Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Nuntius-Reihe

Die „leise Macht“ des Nuntius

Nikola Eterović ist Ende April als Nuntius ausgeschieden. Er hat sich auch grundsätzlich mit den Möglichkeiten der päpstlichen Diplomatie auseinandergesetzt.
Neujahrsempfang, 75. Jubiläum des Zentralrats der Juden
Foto: Imago/Bernd Elmenthaler | Lebt jetzt im Ruhestand wieder in seiner Heimat, auf der kroatischen Adriainsel Brac: Erzbischof Nikola Eterović.

Nach seinem Abschiedsempfang für das Diplomatische Korps am 23. April hat Nikola Eterović nach einer fast 13-jährigen Amtszeit als Apostolischer Nuntius mit Dienstsitz in Berlin am 27. April Deutschland verlassen und ist in seine Heimat auf die zu Kroatien gehörende Adriainsel Brac zurückgekehrt. Als er am 20. Januar 1951 dort geboren wurde, gehörte Kroatien zur Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien.

Lesen Sie auch:

Er trat nach dem Schulbesuch in das Priesterseminar von Split ein, studierte Philosophie und Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana und lebte im altehrwürdigen Collegium Capranica in Rom. Nach seiner Priesterweihe am 26. Juni 1977 in der Kathedrale von Hvar hatte Eterović das Privileg, in Rom sowohl an der Päpstlichen Akademie, der ältesten bis heute existierenden Diplomatenschule der Welt, ausgebildet zu werden, als auch parallel dazu an der katholischen Kaderschmiede, der Jesuitenuniversität Gregoriana, Missionswissenschaften und an der Lateranuniversität Kirchenrecht studieren zu dürfen.

Die Gregoriana war und ist bis heute die bedeutendste innerkirchliche Kaderschmiede, in der Glaube und Vernunft, „Fides et Ratio“, unzertrennliche Geschwister bei der Suche nach der Wahrheit und nach Gott sind.
Im Alter von 29 Jahren trat Eterović in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ein. Zunächst absolvierte er die Auslandsstationen in den Apostolischen Vertretungen von Elfenbeinküste, Spanien und Nicaragua. Von 1990 bis 1999 arbeitete er in der Sektion für die Auswärtigen Angelegenheiten im päpstlichen Staatssekretariat, faktisch dem Außenministerium des Heiligen Stuhls, eine Abteilung wiederum des Päpstlichen Staatssekretariats. Papst Johannes Paul II. ernannte Eterović 1999 zum Titularerzbischof und zum Apostolischen Nuntius in der Ukraine. 2004 kehrte Eterović in den Vatikan zurück und wurde Generalsekretär der Bischofssynode. Eine Frucht seiner Arbeit als Generalsekretär war eine kleine, aber sehr konzise und präzise Studie mit dem Titel „Synodalität: neue Dynamik. Vorschläge für die weitere Entwicklung der Synode der Bischöfe“ aus dem Jahre 2017.

Sowohl kirchenrechtliche, historische als auch theologische Aspekte werden hier auf dichtem Raum entfaltet. Bei der Lektüre wird die Singularität des „Synodalen Weges“ der Kirche in Deutschland deutlich, der sich außerhalb der 2 000-jährigen Tradition von kirchlicher Kollegialität stellt. Schon mit dem Begriff „Synodaler Weg“ wurde eine Umdeutung des Begriffs „Synode“ versucht. Infolge dieser Sprachverwirrung liegt es auf der Hand, dass der „Synodale Weg“ falsche Hoffnungen in sich birgt und weckt, bei den Teilnehmern wie auch beim Heiligen Stuhl.

Unaufgeregt und sehr sensibel

Seit dem 21. September 2013 war Eterović Apostolischer Nuntius in Deutschland und qua Amt „Doyen des Diplomatischen Korps“ in Deutschland.
Während des Lockdowns zur Bekämpfung der Corona-Pandemie entstand in der Nuntiatur das fast 400 Seiten umfassende Buch von Eterović „Die leise Macht“. Es ist eine Mischung aus eigenem Erlebten sowie einem Lehr- oder Handbuch zur Papstdiplomatie. Für Eterović, darauf weist bereits der Titel „Die leise Macht“ hin, kommt die päpstliche Diplomatie unaufgeregt, aber sehr sensibel daher. Sie ist nicht laut und erst recht nicht medienwirksam. Sie will keine Einmischung in die politischen Angelegenheiten des Gaststaates, sondern sie sorgt sich um das Wohl seiner Bewohner, und hier naturgemäß insbesondere des katholischen Bevölkerungsteils. Genauso hat Eterović seine Amtsausführung nicht nur verstanden, sondern tatsächlich auch nach den kirchenrechtlichen Vorgaben vorbildlich ausgeübt. Sie bestanden darin, die Beziehungen zum Staat und zu den Ortskirchen zu pflegen. Es gibt kaum einen Nuntius, der von Passau über Freiburg bis nach Kiel so intensiv ganz Deutschland bereist hat. Eterović hat keine Gelegenheit ausgelassen, nicht nur als Doyen des Diplomatischen Korps an Empfängen und Begegnungen der anderen Auslandsvertretungen teilzunehmen, sondern auch den Einladungen der Vertretungen der Bundesländer als Vertreter des Heiligen Vaters zu folgen.

