Die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) hat angekündigt, am 1. Juli 2026 neue Bischofsweihen vollziehen zu wollen – mit oder ohne Zustimmung des Vatikans. Damit stellt die Piusbruderschaft Papst Leo XIV. vor eine gewaltige Herausforderung. Um die schwierige Lage des Papstes zu verstehen, muss man die komplizierte Vorgeschichte berücksichtigen.
Davide Pagliarani, der Generalobere der Piusbruderschaft, offenbarte die Pläne zunächst im Rahmen einer heiligen Messe an Mariä Lichtmess, bei der die Bruderschaft zugleich die Einkleidung von Novizen vollzog. Wie aus der inzwischen veröffentlichten Predigt sowie einem darauf basierenden offiziellen Schreiben der Bruderschaft hervorgeht, habe die Piusbruderschaft sich bereits zweimal schriftlich an den Papst gewandt. Sie habe zunächst eine Audienz erbeten und dann noch in einem zweiten Schreiben auf die Dringlichkeit ihres Anliegens, Bischofsweihen zu vollziehen, hingewiesen. Vor wenigen Tagen schließlich habe die Bruderschaft eine Antwort aus dem Vatikan erhalten, die aber „in keiner Weise“ auf die Anfragen eingegangen sei.
Bischofsweihe: Generaloberer Pagliarani beruft sich auf „objektiven Notstand“
Angesichts dieser Lage und der Tatsache, dass es nur noch zwei Weihbischöfe der Piusbruderschaft gibt (im Alter von 67 und 69 Jahren), beruft sich Pagliarani auf einen „objektiven Notstand“ zum Heil der Seelen, welcher die Weihen notwendig mache. Mit der Begründung eines objektiven Notstands hatte bereits Marcel Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft, 1988 die ersten Bischofsweihen ohne die Erlaubnis Roms vollzogen. Damit zogen sich die Beteiligten, sowohl die Weihenden als auch die Geweihten, automatisch die Tatstrafe der Exkommunikation zu – was aber die Gültigkeit der Weihen nicht beeinträchtigte.
2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier damals geweihten Bischöfe auf. Der Versuch aber, die Piusbruderschaft wieder voll zu integrieren, scheiterte. Dies aber lag nicht an der Tatsache, dass die Piusbruderschaft ausschließlich den Alten Ritus pflegt – denn das tun auch kanonisch voll anerkannte Gemeinschaften wie die Petrusbruderschaft –, sondern an der Ablehnung einzelner lehrmäßiger Aspekte des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Der kanonische Status der Bruderschaft ist bis heute umstritten und gilt als „irregulär“. Obwohl echte oder vermeintliche „Traditionalisten“ mit Blick auf die Feier des überlieferten Ritus unter Franziskus stark unter Beschuss gerieten, machte auch dieser Papst erstaunliche Zugeständnisse an die Piusbruderschaft: Er gewährte ihren Priestern das Recht, das Beicht- und (unter bestimmten Bedingungen) auch das Ehesakrament zu spenden.
Warum die Piusbrüder in die Offensive gehen
Dass die Piusbrüder nun derart forsch in die Offensive gehen, dürfte – wie der katholische Publizist Peter Kwasniewski auf X mit Blick auf den marianischen Inhalt der Predigt Pagliaranis mutmaßt – auch mit dem zuletzt veröffentlichten Mariendokument des Glaubensdikasteriums zu tun haben. Die Piusbruderschaft hatte die Einschränkung der Marientitel „Miterlöserin“ und „Mittlerin aller Gnaden“ scharf kritisiert und eine „Sühnemesse zur Wiedergutmachung“ dieses „Angriffs (…) gegen die Allerseligste Jungfrau Maria“ gefeiert.
Auch wenn Pagliarani betonte, er hoffe, Leo XIV. vor dem 1. Juli zu sprechen, so hat er mit seiner Entscheidung und der Nennung eines konkreten Datums dem Papst die Pistole auf die Brust gesetzt: Leo, der von allen Seiten als herausragender Zuhörer gelobt wird und der in seiner noch kurzen Amtszeit immer wieder die Einheit der Kirche als eines seiner wichtigsten Anliegen betont hat, steht nun vor einem drohenden Schisma. Damit ist zusätzlich zum angespannten Verhältnis zu den deutschen Synodalen, die partout nicht auf die Bedenken Roms hören wollen, eine zweite aktive kirchenpolitische Front entstanden.
Außerdem ist immer noch ungeklärt, wie es mit den unter Franziskus verhängten Einschränkungen der Alten Messe weitergehen wird. Von diesen Restriktionen wurde die Piusbruderschaft nicht tangiert, sondern lediglich jene, die ausdrücklich in kanonisch wohlregulierter Einheit mit Rom die überlieferte Liturgie feiern wollten. In dieser komplexen Gemengelage die richtigen Entscheidungen zu fällen, ist eine diplomatische Herkulesaufgabe für den neuen Pontifex. Wohlwollenden Katholiken bleibt nur eines: für alle Beteiligten und die Einheit der Kirche zu beten.
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