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Die Kirche gehört nicht uns

Wir verlieren uns in Strukturdebatten: Ist aus dem konziliaren Auftrag zum Laienapostolat ein Kampf um kirchliche Macht geworden? Gedanken zur Frage nach Sendung, Amt und kirchlicher Autorität.
Open-Air-Schlussgottesdienst beim Katholikentag
Foto: IMAGO/Daniel Peter (www.imago-images.de) | Kirchensteuer, Verbandswesen und Gremien schaffen Systeme, die häufig stärker politisch als geistlich gedacht werden.

Als das Zweite Vatikanische Konzil 1965 das Dekret „Apostolicam actuositatem“ verabschiedete, verband sich damit eine große Hoffnung: Die Laien sollten nicht länger bloße Zuschauer kirchlichen Lebens sein, sondern als Getaufte und Gefirmte ihre eigene Sendung in Kirche und Welt entdecken. Das Konzil sprach ihnen echte Verantwortung zu – nicht als bloße Funktionsträger, sondern als Zeugen Christi in Familie, Beruf, Kultur und Gesellschaft. 60 Jahre später drängt sich in Deutschland die Frage auf: Ist aus dem konziliaren Auftrag zum Apostolat ein Kampf um kirchliche Macht geworden? 

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Beim Katholikentag in Würzburg erinnerte Kardinal Mario Grech, Generalsekretär der Bischofssynode, daran, dass die Kirche nicht uns gehört, sondern Christus. Sie ist kein politisches Aushandlungsprojekt, sondern geistlich gegründet; Gott sei der Komponist, und der Heilige Geist der Dirigent. Die Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen. Synodalität und Beteiligung von Laien werden in Deutschland vielfach nicht als Dienst, sondern als Frage von Mitbestimmung und Gleichberechtigung verstanden – oft in einem politisch aufgeladenen Sinn. 

Aus Sendung wird Mitsprache, aus Apostolat kirchliche Interessenvertretung

Hier zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis zu dem, was das Konzil unter Laienapostolat verstand. „Apostolicam actuositatem“ richtet sich ausdrücklich gegen eine kirchliche Gegenhierarchie. Zwar betont der Text die Eigenverantwortung der Laien, bindet diese aber an die Gemeinschaft mit den Hirten der Kirche und an die „Oberleitung der Hierarchie“. In der derzeitigen Debatte in Deutschland dreht sich dagegen alles um Mitsprache, Kontrolle und Macht. Aus Sendung wird Mitsprache, aus Apostolat kirchliche Interessenvertretung.

Und dies hat auch mit Strukturen zu tun: Kirchensteuer, Verbandswesen und Gremien schaffen Systeme, die häufig stärker politisch als geistlich gedacht werden. Besonders prägend sind dabei Organisationen wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) oder der BDKJ. Wo kirchliches Engagement jahrzehntelang vor allem in Kategorien von Gremienarbeit, Zuständigkeiten, politischen Lagern und Mehrheiten gedacht wird, verändert sich auch das Verständnis von Sendung. Man entwickelt und verfestigt bestimmte Wahrnehmungs- und Denkmuster, spricht über Prozesse, Zuständigkeiten und Macht, aber immer seltener über Heiligkeit, Bekehrung oder Rettung. Man könnte meinen, die katholische Kirche in Deutschland hat vergessen, wofür sie existiert. 

Als Gründe für diese Entwicklung kommen möglicherweise neben persönlichen Motivationen tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Konzil hinzu: die Demokratisierung westlicher Gesellschaften, die Autoritätskritik seit 1968, die Erosion religiöser Sozialisation und verbindlicher Glaubensweitergabe sowie der massive Vertrauensverlust infolge der Missbrauchsskandale. All dies hat das kirchliche Selbstverständnis verändert – und die Kirche in eine geistliche Krise gestürzt.

Die Fähigkeit zur geistlichen Veränderung geht nicht verloren

Doch muss diese Entwicklung keine Einbahnstraße bleiben. Das Gehirn ist plastisch und die Fähigkeit zur (geistlichen) Veränderung geht nicht verloren. Davon zeugen nicht nur das Leben des heiligen Paulus von vor über 2.000 Jahren, sondern auch die Erfahrung Tausender Menschen heute. Voraussetzung – und die Crux – ist lediglich ein offenes Herz. Papst Benedikt XVI. betonte immer wieder, dass Gott den Menschen nicht einfach überwältigt, sondern darauf wartet, dass dieser sein Herz öffnet und bereit ist, die göttliche Gnade aufzunehmen. Dabei stellte er die Muttergottes als Vorbild vor – so wie es der Konzilstext auch tut. Wo aber selbst Maria aus dem geistlichen Bewusstsein verdrängt wird, verengt sich oft auch die Offenheit für Gottes Wirken. Und wo die Offenheit für Gottes Wirken fehlt, verfestigen sich Ideologien und werden Menschen geistlich unbeweglicher.

