Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Rezension

Wofür das Herz der Christen schlägt

Der Theologe Christian Hümpfner fragt, was die Kirche von morgen trägt.
Ordensschwestern mit Blumenkränzen
Foto: KNA/Harald Oppitz | Es gibt ein lebenswertes katholisches Leben jenseits der Reformdebatten: Den jungen Ordensfrauen scheint das Blumenbinden jedenfalls Vergnügen zu machen. Die Aufnahme entstand während des Katholikentags in Erfurt.

Die Frage nach der Zukunft der Kirche wird selten so eindringlich gestellt wie gegenwärtig, und doch bleibt sie oft eigentümlich blutleer. Man diskutiert über Strukturreformen, als ließe sich der Glaube neu organisieren wie ein mittelständisches Unternehmen. In diese Gemengelage hinein legt der junge Theologe Christian Hümpfner einen Sammelband vor, der wohltuend anders ansetzt. „Gemeinsam lebendig bleiben – Ökumenische Impulse für eine Kirche mit Zukunft“ fragt nicht zuerst nach Programmen, sondern nach Menschen. Genauer: danach, wie über tausend Christen unterschiedlicher Konfessionen ihre Kirche heute tatsächlich erleben.

Lesen Sie auch:

Das Ergebnis ist kein weiteres Gutachten, sondern eine Art Seismogramm der religiösen Gegenwart. Entstanden ist das Projekt im Rahmen von Hümpfners Studium der Angewandten Theologie in Paderborn. Was als Test in der Region Fulda begann, wurde dank enormer Resonanz zu einer umfangreichen Datengrundlage und schließlich zu einem interdisziplinären Sammelband, in dem Theologen und andere Fachvertreter die Ergebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven auswerten. Die leitende Frage: Wie wird pastorales Angebot vor Ort erlebt, was trägt und was trägt nicht mehr? Eine anonyme Breitenbefragung verspricht ein realistischeres Bild als die oft subjektive Einschätzung einzelner Experten.

Und die Ergebnisse sind tatsächlich überraschend. Zwei Befunde stechen hervor: Erstens die hohe Bedeutung der biblischen Lesungen. Knapp 80 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen die Lesung aus der Heiligen Schrift oder dem Evangelium sehr wichtig ist – ein Wert, der in einem gewissen Kontrast zu mancher praktischen Wahrnehmung steht. Zweitens die Diskrepanz im Bereich Gemeinschaft: Mehr als 75 Prozent suchen Gemeinschaft in Gottesdiensten und gemeindlichen Angeboten, aber nur etwa die Hälfte fühlt sich tatsächlich mit anderen verbunden. In den Freikirchen ist diese Kluft mit 9 Prozent deutlich geringer als in den katholischen (24 Prozent) oder evangelischen Gemeinden (27 Prozent). Hier zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld zwischen Erwartung und Erfahrung und ein klarer pastoraler Auftrag.

Vielfalt statt Einbahnstraße

Besonders aufschlussreich ist auch die musikalische Frage. 44 Prozent der Befragten bevorzugen moderne Lobpreismusik, 37 Prozent klassische Kirchenmusik. Das Altersgefälle ist erwartbar, aber die Botschaft klar: Vielfalt statt Einbahnstraße. „Einheit in Vielfalt“, so fasst es Sebastian Pietsch in seinem Beitrag zusammen, sei die Devise. Traditionelle Kirchenmusik mit Orgel und Chor und moderne Lobpreismusik mit Band sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich ergänzen.

Dass diese empirischen Befunde nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern mit theologischer Reflexion verbunden werden, ist die große Stärke des Bandes. Die Autoren – darunter Stephan Wahle, Andreas Henkelmann, Thorsten Waap, Simone Möhring, Fabian Vogt, Raphael Bellmann, Kai G. Sander und andere – greifen die Ergebnisse auf und deuten sie im Horizont kirchlicher Praxis. Ihre Beiträge spannen dabei einen weiten Bogen: Peter Schallenberg fragt grundsätzlich nach dem Wesen der Kirche jenseits von Moral und Strukturreformen, Andreas Henkelmann ordnet die Fuldaer Ergebnisse in den Kontext älterer Repräsentativstudien ein, Thorsten Waap ermutigt zu einem Perspektivwechsel jenseits von Erschöpfung, Simone Möhring und Fabian Vogt entwerfen das Bild einer „Ehrenamtskirche“, Raphael Bellmann reflektiert Gastfreundschaft als ekklesiologische Grundkategorie, und Kai G. Sander fragt, ob Kirche heute noch Sehnsucht wecken kann. Besonders eindrücklich ist jedoch der Beitrag von Christian Hümpfner selbst, der die empirischen Befunde zur Seelsorge bündelt und ihr als „unterschätztem Schlüssel kirchlicher Lebendigkeit“ ein eigenes Kapitel widmet. Wer Seelsorge als bedeutsam empfindet, nimmt häufiger an der Liturgie teil und beteiligt sich stärker an diakonischen Projekten.

