Wieder hat das römische Synodensekretariat unter Kardinal Mario Grech Anfang Mai den Abschlussbericht einer der Studiengruppen veröffentlicht, die Papst Franziskus 2024 eingerichtet hatte, um spezielle Fragen zu erörtern, die er nicht zum Gegenstand der Beratungen auf der römischen Bischofssynode zur Synodalität im Oktober 2024 machen wollte. Und wieder schloss sich daran in einigen Kreisen eine hitzige Debatte darüber an, ob diese Arbeitsweise unter dem Deckmantel der Synodalität nicht doch dazu dient, Lehre, Disziplin und Moral der Kirche weltlichen Kriterien anzupassen.
Schon im März hatte der Abschlussbericht der Studiengruppe 5 über die „Teilhabe der Frauen am Leben und an der Leitung der Kirche“ die These vertreten, dass die Primatsgewalt des Papstes oder die Leitungsvollmacht eines Bischofs auch auf nicht geweihte Frauen übertragen werden könnten, die dann wichtige Führungsaufgaben wahrnehmen – nicht dank der Weihe, sondern aufgrund ihres Charismas. Kanonisten kommentierten damals zu Recht, dass dies der Weihetheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils widerspreche.
Die derzeit veröffentlichten Abschlussberichte der zehn Studiengruppen haben nicht den geringsten lehramtlichen Charakter. Sie dienen allein als Materialsammlung für den Papst, falls dieser oder ein vatikanisches Dikasterium sich in welcher Form auch immer zu einer der behandelten Fragen äußern sollte. Doch diese Berichte sorgen für Diskussionen. Jetzt ging es um die Studiengruppe 9, die ein Papier darüber vorgelegt hat, nach welchen theologischen und synodalen Kriterien wichtige doktrinäre, pastorale und ethische Fragen beantwortet werden können. Im zweiten Teil des Berichts geht es um zwei Beispiele: um den Umgang mit praktizierenden Gläubigen mit homosexueller Orientierung und um gewaltfreien Widerstand.
Anhang sorgte besonders für Ärger
Besonders der Anhang zu dem Homosexuellen-Thema sorgte für Ärger: Er bestand aus den unkommentiert abgedruckten Erfahrungsberichten zweier Männer – eines US-Amerikaners und eines Portugiesen –, die sich als praktizierende Katholiken bezeichnen und standesamtlich jeweils mit einem anderen Mann verheiratet sind. Eines dieser Zeugnisse wirft dabei der US-amerikanischen Apostolatsgruppe „Courage“ vor, angeblich „Konversionstherapien“ zu fördern – eine Behauptung, die diese Gruppe mit einer Erklärung sofort und energisch als „Verleumdung und Diffamierung“ zu-rückgewiesen hat.
Der Geschäftsführer von „Courage International“, Pater Brian Gannon, warf der Studiengruppe auf der Website des „National Catholic Register“ „intellektuelle Unehrlichkeit“ vor, der Bericht habe bewusst diejenigen nicht zu Wort kommen lassen, die trotz ihrer homosexuellen Orientierung getreu zur Lehre der Kirche leben wollten.
Zudem wurde bekannt, dass die einzige afrikanische Theologin in der Studiengruppe 9, die kongolesische Schwester Josée Ngalula, die zugleich Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission beim Vatikan ist, an der Erarbeitung des Kapitels über die Homosexuellen in der Kirche gar nicht beteiligt war. Sie habe nur bei dem Kapitel über den gewaltfreien Widerstand mitgewirkt, erklärte sie gegenüber dem „National Catholic Register“.
Ansonsten bestand die Studiengruppe 9, deren Koordinator Kardinal Carlos Castillo Mattasoglio aus Lima war, aus Erzbischof Filippo Iannone, den Papst Leo an die Spitze des Dikasteriums für die Bischöfe berufen hat, aus dem italienischen Moraltheologen Maurizio Chiodi, für den auf der Grundlage von „Amoris laetitia“ homosexuelle Beziehungen „unter bestimmten Bedingungen“ ein „fruchtbarer Weg“ sein könnten, gute Beziehungen aufzubauen.
