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Rote Knöpfe

Eine Ermutigung, an sich selbst zu arbeiten, damit wir unsere Verletzungen nicht weitergeben.
König David
Foto: Imago/imagebroker | König David hält in seinen Psalmen nichts zurück. Er klagt aus der Tiefe seiner Seelennot.

Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Wir lieben uns, aber wir haben viel gestritten. Mit Worten, Fäusten und manchmal mit Schlimmerem. Ich dachte, ich wüsste alles über meine roten Knöpfe. Die Punkte, bei denen ich schlagartig explodiere. Geschwister können das: rote Knöpfe drücken. Mich in die Version meiner Selbst versetzen, die ich nicht sein will. Ich fühle mich wie Dr. Robert Bruce Banner, der sich bei jedem Anflug von Wut in das Monster Hulk verwandelt.

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Als ich ausgezogen bin, ist es ruhiger geworden um meine roten Punkte. Auf mich selbst gestellt konnte ich sie ausgezeichnet verbergen. Ziemlich nette Version meiner Selbst in diesen Jahren. Ich dachte fast, Hulk wäre gezähmt. Oder gar ganz verschwunden. Und dann habe ich Kinder bekommen. 

Nichts hat mich auf diesen Aspekt der Mutterschaft vorbereitet: Dass ich selbst Wesen hervorbringen würde, die jedes meiner Geschwister locker in der Pfeife rauchen, wenn es darum geht, rote Knöpfe zu drücken. Wesen, die mich so gut kennen und oft unbewusst, manchmal auch bewusst, meine roten Knöpfe drücken. Mal unvorhersehbar und plötzlich. Mal gezielt und treffsicher. Wesen, die den Hulk in mir hervorrufen. Den brutalen, aggressiven, verletzenden Hulk. 

Mit den Nerven am Ende

Heute war‘s mal wieder soweit: Mein dritter Sohn saß an seinen Hausaufgaben. Beziehungsweise er sprang herum, blödelte, ärgerte seine kleine Schwester. Irgendwann kam das Unvermeidliche – der große Zusammenstoß. Meine Nerven am Ende – seine auch. Erst schreit er, dann schreie ich. Ich schimpfe, er weint und zürnt und wirft Dinge durch die Gegend. 

Ich frage mich: Warum kann ich ihn darin nicht ruhig begleiten, wenn seine Gefühle überlaufen?  Nicht selten habe ich die Ursache im Außen gesucht. Meine Kinder für schuldig erklärt. Dass sie den Hulk hervorbringen. Eines habe ich in den letzten Jahren gelernt: Jeder dieser roten Knöpfe hat einen Nerv, der tief verwurzelt ist nach innen, in einer meiner eigenen Verletzungen, die noch nicht heil geworden ist.

Mir ist erst über die Zeit bewusst geworden, dass meine Kinder nur Auslöser und nicht Verursacher dieser roten Knöpfe sind. Dass es an mir ist, diese Wunden wahrzunehmen und zuzulassen – dass der einzig wahre Heiler, Jesus selbst, sie heilt.
Wunden, die nicht geheilt werden, gebe ich weiter.

Es war völlig fremd

Das anzuerkennen war schwer. Ich persönlich habe eine Therapie dafür gebraucht. Ich war bereits über vierzig, als ich begonnen habe, mich – bewusst und mit Hilfe – einigen dieser Wunden zuzuwenden. Die Ursache für Hulk nicht mehr im Außen zu suchen, sondern dort, wo er wohnt: in meinem Innern. Und ich habe etwas entdeckt, was mir früher völlig fremd war – ausgesperrt durch ein Korsett an Konventionen und „frommen Verhaltensweisen“. Ich habe gelernt zu klagen. Klagen als Gebetsform.

Gott anzuklagen. Laut. Ihm alles hinzuwerfen, was in mir tobt. Er hält das nicht nur aus – nein – er steht da mit offenen Armen und freut sich zutiefst, dass ich endlich ehrlich bin! Oft verlaufen meine Klagegebete so: Ich klage, schimpfe, lasse meine Not raus. Dann kommt fast automatisch das Bitten. Denn ich realisiere beim Hören meiner eigenen Klage, wie sehr ich seine Hilfe brauche. Und nicht immer, aber immer öfter, endet es im Dank. Weil er da ist und mich hört. Weil er alles getragen hat. 

Ein neuer Freund in der Bibel

Als ich begonnen habe, das Klagen aktiv zu praktizieren, habe ich in der Bibel einen neuen Freund gefunden – er heißt David. In seinen Psalmen fühle ich mich verstanden. Er hält nichts zurück. Klagt aus der Tiefe seiner Seelennot. Und dann bittet er. Und schlussendlich endet fast jeder Psalm im Lobpreis des Gottes, der alles vermag. Auch Hulk bändigen. 

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Nein – ich kann nicht behaupten, dass ich keine roten Knöpfe mehr hätte. Aber sie sind weniger geworden. Oder teilweise kleiner. Hulk ist noch da. Und ja – manchmal entfesselt. Aber er überrascht mich nicht mehr. Manchmal kommt er raus und verblasst, verliert seine Heftigkeit. Und ich darf wahrnehmen, dass etwas heil geworden ist. Dann könnte ich weinen vor Freude. Wieder eine Wunde, die ich nicht weitergeben werde. 


Die Autorin ist verheiratet, Mutter von vier Kindern, Autorin mehrerer Bücher und lebt in Augsburg.

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