Die Verbindung von empirischer Wahrnehmung und theologischer Deutung ist es, die den Band auszeichnet. Reibungen entstehen vor allem dort, wo es um konkrete Konsequenzen für die Liturgie geht: Wie lassen sich neue Zugänge eröffnen, ohne den theologischen Sinngehalt zu verfälschen? Solche Abwägungsprozesse sind kein Mangel, sondern gehören zum kirchlichen Leben. Ein Sammelband lebt naturgemäß von der Vielfalt seiner Perspektiven. Mal steht die wissenschaftliche Analyse im Vordergrund, mal der pastorale Impuls – gerade diese Bandbreite macht den Reiz des Buches aus.

Dass die zugrunde liegende Umfrage keine repräsentative Erhebung im strengen Sinne ist, sondern vor allem die Perspektive regelmäßiger Gottesdienstbesucher erfasst – im Fall der katholischen Pfarreien gut zehn Prozent aller Pfarrangehörigen –, wird von den Autoren offen thematisiert.
Wer eine rein sozialwissenschaftliche Methodenstudie erwartet, mag an anderen Stellen fündig werden – wer hingegen an einer theologisch reflektierten und praxisnahen Deutung kirchlicher Gegenwart interessiert ist, findet hier reiches Material. Gerade die Offenheit des Bandes lädt zum Weiterdenken und zur eigenen Urteilsbildung ein.

Herausfordernde Ermutigung

Was bleibt? Das Buch versteht sich als eine hoffnungsvoll herausfordernde Ermutigung, das Unverfügbare greifbar zu machen: die lebendige Gemeinschaft in Christus. Allein die hohe Beteiligung an der Studie zeigt, dass Kirche für viele Menschen weiterhin relevant ist, auch wenn sie nicht immer in alte Formen passt. Die zentrale Erkenntnis des Bandes lautet: Kirche wird nicht durch die Perfektion ihrer Programme lebendig, sondern durch die Authentizität ihrer Beziehungen. „Marketing öffnet Türen – Mission baut Räume“, so die prägnante Formel des Herausgebers. Die Geschichte vom „schönen Herzen“, die Hümpfner in seinem Beitrag erzählt, macht dies bildhaft klar: Ein makelloses, glattes Herz mag beeindrucken, aber es bleibt leer. Ein Herz hingegen, das Narben von Begegnungen trägt, ist voller Tiefe.

Lesen Sie auch:

„Gemeinsam lebendig bleiben“ ist kein Fahrplan für die nächste Synode. Aber es ist eine Einladung, genauer hinzusehen auf das, was Menschen heute glauben, erhoffen, erleiden. Für alle, die in Gemeinden, Bildungshäusern oder der akademischen Theologie nach tragfähigen Wegen suchen, ist dieser Band eine Fundgrube. Nicht weil er einfache Antworten gäbe, sondern weil er die richtigen Fragen stellt. Und weil er spürbar macht, dass Kirche nicht trotz, sondern mit ihren Menschen lebendig bleiben kann – wenn sie denn bereit ist, ihnen zuzuhören.


Christian Hümpfner (Hg.): Gemeinsam lebendig bleiben. Ökumenische Impulse für eine Kirche mit Zukunft, Freiburg: Herder Verlag, 2026, 256 Seiten, EUR 24,–

Die Rezensentin ist promovierte Theologin und bloggt.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Margarete Strauss Diakonie Evangelische Kirche Jesus Christus Liturgie Peter Schallenberg Seelsorge Synoden

Weitere Artikel

Ökumenische Impulse für eine Kirche mit Zukunft: In der Theologischen Fakultät Paderborn wurden Zahlen einer neuen Erhebung zu kirchlichem Leben vorgestellt.
16.01.2026, 17 Uhr
Henry C. Brinker
Christian Hümpfner, Stephan Wahle und Raphael Bellmann sprechen mit der „Tagespost“ über eine Christenbefragung, ökumenische Perspektiven und wie Kirche heute lebendig bleiben kann.
14.05.2026, 14 Uhr
Margarete Strauss

Kirche

Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier
Eucharistische Anbetung und Lobpreis auf einer ZdK-Veranstaltung? Das gibt’s, auf dem Gebetsabend „The Tabernacle“. Organisator Samuel Tussing erklärte der „Tagespost“ Hintergründe.
15.05.2026, 07 Uhr
Elisabeth Hüffer
Katholischer als der Papst? Die Piusbruderschaft bekräftigt ihren Anspruch, am überlieferten Glauben festzuhalten mit einem „Glaubensbekenntnis an Seine Heiligkeit Papst Leo XIV.“
14.05.2026, 20 Uhr
José García
Österreichs Boulevard heizt Spekulationen um High-Society-Priester Toni Faber an. Erzdiözese Wien bestätigt Gespräche mit Erzbischof Grünwidl.
14.05.2026, 18 Uhr
Meldung
Wolfgang F. Rothe ist Deutschlands bekanntester LGBTQ-Aktivist mit Kollar. Auch seine eigene Münchner WG machte der Priester zum Medienhappening. Doch das Experiment scheiterte.
14.05.2026, 17 Uhr
Jakob Ranke