Bei zahlreichen Jubiläen kirchlicher Institutionen, wie Diözesen, Pfarreien, Klöstern, Verbänden und Wallfahrtskirchen, hatte der Nuntius Grußworte verkündet, das Messopfer gefeiert und gepredigt sowie den Apostolischen Segen gespendet und zeigte sich den Katholiken hierzulande stets sehr zugewandt.
Geradezu familiär waren seine Begegnungen mit der kroatischen Auslandsgemeinde in Berlin sowie in ganz Deutschland, wo er mehrfach das Sakrament der Firmung spendete. Es war das Gegenteil von dem, was er bei Versammlungen der Deutschen Bischofskonferenz oder bei den Sitzungen des „Synodalen Weges“ erlebte, wo man ihm nicht selten auf offener Bühne mit Hochmut und teils Missachtung begegnete.

Hier war der Nuntius der Prügelknabe für jene, die Presseberichten Glauben schenkten, die uns Deutschen versprachen, Papst Franziskus würde die Kirche revolutionieren. Es wurde insinuiert, Frauenordination oder Abschaffung des „Zwangszölibats“ stünden kurz bevor. Die Initiatoren des „Synodalen Weges“, zu denen auch Bischöfe gehörten, fühlten sich ermutigt, diesen Weg unaufhörlich weiterzugehen.

Doch sie übersahen, dass auch der Papst katholisch war, und dieser darauf bedacht sein musste, die Einheit der Kirche nicht zu gefährden. Sie hatten die „Zeichen der Zeit“ falsch verstanden oder aufgrund des selbst veranstalteten Lärms überhört. Auf seinen zahlreichen Begegnungen während seiner Reisen durch Deutschland spürte der Nuntius sehr wohl, dass der „breite Konsens“ oder die „Mehrheiten“ für die angestrebten Reformen bei denen, die zu ihm in die Kirchen kamen, definitiv nicht vorhanden war. Dieses Grundproblem des deutschen „Gremienkatholizismus“ hatte auch Eterović schnell begriffen.

Stimme von Papst Franziskus

Bemerkenswerterweise hatten sich konservative Katholiken ein Eingreifen des Nuntius erhofft. Doch das war nie sein Auftrag. So waren auch sie vielfach enttäuscht. Aber hatte nicht der Heilige Stuhl und Papst Franziskus höchstpersönlich oft genug Klartext gesprochen? Sein „Brief an das pilgernde Volk Gottes“ vom 29. Juni 2019 wäre zu früheren Zeiten in allen Pfarreien verlesen worden. Jetzt hatten den Gläubigen die meisten Bischöfe dieses Schreiben vorenthalten, ja nicht einmal auf den Internetseiten ihrer Diözesen veröffentlicht. Einzig Nuntius Eterović berief sich fortan auf den Brief und zitierte daraus in seinen zahlreichen Ansprachen, von denen die bedeutendsten Texte pünktlich anlässlich seines Ausscheidens am 23. April 2026 in einem Sammelband publiziert wurden.

Lesen Sie auch:

Auf dem jährlichen Herbstempfang der Deutschen Bischofskonferenz 2022 für das politische Berlin zeigte man sich erkennbar belustigt, dass der Nuntius mit erheblicher Verspätung kam, weil er anlässlich einer Fatima-Prozession zum Brandenburger Tor einer Feier der Heiligen Messe mit 2000 Teilnehmern den Vorrang einräumte. Das war ein unmissverständliches Statement des Apostolischen Nuntius, der Christus zu den Menschen gebracht und Zeugnis abgelegt hat, während das kirchenpolitische Berlin und die Vertreter des Gremienkatholizismus selbstgerecht an ihren Rotweingläsern nippten.


Der Autor ist Historiker und Experte für die Nutiaturgeschichte

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Michael Feldkamp Jesus Christus Johannes Paul II. Katholikinnen und Katholiken Nikola Eterović Papst Franziskus Päpste Päpstlicher Botschafter Titularerzbischöfe

Weitere Artikel

Unermüdlich warb der Apostolische Nuntius Nikola Eterović für die Einheit mit der Weltkirche. Eine undankbare Aufgabe im synodalen Deutschland, die nun ihr Ende hat.
24.04.2026, 14 Uhr
Franziska Harter
Friedrich Merz und Papst Leo XIV. wurden in derselben Woche gewählt. Ein Blick zurück in die Geschichte: Wie war bisher das Verhältnis der Bundeskanzler zu den Päpsten?
10.05.2025, 18 Uhr
Sebastian Sasse
Papst Leo XIV. entsendet einen erfahrenen Diplomaten nach Madrid. Die Ernennung war von Spekulationen über ein mögliches Veto der spanischen Regierung begleitet.
17.09.2025, 11 Uhr
Meldung

Kirche

Das neue Vatikanpapier zum Papstamt belebt die ökumenische Debatte. Doch beim Katholikentag wurde deutlich: Der Weg zu einer gemeinsamen christlichen Stimme bleibt weit.
16.05.2026, 16 Uhr
Heinrich Wullhorst
Ralph Brinkhaus fordert mehr Gottesbezug, Kardinal Marx hält sich lieber an die Vernunft. Doch wie jenseitig dürfen politische Ratschläge der Kirche dann noch sein?
16.05.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer verweist auf „Dynamiken“ bei der Prüfung der Satzung in den römischen Dikasterien.
16.05.2026, 12 Uhr
Meldung