„Wir schrieben an unaufgeräumten Esstischen, stillend, auf Kinderzimmerböden, nebenbei tröstend und nachts erschöpft an der Bettkante. Wir lasen einander vor und ließen gerührte Tränen laufen, während wir durch die Worte der anderen heilten“, erzählt Sarah Keshtkaran auf ihrem Blog. Sie ist eine der drei Autorinnen des Bands „Ein neuer Herzschlag. Worte, die dich halten, während du dein Kind hältst“. Sarah Keshtkaran, Alyssa Schwarz und Katharina Weck haben genau das Buch geschrieben, das sie sich selbst gewünscht hätten, als sie Mutter wurden. Viele werden sich in den geschilderten Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen der Verfasserinnen wiederfinden, wenn diese behutsam und berührend von wohltuenden oder auch schmerzlichen Erfahrungen in Schwangerschaft, Geburt und dem ersten Jahr mit dem Neugeborenen erzählen.
Die wichtigste Erkenntnis steht gleich zu Beginn: Mutterwerden ist ein lebenslanger Prozess. „Wir müssen nicht perfekt sein, um damit anzufangen, Mutter zu sein, und wir werden niemals eine ‚fertige‘ Mutter sein. Die Zeit, das Leben und unsere Kinder werden uns verändern. Wir werden an ihnen wachsen und uns mit ihnen verändern“, mit diesen Worten ermutigt Sarah Keshtkaran zum gnädigen Loslassen eigener Ansprüche, denn nur so ist die Freiheit zu haben, in der Frauen in der lebenslangen Rolle als Mutter ebenso wie als Person wachsen und sich weiterentwickeln können.
Staunen über die Vorgänge im eigenen Körper
Zu Beginn steht in der Regel die große Vorfreude auf das neue Leben, das tiefe Staunen über die Vorgänge im eigenen Körper. „Als ich feststellte, dass ich mit unserem zweiten Kind schwanger war, habe ich einen Tag geschwiegen“, beschreibt Katharina Weck. Eine Schwangerschaft verändert eine Frau nicht nur äußerlich, sondern auch im Innersten. Manchmal entsteht eine Anpassungskrise, zum Beispiel, wenn schon ein Geschwisterkind zu versorgen ist. Betont die Umgebung zu sehr die Tatsache, dass Schwangerschaft schließlich keine Krankheit sei, tun sich Schwangere häufig schwer, in dieser besonderen Zeit die eigenen Grenzen zu berücksichtigen. Die Erfahrung vieler Frauen zeigt nämlich: Mit Babybauch kann der Alltag nicht mehr so wie vorher gemanagt werden, auch wenn das der Arbeitgeber oder andere Personen gerne so hätten. Für Katharina Weck boten alle Schwangerschaften letztlich die Gelegenheit, sich mit Selbstfürsorge zu befassen. Es sei elementar, die eigenen Bedürfnisse zu kennen, sich, wenn nötig, Hilfe zu holen, durch eingestandene Schwachheit authentisch sein zu können und dennoch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben zu dürfen.
Besonders bewegend ist die Schilderung einer ungeplanten Hausgeburt. An sich wollte das Paar zur Geburt des zweiten Kindes in ein Geburtshaus gehen, als sie eine Freundin mitten in der Nacht zur Betreuung des schlafenden Vierjährigen zu sich riefen. Doch dann kam es anders. Weil es das Baby eilig hatte, kam es im Wohnzimmer zur Welt. Für die beiden Begleiter der Gebärenden, den Vater des Kindes und die Freundin der Familie, ist diese Geburt ein Wunder, das sie nie vergessen werden – „surreal und wunderschön“.
Katalysator für inneres Wachstum
Andere Geburten wollen verarbeitet werden, rühren an gefasste Pläne, werfen Fragen nach der eigenen Kraft oder Unzulänglichkeit auf. So geht es manchen Frauen, die statt einer vaginalen Geburt aus verschiedenen Gründen einen Kaiserschnitt erleben. Ein weiterer Geburtsbericht widmet sich der „Bauchgeburt“ und zeichnet den intensiven Weg der Versöhnung nach, den die junge Mutter ging. Die Frage nach dem „Warum“ helfe in diesen Situationen nie. Sie habe alles richtig machen wollen, jetzt wisse sie: „Ich hatte mein Bestes gegeben. Und wurde bestens versorgt, als mein Bestes nicht mehr ausreichte.“ Die Narbe ist nun einfach ein „Andenken an den Moment, in dem es nicht darum ging zu performen, sondern voller Staunen mein Kind in Empfang zu nehmen. Eine Erinnerung an den Moment, in dem aus zwei Menschen eine Familie wurde.“
Manchmal ist Muttersein aber eine zentnerschwere Last, Sorgen um den kommenden Tag erdrücken die Freude an der Familie. Wie soll es nur gehen, nach der Elternzeit des Vaters während dessen nächster Dienstreise ganz alleine die beiden Kinder ins Bett zu bringen? Oder was ist mit der Trauer um den Verlust der persönlichen Freiheit durch die Einschränkungen der Schwangerschaft und das Muttersein im Alltag mit allen Höhen und Tiefen? Auch diese Erfahrungen kommen in dem Buch zur Sprache – ebenso wie eine Übung zum Wahrnehmen von Grenzen und eine Anleitung zum liebevollen Selbstgespräch. An der Grenze zwischen Herausforderung und Überforderung finde das meiste Wachstum statt, ist Alyssa Schwarz überzeugt. Für Reife und inneres Wachstum gebe es keinen stärkeren Katalysator als die Mutterschaft. „Als erwachsene Person kann man, auch wenn es leichter gesagt als getan ist, den Stift in die Hand nehmen und die eigene Lebensgeschichte weiterschreiben. Glaubenssätze können gründlich hinterfragt und, wo nötig, umgeschrieben werden.“
„Sie sollten mehr Pausen machen“
Manche Frauen reflektieren bewusst die eigene Mutterschaft im Hinblick auf heutiges Wissen. So äußert sich eine ältere Mutter voll Respekt über das, was sie bei jungen Eltern wahrnimmt, etwa Bindungsorientierung und gewaltfreien Umgang mit Kindern. Eines aber würde sie genauso wieder machen: Pausen einbauen. „Die jungen Mütter heute machen keine Pausen. Sie gehen so schnell es geht wieder arbeiten und auch, wenn sie zu Hause sind, füllen sie jede Minute. In den Momenten, in denen ich meinen Tank aufgefüllt habe, nähen sie, backen Sauerteigbrot oder dekorieren die Wohnung. Ich würde ihnen wünschen, dass sie mehr Pausen machen.“
Sich eine ruhige Ecke zu suchen und bewusst eine Pause einzulegen, dazu lädt dieses Buch junge Mütter und ihre Partner ebenso wie erfahrene Eltern ein – in der Schwangerschaft, im Wochenbett und im Familienalltag. Ein besonderes Highlight sind die stimmungsvollen Fotografien von Nora Kuhn und die ansprechende Gestaltung von Miriam Lang-Schlegel, wie etwa die Schwangere am Rand eines Sees, die ihren Bauch mit beiden Händen umfängt und versonnen in sich hineinlächelt, der trinkende Säugling an der Brust der Mutter; oder der Vater, der liebevoll zwei kleine Kinder herzt.
Sarah Keshtkaran, Alyssa Schwarz, Katharina Weck: Ein neuer Herzschlag. Worte, die dich halten, während du dein Kind hältst. Neukirchener Verlag, 240 Seiten, 22 €.
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