Im Hamburger „Kleinen Michel“ wird die wichtigste Reliquie des heiligen Ansgar aufbewahrt: sein rechter „Taufarm“. Hier ist auch die „Katholische Glaubensinformation“ des Erzbistums zu Hause, wo Erwachsene, die in die katholische Kirche eintreten wollen, auf Taufe und Firmung vorbereitet werden. Derzeit steigt die Zahl der Katechumenen stark an: Während es 2024 in Hamburg 59 Erwachsenentaufen gab, waren es 2025 bereits 82 – ein Plus von fast 50 Prozent, so der Leiter der „Glaubensinformation“, Pater Christian Modemann SJ. Zusätzlich haben im Hamburger Mariendom im vergangenen Jahr 44 Erwachsene die Firmung empfangen. Die Tendenz ist steigend; vor allem unter jungen Männern wächst das Interesse an der katholischen Kirche.
Das zunehmende Glaubensinteresse bestätigte auf dem Studientag, der kürzlich im Rahmen der 1.200-Jahr-Feier der Evangelisierung Nordeuropas im deutsch-dänischen Grenzgebiet stattfand, auch Signe von Oettingen, Pastorin am Dom zu Ribe: „Viele junge Menschen in europäischen Großstädten entdecken derzeit wieder die Bibel – nicht als Dogma, sondern als Resonanzraum“. Glaube sei Aufbruch, nicht Kopfsache, so die evangelische Theologin unter Verweis auf die Ansgar-Statue in Ribe: Bei ihr sind die Füße stärker ausgearbeitet als der Kopf. Ansgars Reise aus seinem französischen Heimatkloster Corbie über Westfalen und Dänemark bis hin nach Schweden und wieder hinunter nach Hamburg und Bremen, wo der Benediktiner 865 als Bischof starb, sei im Rahmen der karolingischen Reform, die „nicht zerstören, sondern Europa friedlich einen“ wollte, ein „zivilisatorischer Aufbruch“ gewesen, der zur „Einbindung des Nordens in Europa“ geführt habe.
Spüren, wie Menschen zu Ansgars Zeiten lebten
Der von der evangelischen Nordkirche und dem katholischen Erzbistum Hamburg gemeinsam geplante Studientag wurde an einem Originalschauplatz veranstaltet: im Nachbau eines frühmittelalterlichen Wikingerhauses im Museumskomplex von Haithabu, der größten Siedlung Nordeuropas im Frühmittelalter. Das Grabungsgelände liegt in einer Wiesenlandschaft, in die ein Ostseearm, die Schlei, weit hineinragt. Die etwa 80 Tagungsteilnehmer konnten am eigenen Leib erfahren, wie die Menschen zu Ansgars Zeiten im Norden lebten: in kühlen, halbdunklen Räumen mit Sandboden, in deren Strohdachgebälk Schwalben nisten, die zwitschernd ihre Runden drehen.
Aber kam Ansgar im Jahr 826 tatsächlich in die Wikingersiedlung Haithabu, um von hier aus Nordeuropa zu missionieren? „Den Zahn muss ich Ihnen leider gleich ziehen“, bedauerte der archäologische Leiter des Wikinger-Museums Haithabu, Matthias Toplak, in seinem vorsorglich als „häretisch-kritisch“ angekündigten Vortrag: In Haithabu gäbe es keine christlichen Funde – wie Schmuckkreuze oder Körpergräber –, die vor dem 10. Jahrhundert datierbar seien. Feiere man das Jahr 826 etwa umsonst? Mitnichten, denn in diesem Jahr ließ sich der gestürzte und zu Kaiser Ludwig dem Frommen geflohene dänische König Harald Klak in Mainz als erster skandinavischer Herrscher taufen – und zwar nicht allein, sondern zusammen mit seinem ganzen Gefolge, insgesamt 400 Personen.
Vorsichtige archäologische Schlussfolgerungen
Dann zogen die neugetauften Dänen wieder gen Norden, allerdings nicht nach Haithabu, sondern in das friesische Rüstringen, das Harald von Kaiser Ludwig als Lehen erhalten hatte. In Haralds Gefolge zog auch der Benediktiner Ansgar mit. Er war einige Jahre zuvor aus dem französischen Corbie in das Tochterkloster Corvey an der Weser gekommen, um im Norden zu missionieren. Ob Ansgar dann nach Haithabu weiterzog und hier die erste Missionskirche errichtete, wie die Überlieferung es will, lässt sich archäologisch nicht nachweisen, so Toplak.
