nur Unterkunft und Essen gefunden, sondern Menschen, die ihm sagten: „Du bist wertvoll, du kannst es schaffen.“ Teneriffa habe ihm gezeigt, dass Brüderlichkeit über Blutsverwandtschaft hinausgehe. Sein Versprechen sei, „zurückzugeben, was ich erhalten habe“.

„Wir alle sind in gewisser Weise Migranten“

Khalid aus Marokko erzählte von seiner gefährlichen Überfahrt. Beim ersten Versuch seien zwanzig Menschen gestorben. Dennoch sei er später erneut aufgebrochen und 2020 auf Teneriffa angekommen. Die Don-Bosco-Stiftung sei für ihn zur „zweiten Familie“ geworden; auf den Kanaren habe er „nicht nur eine Chance gefunden, sondern auch ein Zuhause“. Thalia Johana aus Kolumbien berichtete, sie sei mit Hoffnung auf ein besseres Leben angekommen, habe aber bald Obdachlosigkeit erlebt. Die Kirche habe ihr geholfen, „Hoffnung zu schöpfen“ und ihre Würde zurückzugewinnen. Heute engagiere sie sich bei der Caritas; ihre Erfahrung könne „als Brücke für andere Menschen“ dienen.

Die Stadt ohne Mauern – so Leo XIV. in seiner Ansprache – erinnere daran, dass die schwersten Barrieren „nicht immer die aus Stein“ seien, sondern oft im Blick, in Ängsten und Gleichgültigkeit lägen. Das Meer um die Kanaren bringe Geschichten von Schmerz, Hoffnung und Suche mit sich. Gottes „barmherzige und unendliche Liebe zu jedem Menschen“ kenne „keine Grenzen“, mache keine Unterschiede und verbinde Menschen.

Leo XIV. erinnerte an Bruder Pedro und an José de Anchieta, die selbst als Migranten und Missionare von den Kanaren aufgebrochen seien. Migration könne zu Begegnung und Bereicherung beitragen. „Wir alle sind in gewisser Weise Migranten“, sagte er, Pilger auf dem Weg zur himmlischen Heimat.

„Hört auf damit. Bekehrt euch.“

Integration bedeute nicht, die Herkunft der Ankommenden auszulöschen oder Parallelgesellschaften zu schaffen. Sie sei ein gegenseitiger Prozess: Wer komme, müsse Sprache, Gesetze und Lebensgewohnheiten des Aufnahmelandes respektieren; wer aufnehme, müsse sein Zuhause erweitern, „ohne seine Identität zu verwässern“. Aufnahme öffne die Tür, Integration helfe, die Schwelle zu überschreiten. Wer in die Pfarreien komme, brauche Brot, Unterkunft, Sprache, Arbeit und Schutz; er solle dort aber auch eine Gemeinschaft finden, die Wege zu Jesus Christus aufzeige. Eine aufnehmende Kirche biete Christus an, „ohne ihn aufzuzwingen“.

Zugleich betonte Leo XIV., es solle zuerst von Menschen, „die nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind“, und erst danach von rechtlichen Kategorien oder Problemen gesprochen werden. Viele Migranten suchten nach gefährlichen Reisen jemanden, der ihnen sage: „Dein Leben ist kein Abfall, dein Leid ist nicht unsichtbar.“

Mit besonderer Schärfe wandte sich der Papst gegen Schlepper, Menschenhändler und Ausbeuter. An jene, die „Todesrouten organisieren“, Dokumente einbehielten, Arbeiter ausbeuteten, Frauen bedrohten, Familien betrügen und „das Leid anderer zum Geschäft machen“, richtete er den Appell: „Hört auf damit. Bekehrt euch.“ Hier wurde die Rede des Papstes von einem großen Beifall unterbrochen. Das den Armen abgenommene Geld – so Leo XIV. weiter – bringe „weder Frieden noch Ehre noch Zukunft“. Für jedes verlorene Leben müssten die Täter sich vor Gott verantworten. Sie sollten zurückgeben, was sie entwendet hätten, und umkehren, solange noch Zeit sei. Das letzte Wort dürfe nicht Angst, Gleichgültigkeit oder Gewalt haben, sondern Christus. Eine peruanische Musikgruppe widmete am Schluss „unserem peruanischen Papst“ das Lied „Dies ist mein Land, mein Peru“.

Gott ist Liebe

In der letzten Heiligen Messe seiner Spanienreise erinnerte Leo XIV. daran, dass „kein Mensch eine Insel“ sei. Die Lage der Diözese zeige, dass der Mensch zur Begegnung geboren sei; im Herzen gebe es einen Ruf zum Aufbruch. Mit Blick auf Teneriffa als Tourismusinsel fragte der Papst, wonach das menschliche Herz suche. Christen dürften nicht alles auf „Geschäft und Gewinn“ reduzieren.

Das Evangelium erinnere zugleich an den „Reichtum der Armen“. Gott offenbare sich besonders den Kleinen und Geringen. Auf den Kanaren werde dies sichtbar, weil die Inseln im Zentrum von Migrationsrouten lägen und für viele Menschen zum Ort der Erstaufnahme würden. Eine besondere Gnade bestehe darin, sich von Armen und Migranten selbst evangelisieren zu lassen. In ihren Entbehrungen und ihrer Erfahrung des Überlebens liege eine Weisheit, die lehre, einfacher, freudvoller und menschlicher zu leben.

Abschließend dankte Leo XIV. den Menschen der Insel dafür, dass sie Teneriffa zu einem Ort machten, an dem man „das Herz Christi“ im gastfreundlichen Antlitz brüderlicher Menschen finden könne. „Gott ist Liebe“, betonte der Papst. Wer in dieser Liebe bleibe, lebe nicht mehr für sich allein: „Öffnet allen dieses Meer der Liebe!“

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