Es war nicht die allerunverbrauchteste Frage, aber wenn es einen Ort gibt, an dem sie wohl gestellt werden sollte, dann ist es der Katholikentag: „Wie politisch muss Kirche sein?“ Darüber debattierten am Freitag in Würzburg folgerichtig der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, der CDU-Politiker Ralph Brinkhaus, die EKD-Ratsbevollmächtigte Annette Gidion und die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins. Dass die Podiumsdiskussion wenigstens hin und wieder zu dem „Streitgespräch“ wurde, als das es angekündigt war, lag neben der soliden Moderation durch ZDF-Mann Stefan Leifert ausschließlich an Ralph Brinkhaus. Da die größte Oppositionspartei zwar thematisch omnipräsent, aber selbstredend nicht eingeladen war, fiel die Rolle des vom Publikum wie Rest-Podium mit spürbarer Irritation bedachten Rechtsaußen dem Bundestagsabgeordneten der C-Partei zu, während die evangelisch-sozialethisch-katholische Kirchenfront sich weitgehend geschlossen präsentierte. Wobei die Einladung eines CDU-Mannes ohnehin zweifellos die naheliegendste Wahl war, ist es doch die C-Partei, die dem Anspruch nach christliche Werte in die Politik trägt – und die gleichzeitig, etwa in Gestalt von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, zuletzt häufiger mit den Kirchen über ihre politische Linie aneinandergeriet.
Zwei Punkte waren es denn am Freitag, die Brinkhaus in Opposition zum Kirchentagswohlgefühl brachten. Erwartbarer war der Dissens um die Migration. Auch mehr als ein Jahrzehnt nach 2015 lautet die kirchliche Linie noch Autosuggestion: „Dass wir dieses Thema zu einem reinen Bedrohungsnegativthema haben verkommen lassen, das ist nicht in Ordnung“, befand der Münchner Kardinal. Vielmehr handele es sich ja um ein „entscheidendes Zukunftsthema“. Dem widersprach Brinkhaus: Das sei „nicht die Realität“. Dafür kassierte der CDU-Mann Stöhnen und Pfiffe aus dem Publikum, ließ sich aber nicht abbringen. Das Land habe „mehrere Millionen Menschen aufgenommen“, habe in puncto Integration etwas „geleistet“. Marx erläuterte, er habe ja nur kritisieren wollen, dass in der Gesellschaft ein Klima aufgekommen sei, demzufolge die Einwanderung die heimische Identität oder Kultur eher gefährde. Doch auch da war Brinkhaus anderer Meinung: „Man kann jetzt nicht so sagen, es ist alles gut.“ Sondern man müsse die Ängste ernst nehmen, die die Leute haben.
„We are back!“, findet Reinhard Kardinal Marx
Das andere Thema, bei dem Brinkhaus in Opposition zur versammelten Kirchlichkeit ging, war pikanterweise Gott selbst. Die Kirche habe „die Legitimation, auch der Politik zu verkünden, was Gottes Meinung ist“, so Brinkhaus vielleicht etwas überpointiert. Denn natürlich wollte auch er die Kirche nicht als „Richter“ über die Politik. Dennoch war es aufschlussreich, wie sowohl Marx als auch Gidion beinahe peinlich berührt auf den plötzlichen Einbruch Gottes in die Diskussion reagierten. „Ich zuckte, als Sie sagten, wir sagen, was Gott dazu denke. Das würde ich mir im Leben niemals anmaßen“, so Gidion. Hier liege ein Missverständnis vor: „Wir versuchen vom Evangelium her zu aktualisieren, was das heute heißen kann.“ Das sah Marx genauso: „Wir können nicht genau sagen, was Gott denkt.“ Aber die Sozialethik sei letztlich vernünftig, weil sie eine langfristige Perspektive einnehme. Brinkhaus setzte noch einmal seinen Akzent dagegen: Es gebe keine Legitimation für die Kirche als politischen Akteur ohne Gott. Sonst sei sie nur eine normale politische Organisation.
Verdichtet ließe sich sagen: Aus Sicht der Christdemokratie leidet die Kirche an einem latenten Realitäts-, aber auch an einem Gottesverlust. Passt vielleicht beides auch ganz gut zusammen? Die Sozialethikerin Heimbach-Steins brachte den Ort, von dem aus die Kleriker auf die Politik blicken, durchaus treffend ins Wort: Aufgabe der Kirche sei, „auch den utopischen Moment“ in die Debatte einzubringen, „den großen Horizont, die ganze Geschichte“. Offensichtlich wurde jedenfalls, dass der Versuch, mithilfe der Utopie die Praxis zu kommentieren, gewisse Untiefen bereithält. Wenn es qua Utopie kategorisch geboten ist, etwa in Migration niemals auch negative Aspekte sehen zu dürfen – ist das dann noch „vernünftig“? Denn das ist ja das andere Gebot der Sozialethik nach Marx: Weil die Direktiven der Kirche dann doch auch nicht direkt von Gott kommen dürfen, schließlich sollen sie ja gern auch den Agnostikern einleuchten, müssten sie irgendwie mit der Realität auf Tuchfühlung gehen, eigentlich.
Aber vielleicht wäre dergleichen zu reflektieren einfach zu viel verlangt vom Münchner Erzbischof, der rhetorisch eher in vergnügter Bierzelt-Laune schien. So reichte ihm ein Verweis auf die AfD-Unwählbarkeitserklärung der DBK von 2024, um festzustellen, man befriedige doch die wachsende, wie Leifert es formulierte, „Sehnsucht“ nach moralischer, „vielleicht auch theologischer Orientierung“: „We are back!“ Das wollte Marx freilich nicht in Zahlen bemessen haben. „Manchmal fragen mich die Leute, ich weiß nicht, in 50 Jahren, wie viele sind wir dann noch?“ Aber: „Die Frage ist, sind wir da, haben wir etwas zu sagen, sind wir gut drauf?“ Zumindest in dieser Hinsicht besteht beim Münchner Oberhirten kein Grund zur Sorge, das bewies Marx auch bei Leiferts lockerer Schlussrunde: „Herr Kardinal, Ihre Frage lautet, eine KI wäre niemals in der Lage, meine Predigten zu schreiben, weil … ?“ „Ich besser bin“.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