Allerdings – so räumte er ein – müssten auch archäologische Schlussfolgerungen vorsichtig gezogen werden: Eine frühe Missionskirche sei möglicherweise nur eine kleine Hütte gewesen, christlicher Schmuck vielleicht noch unüblich und die Bestattungsriten zunächst unverändert geblieben. Schließlich sei die frühe Missionierung nicht der heroische „Glaubenskampf“ gewesen, der medial oft vermittelt werde, sondern ein langsamer Prozess in der Gesellschaft, in dem vor allem Frauen eine große Rolle gespielt haben dürften. Für diese sei das Christentum mit seiner Nächstenliebe und Marienverehrung sicher attraktiver gewesen als die nordischen Religionen mit ihrer Kampfrhetorik und der Aussicht auf Odins Gelage in der schwerterglänzenden „Walhalla“.
Gesellschaftstransformation durch Mission
Andreas Müller, Kirchenhistoriker an der Universität Kiel, bestätigte, dass die frühe Missionierung keine Revolution gewesen sei, sondern eine „Gesellschaftstransformation“, vor allem durch eine „Propaganda der Tat“. Mit theologischen Lehren konnte man die frühmittelalterlichen Menschen kaum erreichen, wohl aber damit, dass das Christentum ihnen „etwas bringt“ – ein besseres Miteinander und einen anderen Umgang mit dem Tod. Die Kranken- und Armenfürsorge der Christen hätte Eindruck gemacht.
Auch die nach Ansgars Tod von seinem Schüler Rimbert verfasste Vita Anskarii hebt Ansgars Wohltätigkeit stark hervor, besonders in seiner Zeit als Bischof von Hamburg und von Bremen nach der Rückkehr aus Schweden, wohin er 829 aufgebrochen war. Zwar müsse man Ansgars Lebensbeschreibung kritisch lesen, da Rimbert bewusst eine Heiligenvita schrieb, die Idealisierungen enthält, aber dennoch habe die Wohltätigkeit für die Mission eine große Rolle gespielt – ebenso wie die Diakonie auch in unserer Zeit den Glauben für viele Menschen plausibel mache.
Europäische Identität statt nationale Vereinnahmung
Nicht zufällig fand die Tagung am 9. Mai statt, dem „Europatag“, an dem 1950 – als das Nachkriegseuropa vielerorts noch in Trümmern lag – der französische Außenminister Robert Schuman mit einer historischen Rede den Grundstein für die Europäische Union legte. Der „europäischen Identität“ war der Beitrag der Soziologin Monika Eigmüller von der Europa-Universität Flensburg gewidmet. Diese solle nicht „die verspätete Kopie nationaler Identität“ sein, sondern „der Versuch, unter Bedingungen von Vielfalt, Mehrfachzugehörigkeit und historischer Belastung dennoch ein politisches Wir zu bilden – kein einfaches Wir, kein abgeschlossenes Wir, aber vielleicht ein zivileres Wir als ein allein nationalstaatliches jemals sein kann.“
Nationalistisch waren 1926 die 1.000-Jahr-Feiern zum Andenken an den „Apostel des Nordens“ geprägt gewesen. Während das 1867 nach dem Deutsch-Dänischen Krieg an Preußen gefallene Haithabu als Wahrzeichen „germanischer Identität“ überhöht wurde, erklärte man jenseits der Grenze Ansgar zum dänischen Nationalhelden und Wegbereiter Luthers als Vorkämpfer für ein „reines“ Christentum. 1926 war Dänemark geradezu in einem „nordischen Ansgar-Rausch“, so Mattias Sommer Bostrup, Kirchenhistoriker an der Universität Aarhus. Geschichte müsse jedoch „Rekonstruktion der Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft“ sein. In diesem Sinne sei Ansgars historische Relevanz heute transnational: „Er ist ein Grenzgänger, ein Europäer, wenn man so will, der Grenzen überschritt und Neuland betrat.“
Die Autorin ist freie Übersetzerin und Journalistin.
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