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Das Konzil verstand das Laienapostolat nicht als Konkurrenz zum sakramentalen Amt, sondern als Ergänzung. Es erklärte, dass Laien und Hirten innerhalb der sakramentalen Ordnung der Kirche zusammenarbeiten sollten und rückte die verschiedenen Berufungen und Aufgaben ins Blickfeld: Während den Aposteln und ihren Nachfolgern das Amt übertragen ist, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“, haben die Laien „ihren eigenen Anteil“ an der Sendung der Kirche in der Welt und Gesellschaft vor Ort. 

Der eigentliche Sinn des Laienapostolats liegt laut Konzil nicht in Strukturdebatten in Dauerschleife, sondern darin, die Welt mit dem Evangelium zu durchdringen. Die zeitliche Ordnung soll nach dem Konzil so gestaltet werden, dass sie statt an Mehrheiten oder aktuellen Strömungen am Willen Gottes, an seiner Wahrheit und dem Evangelium ausgerichtet bleibt. Das christliche Leben soll aus der Vereinigung mit Christus in Liturgie und Sakramenten gespeist werden und gerade dadurch im Alltag wirksam werden, ohne sich von der Welt vereinnahmen zu lassen, wie man es in Deutschland sieht: Unter Berufung auf Vielfalt, Inklusion und Barmherzigkeit werden Positionen vertreten, die zentrale Elemente der christlichen Anthropologie relativieren, wenn nicht gar aufheben – besonders im Bereich der Sexualmoral und Geschlechteranthropologie. 

Frage nach Wahrheit und moralischer Bindung tritt in den Hintergrund

Dabei wird häufig betont, Gottes Liebe gelte allen Menschen – was unbestritten ist –, doch tritt hier die Frage nach Wahrheit und moralischer Bindung in den Hintergrund. Barmherzigkeit und Wahrheit werden gegeneinander ausgespielt. Statt sich um Christus zu versammeln, scheint das moderne goldene Kalb kirchlicher Selbstvergewisserung mehr zu locken. Mit der gleichen Leidenschaft, die früher der Erlösung galt, bearbeitet man heute stapelweise Geschäftsordnungen und beansprucht die Deutungshoheit über Zuständigkeiten und ewige Wahrheiten.

Das Konzil wollte aber keine Anpassung der Kirche an den Zeitgeist oder reine Selbstbeschäftigung, sondern die Erneuerung der Welt aus dem Geist des Evangeliums: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh 15,5).  Es lehrt, dass Laienapostolat Dienst ist, nicht Herrschaft. Es wollte starke Laien, keinen „Laien-Klerikalismus“, es wollte standfeste Katholiken, nicht den Katholizismus als Verhandlungsmasse. Wo Begriffe wie Sünde, Gnade, Umkehr und Heil verblassen, verliert die Kirche ihren eigentlichen Auftrag aus dem Blick. Sie wird verwaltbar, aber nicht missionarisch. Klingt das nicht ziemlich „deutsch“?

Geistliches Hören will gelernt sein

Vielleicht müsste sich die Kirche in Deutschland einer ganz grundlegenden Frage stellen: Wozu existiert die Kirche überhaupt? Was es braucht, sind weder Aktionismus noch Strategiepapiere und Strukturdebatten, sondern geistliche Entschleunigung durch das Hören auf Menschen, deren Leben durch Christus verwandelt wurde, und das Hören auf den Heiligen Geist. Beides verlangt die Fähigkeit, Gottes Stimme von den vielen anderen Stimmen dieser Zeit zu unterscheiden. Dies setzt Übung, Geduld und Stille voraus und ist die Grundlage für jede Synodalität. Der Kirche in Deutschland täte es gut, dieses geistliche Hören neu einzuüben, bevor sie synodale Prozesse vorantreibt. Statt die Kirche auf Sand zu bauen, indem sie detailreiche Zukunftsentwürfe entwickelt und dabei Gefahr läuft, sich mit Rom zu verwerfen, muss sie erst ein geistliches Fundament legen. Was wie „bei Null anfangen“ erscheint, ist in Wirklichkeit schon das Ziel.

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