Clemens Graf von Galen ist nicht nur eine Figur aus der Geschichte, er ist ein Mensch, der uns auch heute noch, rund 80 Jahre nach seinem Tod, den Weg in eine lebendige Gottesbeziehung weisen kann. Das hat die Seligsprechung durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 eindrücklich unterstrichen. Aber schon den Zeitgenossen war die Ausstrahlungskraft sehr bewusst, die von dem Charisma des Münsteraner Erzbischofs ausging. „Kraft, Selbstvertrauen, kühler, sicherer Muth und Siegesgewissheit im Kampfe spiegeln sich in seinem Aussehen. Hoch aufgerichtet ist der Rumpf, noch höher gehalten der Kopf, majestätisch sein Blick, würdevoll, achtunggebietend seine Haltung. Alles an ihm zeugt von Adel; jede Bewegung erscheint gemessen und würdig; Körper und Geist stehen im vollsten Einklange“, so wird in „Brehms Tierleben“, zu Galens Lebzeiten eine äußerst beliebte Lektüre bei Jung und Alt, ein Löwe beschrieben. Wenn das Volk seinen Bischof schon bald den „Löwen von Münster“ nannte, so hatten diese Menschen ein konkretes Bild vom „König der Tiere“ dabei vor Augen. Es war das direkte Gegenbild zum tatsächlichen politischen Herrscher dieser Zeit, dem Diktator.
Adolf Hitler begriff den Bischof als seinen persönlichen Feind. Nach dem herbeigesehnten Endsieg sollte es von Galen an den Kragen gehen, doch jetzt wagten die NS-Schergen den Zugriff noch nicht. Zu sehr war der Bischof getragen von seinem gläubigen Volk. Hätte damals jemand gewagt, von Galen zu inhaftieren, Westfalen hätte hinter seinem Bischof gestanden.
Wie stark die Predigten, die Galen gegen die Euthanasie gehalten hat, auch heute noch wirken, hat eine Episode in den vergangenen Tagen gezeigt. Die Schauspielerin Mechthild Großmann, vor allem bekannt als kettenrauchende Staatsanwältin im Münsteraner „Tatort“, liest zum 80. Geburtstag aus den Predigten Galens in dessen Geburtsort in Dinklage vor. Die Schauspielerin, die nicht im Verdacht steht, eine Exponentin des katholischen Milieus zu sein, zeigte sich tief beeindruckt. Und in der Tat, wer die Predigten liest, der spürt sehr schnell die Relevanz für unsere Gegenwart: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden.“
Hier hören wir den Ruf des „Löwen von Münster“ an uns. Auch heute ist Mut gefragt, um für das Lebensrecht einzutreten. Freilich ist es ein Mut anderer Art als damals. Heute muss niemand befürchten, dass die Gestapo bei ihm an der Haustür klingelt. Er muss höchstens damit rechnen, als rückständig oder reaktionär bezeichnet zu werden. Vor allem aber müssen die Menschen von heute sich erst einmal aus ihrer Trägheit aufraffen. Was vor allem anders ist: Gläubige der Gegenwart wachsen nicht mehr in einer so starken Volkskirche heran, die Rückhalt, Sicherheit und Geborgenheit geboten hat, Heimat für die Menschen war. So eine Symbiose zwischen Bischof und seinem Volk wie zwischen Galen und den Westfalen von damals wäre heute sicher so nicht mehr möglich. Aber auch wenn diese Zeit anders ist, um seine Fürsprache dürfen wir den seligen Clemens bitten. Dafür können wir dankbar sein.
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