Frau Schreiber, Sie werden auf dem Kongress „Freiheit 2026“ einen Vortrag über Frauen nach dem Ausstieg aus der Prostitution halten. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Ich habe selbst eine Vergangenheit in der Prostitution und lange gedacht, das sei nur meine persönliche Geschichte. Erst durch meine therapeutische Arbeit wurde mir klar, dass es sich um ein gesellschaftlich relevantes Phänomen handelt, weil ich immer wieder Frauen begleitet habe, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die individuellen Lebensgeschichten unterscheiden sich zwar, aber die Dynamik der Traumatisierung ist erstaunlich ähnlich. Durch meine doppelte Perspektive – als Betroffene und als Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Traumatherapie – kann ich diese Prozesse sowohl aus dem Erleben heraus als auch fachlich einordnen. Daraus ist für mich ein klarer Auftrag entstanden, über dieses Thema zu sprechen.
Was sind typische psychische Folgen nach einem Ausstieg aus der Prostitution?
Prostitution ist ein Gewaltakt, und für die Psyche macht es letztlich keinen entscheidenden Unterschied, ob eine Frau durch Zwang hineingerät oder zunächst freiwillig einsteigt, denn die Wirkung auf Körper und Seele ist vergleichbar mit anderen schweren Traumatisierungen, etwa durch Krieg oder Folter. Ein zentraler Mechanismus ist die Dissoziation, bei der die Frau ihr Erleben vom eigenen Körper abspaltet, um die Situation überhaupt aushalten zu können, ohne dass ihr das unbedingt bewusst ist. Häufig fühlt es sich sogar so an, als würde „es nicht mehr so viel ausmachen“, doch genau das ist bereits Ausdruck der Traumatisierung.
Was erleben Frauen unmittelbar nach dem Ausstieg?
Der Ausstieg selbst ist ein sehr schwieriger Schritt, und danach beginnt nicht automatisch ein neues, gutes Leben, sondern viele Frauen fühlen sich zunächst völlig orientierungslos und fremd. Sie haben das Gefühl, in einer Welt zu sein, in die sie nicht gehören, und brauchen vor allem Sicherheit, also finanzielle Stabilität, eine sichere Wohnsituation und verlässliche Beziehungen. Der eigentliche Verarbeitungsprozess setzt oft erst Jahre später ein, weil viele zunächst denken, sie hätten es geschafft und könnten die Vergangenheit hinter sich lassen, während erst mit der Zeit deutlich wird, welche inneren Folgen die Erfahrungen haben.
Welche Rolle spielt das soziale Umfeld dabei?
Das Prostitutionsmilieu ist eine eigene Welt mit einer spezifischen Form von Zugehörigkeit, auch wenn diese negativ geprägt ist, und gleichzeitig besteht eine starke Abgrenzung zur sogenannten normalen Gesellschaft. Nach dem Ausstieg bleibt häufig die Frage, ob andere Menschen einen noch akzeptieren würden, wenn sie die Vergangenheit kennen, und diese Unsicherheit kann über Jahre bestehen bleiben und es erschweren, neue Beziehungen aufzubauen.
In der öffentlichen Debatte wird Prostitution teilweise als „Sexarbeit“ bezeichnet. Wie bewerten Sie das?
Ich halte diesen Begriff für problematisch, weil er den Eindruck vermittelt, es handle sich um eine normale Arbeit, was aus meiner Sicht nicht zutrifft. Diese sprachliche Normalisierung erschwert es den betroffenen Frauen, ihre Erfahrungen als das zu erkennen, was sie sind, nämlich Gewalt, und kann dazu führen, dass sie sich später selbst die Schuld geben, wenn sie merken, wie sehr sie die Erlebnisse geprägt haben.
Was brauchen Frauen konkret, um den Ausstieg dauerhaft zu schaffen?
Ganz praktisch brauchen sie zunächst Geld, weil viele nach dem Ausstieg keine finanziellen Rücklagen haben, und darüber hinaus Unterstützung bei der Wohnungssuche, beim Einstieg in eine reguläre Erwerbstätigkeit und beim Umgang mit Behörden, da oft keine Einkommensnachweise vorhanden sind. Ebenso wichtig sind Menschen, die sie begleiten und ihnen zeigen, wie ein Leben außerhalb des Milieus funktionieren kann.
Wo sehen Sie derzeit die größten Lücken, wenn es um Hilfsangebote geht?
Ein zentrales Problem ist, dass im sozialen Bereich häufig Mittel gekürzt werden, während gleichzeitig teilweise eine klare Haltung fehlt, weil einige Beratungsstellen sowohl den Verbleib in der Prostitution als auch den Ausstieg unterstützen. Aus meiner Sicht braucht es eine eindeutige Position, dass der Ausstieg das Ziel sein sollte, und darüber hinaus spielt die gesellschaftliche Haltung eine große Rolle, da die Legalisierung oft den Eindruck vermittelt, Prostitution sei legitim.
Welche gesellschaftlichen Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig?
Ich halte die Gesetzgebung für einen entscheidenden Faktor, weil viele Menschen das, was legal ist, auch als moralisch akzeptabel ansehen, und Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass sich durch gesetzliche Veränderungen auch das gesellschaftliche Bewusstsein wandeln kann. Langfristig braucht es einen breiten Konsens, dass der Kauf von Sex nicht akzeptabel ist, sowie mehr Aufklärung, auch für Männer, über die Folgen dieses Handelns.
Welche Rolle sollte die Kirche in dieser Frage einnehmen?
Die Kirche sollte aus meiner Sicht eine klare Position beziehen, denn bislang fehlt diese Eindeutigkeit oft, und gleichzeitig sollte sie den betroffenen Frauen mit Mitgefühl begegnen und konkrete Hilfsangebote unterstützen.
Was ist die zentrale Botschaft Ihres Vortrags?
Ich wünsche mir, dass deutlich wird, dass Prostitution unabhängig von den Umständen Gewalt ist und dass wir als Gesellschaft Verantwortung tragen, dieses Leid zu verringern. Dazu gehört, alles zu tun, um Betroffene zu unterstützen, und ihnen mit Respekt, Verständnis und konkreter Hilfe zu begegnen, während nicht die Frauen stigmatisiert werden sollten, sondern der Sexkauf als solcher.
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