Neben der italienischen Fundamentaltheologin Stella Morra, die an der Päpstlichen Gregoriana in Rom lehrt, gehörte auch der Moraltheologe Carlo Casalone SJ zur Studiengruppe 9, den man in seinen Schriften so interpretieren kann, dass die von der Kirche gelehrte Moral jeweils der persönlichen Gewissensbildung unterworfen sei.
Man kennt Arbeitsweise nicht
Hat diese Gruppe – unter Ausschluss der kongolesischen Ordensfrau – nun versucht, mit ihrem Papier kirchliche Positionen in eine ganz bestimmte ideologische Richtung hin zu verfälschen? Man kennt die Arbeitsweise dieser Studiengruppen nicht. Aber das Ergebnis ist tendenziös.
Schon beim außerordentlichen Konsistorium Anfang Januar hatte der hochbetagte Kardinal Joseph Zen Ze-kiun aus Hongkong vor dem Papst mit offenen Worten gefragt, ob denn das römische Synodensekretariat „kompetenter als die Bischöfe“ sei und von einer „gnadenlosen Manipulation“ durch die synodalen Prozesse gesprochen. Jetzt, nach der Veröffentlichung des Berichts der Studiengruppe 9, ging der niederländische Kardinal Willem Eijk mit diesem Text und der Methode des Synodensekretariats gnadenlos ins Gericht.
Obwohl die Autoren des Berichts betonten, dass sie nicht über „die Kompetenz und vor allem die erforderliche kirchliche Befugnis“ verfügen, um einzelne moralische Fragen endgültig zu klären, würden die Methodik und der Aufbau des Berichts systematisch die Fähigkeit der Kirche untergraben, ihre Morallehre zu verkünden, schrieb er im „National Catholic Register“.
„Homosexuelle Handlungen sind ihrem Wesen nach böse“, schreibt der Kardinal. Dies sei eine feststehende katholische Lehre. Einem gläubigen Christen, der solche Handlungen begehe, mangele es am Glauben, da er nicht auf die Gnade Gottes vertraue, die es ihm ermögliche, die Sünde zu vermeiden. „Das bedeutet jedoch nicht, dass die Sünde in erster Linie im Mangel an Glauben und nicht in der Handlung selbst liegt“, wie die Zeugnisse im Anhang suggerierten. Wie Eijk weiter ausführt, sei der methodologische Rahmen des Berichts das grundlegende Problem.
Das römische Synodensekretariat ruderte zurück
Die Autoren ordneten alles der Beschreibung eines „synodalen Prozesses“ unter, der sich auf die Praktiken und Erfahrungen der Menschen konzentriert. Diese Sprache klinge pastoral und christozentrisch, verberge jedoch eine radikale Abkehr von der katholischen Moraltheologie. Die Autoren berufen sich auf die Aussage Jesu, dass „der Sabbat für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Sabbat“, um zu suggerieren, dass moralische Normen nicht absolut sein könnten. Die Lehre Jesu über den Sabbat habe sich auf positive in der Heiligen Schrift offenbarte Normen bezogen, die an sich nicht absolut seien.
Und mit dem Neuen Testament seien die jüdischen liturgischen Gesetze tatsächlich hinfällig geworden. „Doch das Sittengesetz bezüglich Ehe und Sexualität“, so der Kardinal weiter, „ist von ganz anderer Natur. Diese Normen leiten sich aus dem Naturgesetz ab, das Gottes Absichten bei der Schöpfung des Menschen, der Ehe und der Sexualität selbst widerspiegelt.“
Das römische Synodensekretariat ruderte derweil zurück. Seine Arbeit habe lediglich darin bestanden, die Zusammenfassungen der Studienberichte in die verschiedenen Sprachen zu übersetzen und zu verbreiten, teilte man vor einer Woche aus dem Sekretariat der spanischen Website „Religión Confidencial“ mit.
Die einzelnen Studiengruppen würden autonom arbeiten, was schon daran zu erkennen sei, dass die Abschlussberichte nicht mit dem Logo des synodalen Weltprozesses erscheinen würden, hieß es windelweich. Es handle sich bei den Abschlussberichten lediglich um Arbeitspapiere. Das stimmt zwar. Aber mit der Veröffentlichung dieser Berichte sorgt das Synodensekretariat immer wieder für Verwirrung und Verwunderung.
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