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„Familienleistungen sind Investitionen in die Zukunft.“

Mut machen statt lähmen! Kinder sind keine Störfaktoren, sondern Geschenk. Ein Gespräch mit Peter Mender, dem Präsident des Katholischen Familienverbands Österreichs.
Hände
Foto: Imago/Westend61 | Geteilte Verantwortung entlastet: Der Katholische Familienverband Österreichs wirbt für Wahlfreiheit, aktive Vaterschaft – und Politik, die in Generationen statt Wahlperioden denkt.

Europa befindet sich seit Langem in einem tiefgreifenden demografischen Wandel: Die Gesellschaft altert, die Geburtenraten sinken. Was erleben Sie in Ihrer Verbandsarbeit als häufigste Gründe dafür, dass Kinderwünsche hinausgezögert oder aufgegeben werden?

Dass Paare heute etwas später Kinder bekommen, ist kein grundsätzliches Problem. Ausbildung dauert länger, beide Partner wollen qualifiziert sein. Problematisch wird es dann, wenn der Kinderwunsch ganz aufgegeben wird, weil man glaubt, ihn sich nicht leisten zu können, oder weil die Rahmenbedingungen als zu unsicher empfunden werden. Ein Beispiel ist die zeitweise ausgesetzte Valorisierung der Familienleistungen. Hier haben wir uns als Katholischer Familienverband klar positioniert. Familienleistungen sind keine Sozialleistungen, sondern Investitionen in die Zukunft einer Gesellschaft. Kinder müssen als Geschenk und als Zukunft begriffen werden, getragen von verlässlichen Rahmenbedingungen.

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Welche Rolle spielt dabei die Frage der Wahlfreiheit?

Sie ist zentral. Es muss legitim sein, dass ein Elternteil zeitweise zu Hause bleibt. Genauso legitim muss es sein, arbeiten zu gehen und Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen. Entscheidend ist, dass diese Entscheidung frei getroffen wird und gesellschaftlich respektiert ist. Eltern dürfen nicht das Gefühl haben, sich für ihr Lebensmodell rechtfertigen zu müssen – egal, wie es aussieht. 

In Debatten über Vereinbarkeit steht häufig die Mutter im Mittelpunkt. Welche Rolle spielt der Vater bei der Entscheidung für ein Kind?

Elternschaft ist immer eine gemeinsame Entscheidung. Wenn sich der Vater nicht beteiligt, wird die Belastung für die Mutter enorm. Wenn Verantwortung nicht geteilt wird, wird es doppelt so schwer. Wir sehen hier aber eine positive Entwicklung. Väterbeteiligung wird heute anders wahrgenommen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Dennoch sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. Dieses Bewusstsein muss weiter gestärkt werden, auch in Unternehmen. Aktive Vaterschaft ist kein Nachteil, sondern ein Gewinn für Familien und Betriebe.

Wie bewerten Sie die politische Debatte um Arbeitszeit, Teilzeit und Leistungsbereitschaft?

Teilzeit ist kein Ausdruck mangelnder Arbeitsbereitschaft. Studien zeigen, dass nur ein kleiner Teil unfreiwillig in Teilzeit arbeitet. Für viele Eltern ist sie eine bewusste Entscheidung, um Verantwortung für Kinder übernehmen zu können. Politik und Wirtschaft müssen Rahmenbedingungen schaffen, die solche Modelle ermöglichen. Effizienz hängt nicht allein von der Anzahl der Arbeitsstunden ab, sondern auch von Konzentration, Organisation und Motivation. 

Sie haben mehrfach das gesellschaftliche Klima angesprochen. Wo sehen Sie hier die größten Probleme?

Es gibt Tendenzen, Kinder als Störfaktor wahrzunehmen, etwa wenn öffentlich darüber diskutiert wird, ob Kinder in Restaurants oder öffentlichen Räumen erwünscht sind. Solche Debatten zeigen ein falsches Mindset. Familie wird zu oft als Belastung wahrgenommen, nicht als Bereicherung. Dabei ist sie das Fundament unserer Gesellschaft. In Familien werden Solidarität, Gesprächskultur und demokratisches Miteinander gelernt.

