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Versöhnung gewollt, Antisemitismus geweckt?

Ein Hirtenbrief der polnischen Bischöfe zum christlich-jüdischen Dialog löst in Polen eine Welle der Kritik aus und wirft die Frage auf, wie stark antijüdische Ressentiments unter den Gläubige verbreitet sind.
Johannes Paul II. und der Oberrabiner Elio Toaff
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Johannes Paul II. besuchte 1986 als erster Papst eine Synagoge. Bei diesem historischen Ereignis kam es sogar zu einer Umarmung zwischen dem Pontifex und dem damaligen Oberrabiner Elio Toaff.

Ende März hatte die Polnische Bischofskonferenz einen Hirtenbrief veröffentlicht, der bei den Gläubigen in Polen hohe Wellen schlug. Anlass war der 40. Jahrestag des Besuchs der Großen Synagoge in Rom durch Johannes Paul II. Bei diesem historischen Ereignis – zum ersten Mal besuchte ein Papst eine Synagoge – kam es sogar zu einer Umarmung zwischen dem Pontifex und dem damaligen Oberrabiner Elio Toaff. Der Tag symbolisiert somit einen Wendepunkt im interreligiösen Dialog, der theologisch bereits in der Erklärung „Nostra Aetate“ des II. Vatikanums begründet war. 

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In ihrem Brief erinnerten die Bischöfe unter anderem an die enge Verzahnung des jüdischen und des katholischen Glaubens, genau genommen an die Abstammung des Christentums vom Judentum, wobei sie sowohl das Ölbaumgleichnis aus dem Brief des Paulus an die Römer zitierten, als auch Papst Franziskus, der betont hatte, dass „das jüdische Volk für uns immer noch die heilige Wurzel ist, aus der Jesus kam“. 

Viel Unmut auch in den sozialen Medien

Darüber hinaus riefen die polnischen Bischöfe in Erinnerung, dass Johannes Paul II. es verurteilt habe, dass den Juden jahrhundertelang die Schuld für den Tod Christi zugewiesen wurde, und er im Einklang mit „Nostra Aetate“ jede Form der jüdischen Kollektivschuld daran abgelehnt habe. 

Beinahe 1.500 Jahre formten diese Inhalte, gegenwärtig in der katholischen Lehre und in einer falschen Auslegung der Heiligen Schrift, die Ansichten der Christen und trugen damit zu Hass, Verfolgung und der Manifestation von Antisemitismus bei, schrieben die Bischöfe und warnten vor der Diskriminierung und Verfolgung von Juden. Zudem erinnerten sie daran, dass laut dem Katechismus die Kirche nicht zögere, „den Christen die schwerste Verantwortung für die Qualen Christi zuzuschreiben.“ Die Bischöfe wiesen auch darauf hin, dass die katholische Kirche heute eindeutig feststelle, dass die Juden das auserwählte Volk seien, da Gott den Alten Bund niemals aufgelöst habe. 

Die überraschend vielen heftigen Reaktionen auf den Brief innerhalb der polnischen Bevölkerung und in der Presse haben eine anhaltende öffentliche Debatte ausgelöst. Viele Menschen äußerten ihren Unmut auch in den sozialen Medien.

Ein Verbrechen an der Kirche und an Polen?

Daniel Wachowiak, ein Priester aus Großpolen, entschied sich direkt dagegen, den Hirtenbrief, der eigentlich eine Predigt ersetzen sollte, vorzulesen. Er verwies darauf, dass dieser als optional gekennzeichnet gewesen sei und nicht pflichtmäßig verlesen werden müsse. In der Überzeugung, der Brief habe Gott beleidigt, hat sich in Krakau eine Gebetsgruppe gebildet, die ein öffentliches Sühnegebet sprach.

Die Kirchengelehrten selbst zeigen sich zu dem Thema gespalten. So schreibt Dariusz Oko, Priester aus Krakau, in der konservativen Wochenzeitschrift Do Rzeczy, Geistliche würden den Hirtenbrief als „ein Verbrechen an der Kirche und an Polen“ ansehen. Selbst die Bischöfe würden sich „den schlimmsten, antichristlichen Ideologien der Welt hingeben“.

Okos Manifest war im Tonfall derart scharf, dass ein anderer Priester und Theologe, Stanislaw Obirek, in einem Brief an den Metropoliten von Krakau, Kardinal Ryś, fragte, warum Oko nicht exkommuniziert werde, da er doch die Lehre der Kirche in Frage stelle und für Unruhe bei den „unvorbereiteten Gläubigen“ sorge.

Doch es gibt auch selbstkritische Stimmen. So befürchtet der in den sozialen Medien aktive Jesuit Grzegorz Kramer, der Hirtenbrief habe einen in den Menschen schlummernden Antisemitismus geweckt. Eine ähnliche Hypothese stellte Artur Sporniak auf, Redakteur der katholischen Tageszeitung Tygodnik Powszechny. In einem Interview mit dem Radiosender tokfm.pl warf er die Frage auf, was den Menschen von den Lehren des polnischen Papstes zwei Jahrzehnte nach dessen Tod noch in Erinnerung geblieben sei, und ob in den negativen Reaktionen nicht etwa antijüdische Tendenzen zum Ausdruck kämen.

Politisch begründete Ansätze für die Ablehnung des Hirtenbriefs

Politisch begründete Ansätze für die Ablehnung des Hirtenbriefs kann man etwa bei Pawel Chmielewski, Redakteur beim katholisch-konservativen Magazin und Informationsportal Polonia Christiana, nachlesen. In seiner vielschichtigen Kritik geht er unter anderem darauf ein, dass in Polen heutzutage kaum Juden lebten, sodass das Aufgreifen des christlich-jüdischen Dialogs für die meisten Inlandspolen kein brisantes Alltagsthema darstelle, aber gleichzeitig die Gefahr in sich berge, die Gläubigen könnten den Eindruck erhalten, die Polnische Bischofskonferenz unterstütze die Politik Israels.

Israel sei im Zusammenhang mit dem seit 2023 stattfindenden bewaffneten Konflikt mit der Hamas für Angriffe verantwortlich, bei denen es unter anderem Zehntausende zivile Todesopfer auf der Seite der Palästinenser gab, darunter auch Kinder. Darüber hinaus verwies er auf den Krieg gegen den Iran, den Israel zusammen mit den USA begonnen habe. Bei den Bombenangriffen auf eine Schule gleich am Anfang des Krieges seien ebenfalls Zivilisten ums Leben gekommen, darunter unschuldige Mädchen, so Chmielewski. Seiner Ansicht nach sei die Veröffentlichung des Hirtenbriefs allein schon vor dem Hintergrund der genannten politischen Ereignisse ein riskantes Unterfangen. 

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