Drei Tage hat die Kirche in Würzburg Bodenloses und Begeisterndes geboten. Mit 34.000 Dauerteilnehmern fiel der Zuwachs im Vergleich zum Stuttgarter Katholikentag, auf dem die Folgen der Pandemie noch spürbar waren, übersichtlich aus. Der spirituelle Hunger der Menschen war allerorten spürbar. Wo nach christlicher Hoffnung und geistlichem Kompass gefragt wurde, hörten die Besucher aufmerksam zu.
Positiv fiel die Fülle der Alternativen zum Mainstream-Katholizismus auf. Auch wenn das offizielle Programm teilweise mit dem eines evangelischen Kirchentags austauschbar war, sorgten engagierte Katholiken für Alternativen. Wer das Gute suchte, konnte fündig werden. Viel Wind wurde um den Synodalen Weg gemacht. Es wäre aber falsch, die boulevardeske Neugier auf den Showdown Deutschland gegen Rom als flächendeckendes Interesse am Synodalen Weg zu deuten. Das Requiem für den deutschen Synodalen Weg hat begonnen: Ganze 200 Zuhörer kamen zum Podium „Steh auf für Frauenrechte“, das zum offiziellen Programm gehörte, während die Posthalle mit gut 1.400 Plätzen gesteckt voll war, als über die Kirche als Hoffnungsträgerin gesprochen wurde. War es reiner Zufall, dass der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Heiner Wilmer, den Synodalen Weg in seiner stimmigen Predigt im Schlussgottesdienst am Sonntag mit keiner Silbe erwähnte, sondern indirekt zur Abkehr von der binnenkirchlichen Nabelschau ermutigte? „Die Welt brennt“, sagte der Bischof, und Brandherde lösche man nicht durch Zuschauen.
War Bares wichtiger?
Dem Motto „Hab Mut, steh auf“ haftete etwas Ambivalentes an. Einerseits zeigte sich die Courage, aufzustehen, in der Bereitschaft, sich von einer kirchenpolitisch motivierten Agenda zu verabschieden und abseits der von den Veranstaltern gespurten Pfade relevanten Stimmen Gehör zu schenken. Andererseits berichteten viele Besucher, dass sie das Motto trotz der Bremsversuche des kirchlichen Establishments schon lange ernst nehmen – ganz unabhängig von ihrer kirchenpolitischen Ausrichtung. In der Flüchtlingshilfe und dem Ringen um den Erhalt liturgisch nicht mehr genutzter Kirchen treffen sich die Katholiken über die kirchenpolitischen Gräben hinweg. Aber gerade im Einsatz um die Erhaltung von Sakralbauten haben sowohl dogmatisch liberale Kolpingbrüder als auch papsttreue Rosenkranzbeter die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mit Kapitalinvestoren konkurrieren konnten, weil den Bistumsleitungen Bares wichtiger war als der Mut derer, die bereit waren, für ihre Kirche aufzustehen. Das Gleiche gilt für die Nachfolgeregelung von Klöstern, denen der Nachwuchs fehlt: Der Mut junger fremdsprachiger Gemeinschaften, die in Deutschland eine Niederlassung gründen möchten, wird oft nicht belohnt.
Dass ein auf der fragwürdigen Correctiv-Recherche basierender Text, der Joseph Ratzinger die Rolle des Bösewichts im Umgang mit Missbrauchsfällen zuschreibt, just bei einer Veranstaltung mit dem gastgebenden Würzburger Bischof verteilt wurde, hinterließ einen schalen Nachgeschmack: Es gehört heute mehr Mut dazu, die Pionierarbeit des Präfekten der Glaubenskongregation im Kampf gegen Missbrauch gegen viele innerkirchliche Widerstände zu würdigen, als ihn nach Correctiv-Manier zu karikieren. Auch das Lebensrecht und das Engagement für bedrängte und verfolgte Christen sind Prüfsteine glaubwürdiger Nachfolge. Der Paderborner Katholikentag stellt die Organisatoren vor die Mutprobe: Dürfen sie das nächste Mal ins offizielle Programm? Oder schauen die Veranstalter weg?
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