Das Pendel des Katholikentags schwingt zwischen Extremen: Drei Tage hat die katholische Kirche in Würzburg Licht und Schatten, Bodenloses und Begeisterndes geboten. Das abgespeckte Programm und die Sehnsucht nach Orientierung sorgten für volle Hallen. Der spirituelle Hunger der Menschen war allerorten spürbar. Wo nach christlicher Hoffnung und geistlichem Kompass gefragt wurde, hörten die Besucher aufmerksam zu. Dem Motto „Hab Mut, steh auf“ haftete allerdings etwas Ambivalentes an. Denn viele Katholikentagsbesucher berichteten, dass sie es trotz der Bremsversuche des kirchlichen Establishments schon seit Jahren ernst nehmen – ganz unabhängig von ihrer kirchenpolitischen Ausrichtung.
In der Flüchtlingshilfe und dem Ringen um den Erhalt nicht mehr liturgisch genutzter Kirchen treffen sich die Gläubigen seit Jahren über die kirchenpolitischen Gräben hinweg. Aber gerade im Kampf um die Erhaltung von Sakralbauten haben viele die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mit Kapitalinvestoren konkurrieren konnten, weil den Bistumsleitungen Bares wichtiger war als der Mut derer, die bereit waren, für ihre Kirche aufzustehen. Dass ein auf der fragwürdigen Correctiv-Recherche basierender Text, der Joseph Ratzinger die Rolle des Bösewichts im Umgang mit Missbrauchsfällen zuschreibt, just bei einer Veranstaltung mit dem gastgebenden Würzburger Bischof verteilt wurde, hinterließ ebenfalls einen schalen Nachgeschmack: Es gehört heute mehr Mut dazu, die Pionierarbeit des Präfekten der Glaubenskongregation im Kampf gegen Missbrauch gegen viele innerkirchliche Widerstände zu würdigen, als ihn nach Correctiv-Manier zu karikieren.
Viele couragierte Katholiken waren abseits des offiziellen Programms zu finden: Lebensrecht und Engagement für bedrängte und verfolgte Christen sind heute Prüfsteine glaubwürdiger Nachfolge. Der Paderborner Katholikentag stellt die Organisatoren vor die Mutprobe: Dürfen sie das nächste Mal ins offizielle Programm? Oder bleiben sie wieder außen vor?
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