Welche langfristigen Folgen drohen, wenn diese Entwicklung anhält?

Wir sehen bereits mehr Polarisierung, weniger Dialog und zunehmende Einsamkeit. Ohne Familien fehlen soziale Bindungen und Solidarität. Wenn wir nicht langfristig denken, werden wir mit Überalterung, Individualisierung und gesellschaftlicher Vereinzelung konfrontiert. Politik darf hier nicht in Legislaturperioden denken, sondern muss in Generationen planen. Es geht nicht um vier Jahre, sondern um die nächsten zwanzig oder dreißig. 

In politischen Debatten wird der demografische Wandel häufig mit Migration verknüpft. Sehen Sie diese Themen bei Ihrer Arbeit ebenfalls miteinander verbunden?

Rein rational betrachtet ist klar, dass ein Staat ohne Migration viele gesellschaftliche Leistungen kaum aufrechterhalten kann. Gleichzeitig erleben wir aber, dass viele Menschen Angst vor dem haben, was sie als fremd empfinden. Angst ist jedoch ein schlechter Ratgeber. Hier hat die Politik noch eine große Aufgabe, tragfähige und verantwortungsvolle Lösungen zu finden.

Was bedeutet das konkret für den Umgang mit Familien in Österreich?

Familien müssen im Alltag entlastet werden. Das reicht von finanzieller Sicherheit bis zu praktischer Unterstützung. Als Verband arbeiten wir nicht nur politisch, sondern auch ganz konkret vor Ort. Dazu gehören etwa Leih-Oma-Projekte, bei denen ältere Menschen Familien im Alltag unterstützen, oder Babysitterdienste, die Wahlfreiheit ermöglichen. Solche Angebote zeigen, dass die Familie nicht allein gelassen wird, sondern Teil eines tragenden Netzes ist.

Peter Mender
Foto: KFÖ/Neuhold | Von Beruf ist Peter Mender Speaker, Coach und Unternehmensberater.

Sie sprechen viel über Angst – vor der Zukunft, vor Verantwortung. Woher kommt diese Angst?

Viele Sorgen sind nachvollziehbar: Fragen nach Wohnen, Gesundheit, Umwelt oder finanzieller Sicherheit beschäftigen junge Menschen stark. Trotzdem erlebe ich keine grundsätzliche Zukunftsverweigerung. Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen, sie wollen gestalten. Unsere Aufgabe – auch die der älteren Generation – ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Mut machen statt lähmen. Wer ständig Angst schürt, verhindert Engagement.

Am 24. Februar veranstalten Sie gemeinsam mit dem Institut für Ehe und Familie den Abend „Familie als Zukunftsprojekt“. Worum geht es dabei?

Wir wollen den demografischen Wandel nicht nur anhand von Zahlen diskutieren, sondern aus der Perspektive des Lebens von Familien. Es wird Impulsvorträge und eine Podiumsdiskussion geben, in der Wissenschaft, Politik, Kirche und Praxis zusammenkommen. Im Mittelpunkt steht die Familie als sozialer und kultureller Anker. Familie soll als zentrales Zukunftsthema sichtbar gemacht werden.

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Welche Rolle kommt dabei der Kirche zu?

Die Kirche sollte mutig zu ihren Werten stehen und familienfreundlich handeln. Wo Kirche Freude, Zuversicht und Gemeinschaft vermittelt, erreicht sie Menschen. Familienfreundliches Gemeindeleben ist ein konkreter Beitrag, der Vertrauen schafft. Viele Menschen suchen Orientierung und Halt. Kirche kann hier viel leisten, wenn sie Hoffnung vermittelt statt Angst und mit positiven Beispielen vorangeht.


Peter Mender ist seit 2023 Präsident des Katholischen Familienverbands Österreichs. Der zweifache Vater stammt aus Wien und lebt heute in Vorarlberg. 

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