Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.
Wenn ein Partner durch einen früheren sexuellen Missbrauch Ängste oder Abwehr gegen körperliche Intimität hat, ist das für beide eine Prüfung. Sexueller Missbrauch führt dazu, dass der Betroffene Sexualität, oft aber auch sich selbst als Person, mit toxischen Inhalten und Überzeugungen verbindet: Misstrauen, Angst, „Ich werde benutzt“, irrationale Schuldgefühle, manchmal auch Gewaltfantasien. Um hier zu einer liebevollen, erfüllenden sexuellen Begegnung zu gelangen, muss Sexualität mit neuen Inhalten verbunden werden: mit sich schenkender und empfangender Liebe und Hingabe.
Ein erstes Heilmittel: Vertrauen aufbauen und pflegen. Ehrlichkeit, Wertschätzung des anderen, einschließlich der Weiblichkeit beziehungsweise Männlichkeit. Den angstvollen und ablehnenden Inhalten positive Worte entgegensetzen: „Du bist wertvoll“, „Ich liebe dich, so wie du bist“, „Mir gefällt dies und jenes sehr an dir“ (auch körperliche Eigenschaften) – das alles mit Rücksicht darauf, was der andere annehmen kann. Es ist wichtig, wertschätzend übereinander und über Sexualität zu sprechen und alles zu unterlassen, was Vertrauen zerstört, den anderen benutzt oder herabwürdigt. Dazu gehören insbesondere der Konsum von Pornografie und respektlose Sprache. Diese Dinge sind in jeder Ehe wichtig, für beide Partner. Der von Missbrauch Betroffene ist hier ebenso gefragt. Die Ehe soll ja keine einseitige Helferbeziehung sein, sondern eine wechselseitige Verbindung von Liebe und Unterstützung.
Über den Missbrauch und seine Folgen zu sprechen ist gut, aber er sollte nicht zum bestimmenden Thema werden. Das Eheleben mit vielen positiven Momenten und Gesprächen zu füllen, die beide Partner erfreuen und verbinden, ist essenziell. Bei vielen Betroffenen wirken sexuelle Intimität oder auch nicht-sexuelle Berührungen als „Trigger“, die Gefühle aus der früheren Missbrauchssituation aktivieren. Das zieht eine innere Alarmreaktion nach sich, die zu Erstarrung oder einem inneren „Aussteigen“ führt, der sogenannten „Dissoziation“. Schlimmstenfalls kann die sexuelle Begegnung im Nachhinein als erneute Traumatisierung empfunden werden. Wie kann man das vermeiden?
Das Wohl des Anderen im Blick behalten
Der Weg zu einer erfüllenden Begegnung führt über viel Zeit für behutsames, langsames, liebevolles Herantasten an körperliche Nähe, zunächst unter Aussparung sexueller Berührungen. Solche Zärtlichkeit sollte nicht nur als Vorspiel betrachtet, sondern bewusst wahrgenommen werden. Wichtig ist auch Kommunikation: Was gefällt mir, was tut mir gut, was überfordert mich? Wie geht es dir dabei? In Überforderungssituationen hilft ein zuvor vereinbartes Handzeichen oder Codewort, woraufhin der andere einen Schritt zurückgeht und eventuell kurz nachfragt, was dem Betroffenen gerade guttut. Sprechen Sie später darüber.
Auch für den nicht betroffenen Ehepartner kann die Situation sehr herausfordernd sein. Dennoch sollten Vorwürfe und emotionaler Druck vermieden werden. Es ist ratsam, mit gleichgeschlechtlichen Freunden zu sprechen oder sich fachliche Hilfe bei jemandem, der das katholische Konzept von Ehe respektiert, zu suchen. Bei anhaltenden Traumafolgestörungen wie innerem Wiedererleben, Albträumen oder permanenter angstvoller Wachsamkeit können moderne Traumatherapien hervorragende Hilfe leisten.
Immer sollten beide Partner das Wohl des anderen im Blick behalten; genauso wie die Vision einer erfüllenden, körperlich-seelischen intimen Begegnung. Der Weg kann anstrengend sein – doch er lohnt sich. Wenn es schwer wird, darf man immer daran denken: „Wir kämpfen nicht gegeneinander. Wir kämpfen gemeinsam für die Liebe.“
Der Autor ist als Psychiater und Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene tätig. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.
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Bei der Kolumne „Sex and Soul“ handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der Leserfragen ausschließlich in allgemeiner Weise aufgreift und keine persönliche Beratung leistet.
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