Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.
Wenn Pornografie die Sexualität auf Erregung reduziert, verstummt die Sprache des Leibes. Der Weg aus dieser Entfremdung beginnt damit, den Leib wieder als Sprache der Person zu hören. Denn der Leib, so Johannes Paul II., sagt etwas über den Menschen: Er will nicht nur Erregung auslösen, sondern Liebe, Annahme, Hingabe und Fruchtbarkeit empfangen und schenken.
Sexualität ist von mehreren Motiven getragen. Die Sexualmediziner Beier und Loewit unterscheiden Lust, Fruchtbarkeit und Beziehung. Wer von seinen Bedürfnissen entfremdet ist, muss besonders das Beziehungsmotiv neu erschließen. Dazu gehört das Bedürfnis, geliebt zu werden; sich als Mann oder Frau bejaht und angenommen zu wissen; Selbstwirksamkeit zu erfahren, also etwas schenken und gestalten zu können; ebenso Nähe, Gehaltensein, Geborgenheit und das Erleben leiblicher Verbundenheit.
Bedürfnisse bleiben jedoch abstrakt, wenn sie nicht mit konkreten Handlungen verbunden werden. Denn erst Handlungen schaffen die Erfahrung von Nähe und Angenommensein. Wer zu seinen Bedürfnissen zurückfinden will, muss deshalb fragen: Durch welche Geste fühle ich mich angenommen? Durch welches Verhalten entsteht in mir Nähe? Was lässt mich spüren, dass ich gemeint bin?
Hat Pornografie einen Menschen von seinen Bedürfnissen entfremdet, sollte diese Suche nicht in der Sexualität beginnen. Klüger ist es, zuerst auf den Alltag und dann auf die Partnerschaft zu schauen: Wodurch fühle ich mich gesehen? Wo erlebe ich Annahme, Trost oder Geborgenheit? Wo erlebe ich das in meiner Partnerschaft, wo in Freundschaft und Gemeinschaft?
Am Anfang sollte die reine Zärtlichkeit stehen
Erleben ist kein zufällig gewähltes Wort. Erleben meint: Ich muss mir die Erfüllung eines Bedürfnisses innerlich vorstellen und sie spüren können. Gerade diese Vorstellungskraft und Spürfähigkeit ist aber bei längerer Entfremdung abgestumpft. Sie muss neu erschlossen werden, nicht als pornografische Bilderwelt, sondern als stille Fähigkeit, echte Nähe innerlich wahrzunehmen: Wie fühlt sich ein Blick an, der mich wirklich sieht? Wie eine Umarmung, in der ich mich gehalten fühle? Zentral dabei ist: Was berührt mich wirklich? Welche Situationen der Zweisamkeit erwecken leibliches Erleben in mir?
Wenn Bedürfnisse so im Alltag und täglichen Miteinander einer Partnerschaft wieder erlebbar werden, kann der Übergang zur Sexualität gewagt werden. Dann sollte aber nicht der sexuelle Akt am Anfang stehen, sondern die reine Zärtlichkeit. Welche Berührung meines Körpers vermittelt mir Nähe? Welche erweckt Geborgenheit in mir? Welche lässt mich die Akzeptanz meiner Person spüren? Vielleicht ist es zunächst das Angeschautwerden, vielleicht eine bestimmte Umarmung, vielleicht die leibliche Wärme, die mir der Partner schenkt. Der Leib kann so langsam wieder zur Liebe zurückfinden.
Von dort aus kann wachsen, was sich allmählich in den sexuellen Akt integriert. Sexualität ist dann nicht mehr auf Lust fixiert, sondern lebt vom Dialog der Bedürfnisse. Findet dieser Dialog statt, ist der sexuelle Akt nicht mehr vom Beziehungsmotiv getrennt, sondern von ihm her geordnet und getragen. Freilich lebt Sexualität nie nur von der Innenarbeit eines Einzelnen. Auch der andere hat Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche. Darum müssen die Bedürfnisse beider zur gemeinsamen Sprache des Leibes und der Sexualität werden. Das braucht Gespräch, Geduld und kleine Schritte des Vorangehens. Wenn die Bedürfnisse beider wieder in der Sexualität erlebt werden können, tritt die konsumierende Lust zurück. Es wächst eine Sexualität, die sich schenkt. Wo die Sprache des Leibes neu erwacht, wird Sexualität Beziehung.
Der Autor ist Diplom-Sozialarbeiter und seit über 20 Jahren als Sexualberater tätig. Vor Kurzem schloss er einen Universitätslehrgang im Bereich Sucht ab.
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